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Anarchist hinter der Kamera: Terry Gilliam begann seine Karriere mit der Monty-Python-Truppe.

Rennen Sie gern gegen Windmühlen an, Terry Gilliam?

Terry Gilliam sitzt im Londoner Hotel – und ist gut drauf. Nach fast 30 Jahren ist sein “Don Quijote“-Film endlich fertig. Grund genug für Stefan Stosch, mit dem 77-Jährigen über Sisyphos, lebenserhaltenden Humor und die Vorzüge einer Geschlechtsumwandlung zu reden.

Mr. Gilliam, haben Sie heute schon gegen Windmühlen gekämpft?

Irgendwelche Windmühlen gibt es immer, gegen die man anrennen kann. Mein Leben dreht sich nur noch um meinen Film „The Man Who Killed Don Quijote“. Gerade ist alles ein bisschen chaotisch, weil wir zuerst in Europa im Kino starten und noch nicht in den USA – dort gibt es immer noch juristische Scharmützel um die Rechte.

Sind Sie ein Regisseur, der Schwierigkeiten anzieht?

Sieht meine Filmografie danach aus? Das könnte aber auch daran liegen, dass Sie die unter schwierigeren Bedingungen entstandenen Filme für interessanter halten als jene, bei denen alles gut lief.

Mir fallen tatsächlich zuerst die Problemfilme ein – zum Beispiel „Das Kabinett des Doktor Parnassus“.

Der Tod von Heath Ledger mitten in den Dreharbeiten war tragisch. Aber wissen Sie, was dann zauberhaft war? Als Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law zur Rettung kamen, seine Rolle zu dritt übernahmen und damit bezeugten, wie sehr sie Heath liebten.

Dann waren da „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ …

… das war produktionstechnisch wirklich ein Albtraum. Und dann ließ sich mein deutscher Produzent während der Dreharbeiten auch noch für den „Playboy“ fotografieren. Unglaublich!

Waren die „Brothers Grimm“ auch ein Albtraum?

Ja, aber aus einem anderen Grund: Dahinter standen die Weinstein-Brüder. Und die haben es verstanden, einem jeden Spaß beim Filmemachen zu nehmen. Sie wollten alle Entscheidungen treffen. Dabei war ich der Regisseur.

Haben Sie mal gezählt, welche Ihrer Listen länger ist: jene mit vollendeten oder jene mit unvollendeten Filmen?

Ach, wissen Sie, die meiste Zeit in meinem Leben habe ich sowieso zwischen Filmen verbracht – also damit, Geld für den jeweils nächsten aufzutreiben.

Was war das Schlimmste, was Ihnen bei Ihrem „Don Quijote“-Film in knapp drei Jahrzehnten passiert ist?

Was am Anfang schiefgelaufen ist, habe ich glücklicherweise vergessen – oder jedenfalls fast, zum Beispiel den Bandscheibenvorfall von Jean Rochefort im Jahr 2000, weshalb der Arme auf kein Pferd mehr kam und ausfiel. Wirklich schlimm war jener Tag 16 Jahre später, als unser portugiesischer Produzent Carlo Branco den Stecker zog: Das ganze Team war auf dem Weg zum Flughafen und musste umkehren. Branco hatte versagt, das Geld aufzutreiben. Er ist ein schlechter Verlierer – auch vor Gericht, bis heute.

Wie haben Sie in all der Zeit Ihren Humor behalten?

Mein Humor hat mich doch in dem ganzen Desaster aufrechtgehalten! Mag sein, dass mein Optimismus auch mit meiner Herkunft zusammenhängt: Von klein auf wird dir in den USA beigebracht, dass du alles schaffen kannst. Das Problem ist nur: So ist das Leben nicht. Da ist man froh, wenn man überlebt – und mit einem der Film.

Mit welcher Figur fühlen Sie sich enger verbunden: Don Quijote oder Sancho Panza?

Mit Sisyphos! Ich bin derjenige, der den Stein den Berg hinauf rollt, und der Stein rollt wieder runter. Vielleicht bin ich aber auch Don Quijote und Sancho Panza in einer Person: einerseits ein Träumer, andererseits pragmatisch. Als Regisseur muss man wohl beides zugleich sein.

Steckt in Ihrem Film eine gehörige Portion Monty Python?

Aber klar! Obwohl: Erinnern sie sich an die Szene mit den bärtigen Frauen? Alle rufen jetzt: Die ist aus dem “Leben des Brian“ abgekupfert! Dabei hat Miguel de Cervantes das genau so geschrieben. Monty Python hat also von Cervantes geklaut.

Hätte eine Truppe wie Monty Python heute noch Erfolg?

Kaum vorstellbar. Damals gab es in England genau drei Fernsehkanäle. Am Morgen nach der Show diskutierten alle über die besten oder die schlechtesten Gags, im Büro genau wie im Supermarkt. Diese Gespräche waren eine gesunde Art, sich zu verständigen. Heute läuft alles über soziale Medien, die Menschen verzetteln sich, sind abgelenkt.

Immerhin hat Monty Python sich vor vier Jahren noch mal erfolgreich für eine Bühnenshow zusammengetan.

Und wissen Sie, warum? Wir hatten einen Gerichtsprozess mit einem Produzenten von „Die Ritter der Kokosnuss“ geführt – und verloren. Wir brauchten dringend Geld, viel Geld. Deshalb die Show.

Oh. Haben die Einnahmen gereicht?

Danke, dass Sie fragen: Ja, hinterher waren wir die Schulden wieder los.

Können Menschen heute noch so wie damals über sich selbst lachen?

Wir leben in seltsamen Zeiten. Jeder hat Angst davor, jemanden zu beleidigen. Aber Witze beleidigen nun mal in der einen oder anderen Weise. Dabei ist das meiste nicht persönlich gemeint. Die Leute sollten sich schleunigst eine dickere Haut zulegen. So kommt man dauernd in Schwierigkeiten. Ich zumindest.

Wieso?

Kürzlich habe ich gesagt, dass ich von jetzt an eine schwarze, transsexuelle Lesbe bin und Loretta heiße. Muss man nicht lustig finden. Aber ich habe ein Recht, das zu sagen.

Entschuldigung, warum wollen Sie jetzt Loretta sein?

Weil eine Fernsehproduzentin gesagt hat, man könne heute keine Sendung mehr mit weißen Kerlen wie mit den Monty Pythons machen.

Könnten Sie in einem Land leben, in dem ein gewisser Donald Trump Präsident ist?

Der Mann ist nur virtuelle Realität. Ich höre von ihm nur im Netz oder im Fernsehen. Den gibt es gar nicht. Ich glaube nur noch an Dinge, die ich fühlen und anfassen kann – meine Familie, mein Haus, mein Garten.

Und das klappt?

Natürlich nicht. Tatsächlich scheint jemand die Clowns losgelassen zu haben. Clowns regieren die Welt. Der Populismus hat überall Zulauf: Leute, die nicht nachdenken, kommen hervor und bereiten Ärger. Offensichtlich fühlen sich heute viele machtlos, sind frustriert. Konzerne entscheiden über den Lauf der Dinge, die EU ist eine abstrakte Angelegenheit. Die Leute ziehen sich ins Provinzielle zurück. Allerdings: Manchmal ergeben sich daraus gute Pointen.

Zum Beispiel?

Ich bin ausgerechnet in dem Jahr ganz und gar britischer Staatsbürger geworden, als eine Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hat. Dabei war ich gerade stolz, zu hundert Prozent Europäer geworden zu sein.

Hilft es einem Regisseur eigentlich, wenn er so wie Sie Politikwissenschaft studiert hat?

Nicht unbedingt dabei, eine Kamera in der richtigen Ecke aufzustellen, aber “Brazil“ hätte ich ohne politisches Bewusstsein nicht drehen können.

Braucht die Welt mehr Don Quijotes?

Sie meinen jetzt aber nicht Donald Trump, oder? Er ist die schlimmstmögliche Version eines Don Quijote: begrenzt, narzisstisch, brutal. Der Mann träumt nur von sich selbst. Im Moment würde ich mir Regierungen wünschen, die alles Ideologische ablegen. Und Menschen, die Verantwortung für sich selbst übernehmen und nicht immer andere verantwortlich machen.

Wissen Sie schon, wie Sie Ihre Zeit verbringen werden, wenn der Wahnsinn um „Don Quijote“ vorüber ist?

Das wird bizarr. Ich wünsche mir das, aber dann befürchte ich sofort, dass mir gar nichts mehr bleibt. Vielleicht verschwinde ich ja zusammen mit meinem Don Quijote von diesem Planeten.

Von Stefan Stosch