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Bei dem Projekt Dau soll vom 12. Oktober bis 9. November ein ganzes Areal an der Straße Unter den Linden mit einer rekonstruierten Berliner Mauer abgesperrt werden.

Die Mauer kommt zurück

Stalinistisches Disneyland oder spektakulärstes Kunstprojekt seit Christos Reichstagsverhüllung? Beim geplanten Kunstevent Dau soll mitten in Berlin die Mauer wieder aufgebaut werden. Doch noch fehlt die Genehmigung der Stadt. Und Befürworter und Kritiker streiten um den richtigen Umgang mit der Vergangenheit.

Der Besucher zeigt sein Visum vor, das er vorab gegen persönliche Informationen eingetauscht hat. Dann gibt er das Handy ab, kappt die Verbindung zum Internet und damit zum Heute. Auf der anderen Seite des Zeittors erinnern Schilder und Straßenlampen ans Osteuropa der Fünfzigerjahre. Plötzlich steht der Besucher vor einer riesigen Betonwand – einer baugleichen Rekons­truktion der Mauer, die Berlin jahrzehntelang in zwei Hälften geteilt hat.

Das Szenario beschreibt die geplante Großinstallation „Dau Freiheit“ mitten in Berlin-Mitte, direkt Unter den Linden. Das vielleicht spektakulärste Kunstprojekt seit der Verhüllung des Reichstags durch das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude im Jahr 1995 sieht vor, dass ab dem 12. Oktober für knapp einen Monat ein Areal rund um das Kronprinzenpalais abgesperrt wird. Mehrere Tausend Besucher pro Tag werden erwartet. Die Besucher sollen dort unter anderem die Erfahrung von Freiheitsverlust machen. Regisseur des Spektakels ist der russische Filmemacher Ilya Khrzhanovsky, der im geschichtsträchtigen Kern der Hauptstadt einen Echoraum schaffen will, um über Totalitarismus und Überwachung nachzudenken. Am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, soll der Nachbau niedergerissen werden. So weit die Idee.

Stadt Berlin muss noch Antrag genehmigen

Doch noch könnte das Projekt scheitern. Denn die Berliner Verwaltung hat große Probleme, alle Anträge rechtzeitig zu prüfen. Schließlich ist das Projekt groß, es müssen etliche Sicherheitsaspekte und baurechtliche Punkte geprüft werden. Die Initiatoren und Veranstalter kämpfen für ihr Kunstevent, mittlerweile soll Dau abgespeckt werden und das Areal deutlich verkleinert, um trotz des Zeitdrucks doch noch eine Genehmigung zu bekommen. Wie der zuständige Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) am Freitag mitteilte, haben die Initiatoren um Ilya Khrzhanovsky einen entsprechend überarbeiteten Antrag eingereicht.

Dennoch äußerten sich die Bezirkspolitiker skeptisch, das Genehmigungsverfahren mit zahlreichen beteiligten Behörden rechtzeitig abschließen zu können. „Wenn es scheitert, dann scheitert es daran, dass dieses Projekt hier einfach reingedrückt wurde“, so Bezirksstadträtin Sabine Weißler. Von Dassel sagte, er habe dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) bereits vorgeschlagen, gemeinsam ein Ausstiegsszenario zu entwickeln und Dau auf nächstes Jahr zu verschieben. Müller habe jedoch darum gebeten, es „hinzukriegen“.

Teils scharfe Debatte

Zudem tobt eine Debatte zwischen Kritikern und Befürwortern des Kunstprojekts, zum Teil mit deutlichen Worten. Von stalinistischem Disneyland oder ­Fake-DDR ist die Rede. Der frühere DDR-Bürgerrechtler und ehemalige Bundestagsabgeordnete Konrad Weiß spricht von einer Banalisierung kommunistischer Verbrechen. Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, wirft den Organisatoren des umstrittenen Projektes einen Mangel an Sensibilität beim Umgang mit der deutschen Geschichte vor. Beide verlangten ein Verbot des Kunstprojekts. „Der Gedanke, dass ein Stück Berlin neuerlich von einer Mauer geschändet wird, und sei es auch nur für einige Tage, ist für mich unerträglich“, schreibt Weiß in einem am Sonnabend veröffentlichten offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und den Regierenden Bürgermeister Michael Müller.

Der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze, dessen Wenderoman „Adam und Evelyn“ gerade als Filmadaption Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig feierte, möchte sich erst einmal das Ergebnis ansehen. Noch erschließe sich ihm der Sinn nicht. Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) stellte er die Frage: „Warum soll die Mauer gerade am Platz der Bücherverbrennung gebaut werden? Interessant könnte es vielleicht werden, wenn man die Mauer um die neue Schlossattrappe herum errichtete, Fake um Fake sozusagen, das hätte dann mit unserer Gegenwart zu tun.“

Veranstalter sind die Berliner Festspiele

Zu den Befürwortern gehören neben dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer auch der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann, der britische Musikproduzent Brian Eno und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. Als Eigentümer des Hauptveranstaltungsorts Kronprinzenpalais erklärte Döpfner, er hoffe, dass das Projekt nicht an den „Mauern der Bedenkenträger“ zerschelle. „Großartig und größenwahnsinnig, verstörend und bewusstseinsschärfend bohrt das Projekt Dau in den Wunden des Kalten Kriegs, der deutschen Teilung und schärft so den Sinn für das vorläufig glückliche Ende.“

Als Veranstalter fungieren die Berliner Festspiele, die auch das renommierte Theatertreffen ausrichten. Auch Festspielleiter Thomas Oberender argumentiert für das Kunstprojekt: „Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen und einer von jenen, die die Mauer zu Fall gebracht haben. Ich verstehe also jeden, der skeptisch ist. Aber 30 Jahre nach der Wende ist dieses Land so zerrissen wie lange nicht, und überall entstehen neue Mauern.“ Das Projekt werde dazu beitragen, „dass wir über die letzten 30 Jahre einer ambivalent verlaufenen Wiedervereinigung nachdenken, über die AfD, auch über Chemnitz, aber auch über den Riss, den jeder in sich trägt“.

Namenspate für Dau ist der sowjetische Physiker Lev Landau

Hauptsächlich dreht sich die Debatte um die etwa 800 Meter lange Mauer. Doch die ist nur einer von vielen Bausteinen des Gesamtkunstwerks. Wenn Khrzhanovskys Kunstprojekt im November nach Paris und Anfang 2019 nach London weiterzieht, wird sie fehlen.

Benannt ist die ganze Aktion nach Lev Landau. Der Physiker und Nobelpreisträger betrieb zwischen 1938 und 1968 in der Sowjetunion ein streng geheimes wissenschaftliches Institut, Dau war sein Spitzname. Landau gilt als eine Mischung aus Genie und Guru, eine Figur wie aus einem Roman von T. C. Boyle. Gleiches sagt man auch über den Regisseur Khrzhanovsky, der jenes legendäre Institut für ein größenwahnsinnig anmutendes Filmprojekt nachempfand: Mit bis zu 400 Menschen lebte er zwischen 2009 und 2011 auf einem 12 000 Quadratmeter großen Gelände im ukrainischen Charkiw zusammen. Abgeschottet von der modernen Welt, bei laufender Kamera. Eine Mischung aus „Big Brother“ und Kommune, Dokudrama und Sozialexperiment, ohne Drehbuch oder professionelle Schauspieler. Die Teilnehmer kleideten sich wie in der Sowjetunion, wer mit Smartphone erwischt wurde, musste mit Bestrafung rechnen. Alltag und Kunst verschmolzen.

Namhafte Künstler involviert

Über die Geschehnisse am Set gibt es wilde Gerüchte. Dazu zählen sexuell aufgeladene Vorstellungsgespräche und das Engagement eines Neonazi-Schlägertrupps, der am Ende alles kurz und klein haute. Khrzhanovsky scharrte so namhafte Künstler wie den Regisseur Romeo Castellucci, die Band Massive Attack oder den Kameramann von Rainer Werner Fassbinder, Jürgen Jürges, um sich. So entstanden 700 Stunden Filmmaterial, die zu 13 Spielfilmen und einer Vielzahl von Serien geschnitten wurden, die innerhalb der Dau-Mauer gezeigt werden sollen. Tom Tykwer, der über seine Firma X-Filme beteiligt ist, sagte: „Dau ist in Film- und Kunstkreisen ein Mythos.“ In einem Trailer sieht man einen Mann, mit dem Experimente gemacht werden, ein sich heimlich küssendes Paar, Männer mit altmodischen Hüten. Die Ästhetik erinnert an alte Spionagefilme aus dem Kalten Krieg. Raunend erzählt ein Sprecher von Vertrauensbruch, vom Scheitern von Utopien. Die Berliner Großinstallation soll Dau nun einen angemessenen Rahmen geben, wie beim Filmprojekt soll eine Stadt in der Stadt entstehen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zeigt sich erwartungsfroh: „Nach allem, was ich über das Projekt gehört habe, bin ich sehr gespannt auf das gewagte Experiment“, sagte sie. Das mag auch daran liegen, dass eine ihrer Lieblingskünstlerinnen beteiligt ist: Mit Marina Abramovic hatte sich die Politikerin unlängst in einem Selfie bei Twitter gezeigt. Die legendäre Performancekünstlerin ist bekannt dafür, ihren Körper für die Kunst zu malträtieren. Sie ritzte sich mit der Rasierklinge den Bauch auf, tanzte bis zur Ohnmacht oder saß tagelang schweigend und reglos auf einem Stuhl. In ihrer Autobiografie, die passenderweise „Durch Mauern gehen“ heißt, schreibt die 71-Jährige: „Mein Leben und die Performance werden eins.“

Kosten betragen 6,6 Millionen Euro

Das lässt sich auf Dau übertragen. Diesmal ist es der Besucher, der sich ganz in eine Kunstwelt begeben soll wie in den interaktiven Installationen des Perfomance-Duos Signa, das in Berlin in Dantes Höllenkreise entführte oder bei den Salzburger Festspielen in ein Zuhälterhaus. Jeweils wird der Besucher mit Trieben und unterdrückten Gefühlen konfrontiert, eine verstörende und aufrüttelnde Erfahrung. Im Blog der Berliner Festspiele findet sich ein Essay über Theater und Immersion, also die Erfahrung, mit Haut und Haaren in eine andere Welt hineingezogen zu werden. Heutzutage sind diese Welten meist virtueller Natur, auch deshalb erscheint die Einrichtung eines analogen Erlebnisraums direkt in der Hauptstadt erst einmal reizvoll. Die Kosten von 6,6 Millionen Euro übernimmt der russische Mäzen Sergey Adoniev, der mit Telekommunikation zu Geld gekommen ist. Es wird gemunkelt, dass jemand mit seinem Einfluss die Gunst Putins genießen muss. Bewiesen ist das aber nicht.

Ein anderes Gerücht besagt, dass die britische Street-Art-Legende Banksy involviert sei. Festspielleiter Oberender sagt nebulös: „Über Banksy gibt es viele Geschichten. Manchmal stimmen Gerüchte ja, und manchmal sind sie fürchterlich. Dieses Gerücht ist erst mal nicht fürchterlich.“ Banksys Beteiligung wäre insofern passend, als das Dau-Projekt in vielerlei Hinsicht an sein „Dismaland“ erinnert: Der Bristoler Kapitalismuskritiker lud 2015 an der südenglischen Küste in einen Anti-Vergnügungspark. Ein Erlebnisparcours im Zeichen der Trostlosigkeit, wie er nun auch in Berlin entstehen könnte.

Von Nina May