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Der wegen versuchten Mordes an zahlreichen Frauen und Mädchen angeklagte 30-jährige Informatiker aus Würzburg sitzt im Landgericht. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Urteil im Stromschlags-Prozess: Elf Jahre Haft für falschen Arzt

In München ist ein Urteil im Stromschlag-Prozess gefallen. Ein Mann hatte sich als Arzt ausgegeben und mehrere junge Frauen dazu gebracht, sich selbst Stromschläge zuzufügen. Nun muss er ins Gefängnis.

München. Er brachte die jungen Frauen dazu, sich unter Strom stehende Löffel an die Schläfen zu halten – oder mit Alufolie überzogene Sandalen anzuziehen und sich damit Stromschläge zu versetzen. Er brachte Freunde oder Eltern dazu, Mädchen zu fesseln – mit Kabelbindern an eine Gartenliege zum Beispiel – und ihnen Elektroschocks zuzufügen. Dazu gab er sich als Mediziner aus, sprach von wissenschaftlichen Studien und erteilte per Online-Chat Anweisungen. Es soll ihn erregt haben zu sehen, wie seine Opfer zitterten, Krämpfe und starke Schmerzen bekamen. Einige hatten nach den angeblichen Versuchen Brandmarken an den Schläfen. Sie hätten sterben können.

Mann gab sich als Arzt der Charité aus

Im aufsehenerregenden Stromschlags-Prozess vor dem Landgericht München II ist der Angeklagte am Montag nun zu elf Jahren Haft wegen versuchten Mordes in 13 Fällen verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Informatiker aus Würzburg sich als falscher Arzt der Berliner Charité ausgegeben und junge Frauen per Internet-Chat dazu gebracht hat, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen. Das Mordmerkmal: Befriedigung des Geschlechtstriebes. Verurteilt wird der Angeklagte auch wegen Titelmissbrauchs und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen. Er zeichnete die Chats auf, um sie sich immer wieder ansehen zu können.

Informatiker war ursprünglich in 88 Fällen angeklagt

Angeklagt war der 30 Jahre alte Informatiker aus Würzburg ursprünglich wegen versuchten Mordes in 88 Fällen. Das Gericht wertet aber nicht alle Fälle als versuchte Morde, sondern geht in einigen Fällen lediglich von Körperverletzung aus. Fälle, in denen die jungen Frauen nur so taten als würden sie sich wirklich Strom durch den Körper jagen, fließen aus Gründen der „Verfahrensverschlankung“ gar nicht in das Urteil ein.

Mit den elf Jahren bleibt die Kammer hinter der Forderung der Staatsanwaltschaft von 14 Jahren zurück – und übertrifft die Forderung der Verteidigung nach einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren weit. Außerdem ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Laut einem psychiatrischen Gutachter hat der Angeklagte das Asperger-Syndrom – gepaart mit einer „sexuellen Deviation“, was soviel bedeutet wie Perversion. In der Aussage des Angeklagten, die Taten seien nicht sexuell motiviert gewesen, sieht das Gericht „ein Verdrängungsmoment“ und eine „nahe liegende Beschönigung“.

Angeklagter bot Geld für Teilnahme an wissenschaftlicher Studie an

Der Richter beschreibt, dass der junge Mann „die beste Fußfetischisten-Seite im www“ besuchte und sich im Internet über Sado-Maso-Praktiken und Folter austauschte, bevor seine jahrelange Tatserie startete. Von 2013 bis Anfang 2018 zog er seine Masche immer wieder durch. Sein jüngstes Opfer war laut Anklage erst 13 Jahre alt. Für die angeblichen wissenschaftlichen Studien bot er den Teilnehmerinnen, die er bei Ebay-Kleinanzeigen fand, weil sie dort einen Nebenjob suchten, mal 200, mal 450 Euro, sogar 1500 oder 3000 Euro. Von einer „Täuschungslegende“ spricht das Gericht.

Opfer litten unter starken Schmerzen

Dass er wegen seiner psychischen Verfassung – wie es die Verteidigung nahelegte – nicht genau wusste, wie gefährlich das war, was die jungen Frauen in seinem Auftrag taten, glaubt das Gericht nicht. Immer wieder habe er die Frauen, wenn sich bei ihnen während der Chatverläufe Angst und Zweifel meldeten, beschwichtigt und das Risiko heruntergespielt.

Besonders schwerwiegend bewertet die Kammer die Fälle, in denen der junge Mann seine Opfer dazu brachte, sich metallene Gegenstände an beide Schläfen zu halten – „was bedeutet, dass das menschliche Gehirn im Stromweg liegt“, wie der Vorsitzende Richter sagt. Dabei hätten die Opfer heftige Schmerzen erlitten. „Es hat mir das Licht ausgeknipst“, zitiert der Richter eines der Opfer. Es habe sich angefühlt „wie ein Sternenhagel“. Oder: „Es hat peng im Kopf gemacht.“

RND/al/dpa/lby