Mittwoch , 19. September 2018
Aktuell
Home | Nachrichten | Kultur International | Schlitzohr mit Selbstzweifeln
Burt Reynolds.

Schlitzohr mit Selbstzweifeln

Sexsymbol, Draufgänger, maskuline Prachtausgabe: Hollywoodstar Burt Reynolds ist im Alter von 82 Jahren gestorben – und hat mit seinen Rollenentscheidungen mehr gehadert, als sein selbstironisches Grinsen unterm Schnauzbart verraten hat.

Im Leben eines Hollywoodstars sind manchmal jene Filme ebenso interessant, die er nicht gedreht hat. Burt Reynolds hatte Angebote für „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Zeit der Zärtlichkeit“ – mit beiden Werken holte Jack Nicholson den Oscar. Richard Gere übernahm für Reynolds in „Pretty Woman“. Genauso war Reynolds als Han Solo in „Star Wars“ und sogar als James Bond im Gespräch. Ein Amerikaner könne diesen Job nicht übernehmen, ließ er die Produzenten wissen – und lehnte dankend ab.

Reynolds hat wohl mehr an diesen Fehlentscheidungen geknapst, als es sein selbstironisches Grinsen mit Schnauzbart unterm Cowboyhut verraten hat. Seine große Klappe und seine schnellen Sprüche überdeckten die Selbstzweifel, die an dem ewigen Draufgänger genagt haben müssen.

Nackt auf dem Bärenfell

Dafür tat Reynolds etwas anderes, was Nicholson nie getan hätte: 1972 zog er sich für die Aprilausgabe der Frauenzeitschrift „Cosmopolitan“ aus. Lässig posierte er nackt auf einem Bärenfell, seine intimsten Körperteile galant mit dem linken Arm verdeckt, ein Zigarillo im Mund. Damit war er wohl das erste – männliche – Nacktmodell, das sich auf einem Zeitschriftenfoto ausklappen ließ. Von nun an galt der 1,80-Mann mit dem durchtrainierten Oberkörper als männliches Sexsymbol.

Bekennender Hedonist war Reynolds aber auch – und für Affären etwa mit Tennisstar Chris Evert oder Golfspielerin Dinah Shore offen. Verheiratet war er zwei Mal. Die Scheidung von Kollegin Loni Anderson geriet zur Schlammschlacht. Als Liebe seines Lebens bezeichnete er im Rückblick Schauspielerin Sally Field. Mit ihr war er nie verheiratet.

Lastwagenfahrer, Rausschmeißer, Serienstar

Die Schauspielerei war nicht die erste Wahl der maskulinen Prachtausgabe, die gern in knappen Jeans und mit braungebrannter Haut daherkam. Der 1936 geborene Sohn eines Berufssoldaten mit irischen, italienischen, wohl auch irokesischen Ahnen tat sich zunächst im Football hervor. Er spielte im All-Star-Team der Florida State Universität. Dann erwischten ihn eine Knieverletzung und auch noch ein Autounfall.

Reynolds jobbte als Lastwagenfahrer und als Rausschmeißer, bevor er über das Serienfernsehen und den Broadway zum Kino kam. Der Durchbruch gelang ihm mit John Boormans Abenteuerfilm „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), einem bitteren Werk über hochmütige Städter, die in feindlicher Natur mit Pfeil und Bogen ums Überleben gegen Hinterwäldler kämpfen müssen.

Immer einen Tick schneller als die Verfolger

Nach diesem bravourösen Einstieg hätte sein Weg ganz anders aussehen können. Seine größten Publikumserfolge aber feierte Reynolds mit Filmen wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ (1977) oder „Auf dem Highway ist die Hölle los“ (1981). Der Titel traf ziemlich genau, was Reynolds vor der Kamera immer und immer wieder verkörperte. Seine Aufschneider waren bei rasanten Hetzjagden immer einen Tick schneller als sämtliche Verfolger. Mit charmant-jungenhaften Lügen zogen sie sich aus jeder Misere.

Manche Filme seien so schlecht gewesen, dass sie nicht einmal im Flugzeug gezeigt wurden, scherzte er mal. „Die Leute wären sonst rausgesprungen.“

„Ich war sehr jung und sehr blöd“

Reynolds spielte auch an der Seite von Größen wie Clint Eastwood („City Heat“), Catherine Deneuve („Straßen der Nacht“) oder Liza Minnelli („Lucky Lady“). Aber das waren dann eben nicht unbedingt Werke, die sich ins cineastische Gedächtnis einprägten. Später wechselte er auf die Seite der Regisseure. Seine letzte Arbeit hieß bezeichnenderweise „Letzte Ausfahrt Hollywood“ (2000).

In seinem Erinnerungsbuch „But Enough About Me“ (Aber genug von mir) ließ Reynolds vor ein paar Jahren zumindest ein wenig in sein Inneres blicken: Er habe sich oft „wie ein Arschloch“ verhalten, schrieb er. „Ich war sehr jung und sehr blöd.“ Auch das freizügige Foto auf dem Bärenfell bereute er. Für seine Schauspielkarriere sei es wenig hilfreich gewesen. Nackt bewarb man sich besser nicht für den Oscar.

Herzoperation mit fünf Bypässen

Im Alter folgten die Tiefschläge. Immer weniger anspruchsvoll wurden die Rollen, für die er unterschrieb. Gleich mehrfach musste er Bankrott anmelden. Auch mit der Gesundheit ging es bergab: Schon 2010 unterzog er sich einer Herzoperation mit fünf Bypässen. Am Donnerstag ist Burt Reynolds im Alter von 82 Jahren in einem Krankenhaus in Florida gestorben. Todesursache: Herzinfarkt.

Sally Field bekundete ihre Trauer um jenen Mann, der wir kaum ein anderer das unbeschwerte Lebensgefühl der Achtziger zur Schau getragen hat. „Er ist Teil meiner Geschichte und meines Herzens, solange ich lebe“, schrieb sie.

Ach ja, auf seine alten Tage war Burt Reynolds dem Oscar doch noch ganz nahe gekommen: Mit Paul Thomas Andersons „Boogie Nights“ brachte er es 1997 zu einem Golden Globe und immerhin zur Oscar-Nominierung. Doch gerade diese Rolle als schmieriger Pornofilm-Produzent konnte er nicht leiden.

Die kuriosesten Filmtitel mit Burt Reynolds

Von Stefan Stosch/RND