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Sie ist die Strippenzieherin – und ihrer Königin immer zu Diensten: Lady Sarah (Rachel Weisz, .l) und Qeen Anne (Olivia Colman).

„The Favourite“ – Das Böse unter dem Puder“

Gefährliche Liebschaften: Lustvoll lässt Yorgos Lanthimos in „The Favourite“ (Kinostart am 24. Januar) zwei Hofdamen aufeinander los.

Was ist bloß in Yorgos Lanthimos gefahren? Der Meister der Analyse aktueller gesellschaftlicher Perversionen legt Puder und Perücke auf und inszeniert ein üppiges Historiendrama.

Zur Erinnerung: Lanthimos ist der griechische Regisseur, der in „Dogtooth“ (2009) die Familie als abgeschottetes Zwangssystem entdeckte, in „Lobster“ (2015) Paarbeziehungen ad absurdum führte und zuletzt in „The Killing of a Sacred Deer“ (2017) ein archaisches Spiel um Schuld und Sühne in den heutigen USA veranstaltete. Und nun lädt ausgerechnet dieser Filmemacher ein zu dekadenter Opulenz am Hof der britischen Königin Anne.

Prächtige Kulissen versperren nicht Lanthimos’ Sicht auf die Gegenwart

Doch bleibt Lanthimos auch im aristokratischen Ambiente zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein der Welt zugeneigter Regisseur, der sich von prächtigen Kulissen und ausufernder Dekadenz keineswegs den Blick auf unsere Gegenwart verstellen lässt.

Zugleich aber hat er Spaß an lächerlichen männlichen Gockeln, die im Schloss Entenrennen oder Zielwerfen mit Orangen auf nackte Geschlechtsgenossen veranstalten. Die sogenannten Herren der Schöpfung bleiben bloße Randerscheinungen und können mit der Gewitztheit der Frauen ganz und gar nicht mithalten.

Denn das ist der Clou an der schwarzhumorigen Kostümkomödie „The Favourite“, die beim Filmfestival in Venedig im September den Großen Jury-Preis gewann: Die große Politik machen die Frauen unter sich aus und schrecken dabei auch vor Intrigen vielerlei Art nicht zurück. Die Herren der Schöpfung übernehmen in dieser Komödie – nun ja – das Frauen- programm.

Lady Sarah manipuliert Königin Anne mit Raffinesse

Die launische Königin Anne (Olivia Colman, für diese Rolle gerade mit dem Golden Globe ausgezeichnet) lässt sich mit ihren Gebrechen – offene Beinen, Gichtanfällen und Depressionen – im Rollstuhl durch den Palast schieben, ist sich ihrer unangefochtenen Machtstellung aber durchaus bewusst. Das macht den Umgang mit ihr nicht eben einfacher. Zumeist ist die Queen allerdings mit den geliebten 17 Kaninchen beschäftigt, die quietschfidel durch ihre üppigen Gemächer hoppeln und ihre 17 Fehlgeburten repräsentieren sollen.

Ihre engste Vertraute ist Lady Sarah (Rachel Weisz). Diese rauscht mit dem Furor eines Musketiers durchs Schloss, verfügt aber leider nicht über jene Tugenden, wie sie die Fechtkünstler zumindest bei Romanautor Alexandre Dumas besaßen. Zudem kann sie sich Moral auch nicht leisten, wenn sie im aristokratischen Spinnennetz nicht gefressen werden will.

Sarah weiß ihre Herrin geschickt zu manipulieren und deren Entscheidungen in die ihr genehme Richtung zu lenken. Sie ist die heimliche Strippenzieherin auch bei Fragen von Krieg oder Frieden im Konflikt mit Frankreich. Für diese Vorrangstellung und manches geradezu beleidigend-offene Wort muss Sarah einen Preis zahlen: Sie ist der Königin Tag und Nacht zu Diensten – und zwar in jeder Hinsicht.

Ein Taubenschießen gerät zum Duell der Rivalinnen

Zu den beiden stößt alsbald Sarahs im gesellschaftlichen Abseits gelandete Cousine Abigail (Emma Stone). Mit List und Tücke infiltriert die so unschuldig Dreinblickende das Vertrauensverhältnis zwischen Königin und Lady und schiebt sich selbst unmerklich zwischen die beiden. Die Auseinandersetzung der Rivalinnen um die Gunst der Königin wird bis aufs Blut geführt. Ein Taubenschießen in den königlichen Gärten gerät zum subtilen Duell zwischen den beiden Favoritinnen.

Was allerdings bei diesen gefährlichen Liebschaften am Hofe der englischen Königin auf der Strecke bleibt, sind die surrealen Einsprengsel, für die Lanthimos bislang stets gerühmt wurde und die seinen Filmen stets etwas Unwirkliches verliehen. Hier bleibt er auf dem Boden der Historie, installiert dort aber erstaunlich modern wirkende Figuren.

Regisseur Lanthimos konzentriert sich auf die Bösartigkeiten

Erstmals hat Lanthimos das Drehbuch nicht selbst verfasst, sondern diesen Job anderen überlassen (Deborah Davis, Tony McNamara). Der Regisseur konzentriert sich ganz darauf, die Bösartigkeit unter dem Puder sichtbar zu machen. Erzwungener Sex, Verleumdungen, Tricksereien, Fake News, gar Mordversuche: All das, was zu jener Zeit mit wenigen Ausnahmen Männer veranstalteten, erledigen die Frauen hier mit grandioser Aggressivität. Nun gut, sein Frauenbild sollte der Regisseur vielleicht mal hinterfragen. Spaß macht der Film auf jeden Fall.

Und je länger die Macht- und Liebesspielereien im Dunstkreis der politisch Herrschenden dauern, desto verwunderter reibt sich der Zuschauer die Augen: Das wirkt doch alles erstaunlich gegenwärtig.

Von Stefan Stosch / RND