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Zahlreiche Kinobegeisterte warten auf den Kartenvorverkauf für die Berlinale.

Berlinale 2019 beginnt: Kann das Kino überleben?

Am Donnerstagabend startet die 69. Auflage der Berliner Filmfestspiele. Das Abschiedsfestival des altgedienten Direktors Dieter Kosslick bewegt vor allem eins: Kampfeslust. Denn das Kino muss dringend etwas unternehmen.

Licht, Ton, Atmo: Der Feinschliff macht den Erfolg. Schon unter normalen Umständen braucht es Nervenstärke, bis ein Film wirklich bereit für die große Leinwand ist. Im Fall des Massenmörders Honka aber ist der Druck auf den Regisseur besonders groß: Fatih Akin ist eingeladen in den Wettbewerb der 69. Berlinale. Am Donnerstagabend ist Eröffnung – und Akins Horrorfilm „Der Goldene Handschuh“ gehört zu den mit größter Spannung erwarteten Werken.

Die Hauptstadt ist im Festivalfieber. An den Straßen prangen Plakate mit schrillen Bärenmotiven. Am Potsdamer Platz wird der rote Teppich ausgerollt – produziert aus recyceltem Plastikmüll aus dem Meer, so viel Nachhaltigkeit muss sein. Stars wie Christian Bale und Catherine Deneuve sollen in den nächsten elf Tagen darüberspazieren.

Für solch glamouröse Verheißungen fehlte Akin bis vor Kurzem allerdings noch der Sinn. Aus dem Studio kam er kaum mehr heraus, seit ihn vor ein paar Monaten ein Anruf von Festivalchef Dieter Kosslick ereilt hatte: Der Hamburger Regisseur hatte einen der raren Plätze im Wettbewerb um den Goldenen Bären ergattert.

Manchen Termin hat er seitdem abgesagt, manche Mail nicht beantwortet. Aber nun nimmt Akin sich ein paar Minuten Zeit, um Auskunft zu geben. „Für mich ist dieses Festival ein sentimentales Ereignis“, sagt er. „Meine internationale Karriere begann in Berlin. Kosslick hat sie mir ermöglicht. Dies ist sein letztes Festival. Da habe ich mir schon gewünscht, dabei zu sein. So können wir diese besondere Berlinale gemeinsam feiern.“

Trotz seiner mittlerweile 45 Lebensjahre gilt Akin noch immer als Rock ’n’ Roller des deutschen Kinos. Mit diesem Titel adelte ihn 2004 die damalige Berlinale-Jurypräsidentin Frances McDormand, als sie ihm den Goldenen Bären für sein Drama „Gegen die Wand“ zusprach.

Seither gehört er zur internationalen Elite der Autorenfilmer, die sich mal in Berlin und mal in Venedig und auch mal in Toronto trifft. Zuletzt hat Akin mit dem NSU-Drama „Aus dem Nichts“ Furore in Cannes gemacht, der Nummer eins im Festivalzirkus.

Zwischen Horror und Tristesse

Ist die Berlinale-Premiere für einen Wettbewerbsgestählten wie ihn da noch aufregend? „Jeder Film ist ein neues Kind“, sagt Akin. „Ich könnte in Berlin auch mit faulen Eiern beschmissen werden, deswegen: Ja, ich bin nervös.“

Am Sonnabend um 22 Uhr hebt sich am Potsdamer Platz der Vorhang für die Filmversion über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka, der in den Siebzigerjahren die Leichen seiner Opfer zerstückelte und fein portioniert in seiner Mansardenwohnung in Altona verwahrte. Autor Heinz Strunk schrieb einen Bestseller über diese monströsen Vorgänge, Akin sicherte sich sofort nach Erscheinen die Rechte.

Ein Kinostoff, angesiedelt zwischen Horror, Tristesse und, ja, wohl auch schwarzer Komik: Seine Opfer hatte Honka in der Spelunke „Zum Goldenen Handschuh“ in St. Pauli aufgesammelt. „Honka-Stube“ steht heute über dem Eingang in der Nähe der Reeperbahn.

In den Siebzigern verkehrten die Abgerissenen dort, die Hoffnungslosen, die „Verschimmelten“, wie es in Strunks Roman heißt. Seit dem Erscheinen des Reeperbahn-Romans wollen auch Touristen im Dunstkreis des Serienmörders Honkas Lieblingsgetränk kippen: Fako, Fanta plus Korn. Nach dem Berlinale-Rummel dürfte der Ansturm auf die „Honka-Stube“ womöglich noch einmal anwachsen.

Zunächst aber will die in Berlin versammelte Kinowelt wissen, was Akin aus der Vorlage gemacht hat. Vor der Premiere darf niemand das Werk sehen. Exklusivität ist die wichtigste Währung bei einem großen Festival, das auf sich hält. Mit Argusaugen wacht die Berlinale über das kostbare Recht der ersten Nacht.

Aber man kann ja mal den Regisseur fragen: „Ich mag Horror als Genre, weil es körperliches Kino ist, quasi 4-D“, so Akin. Interesse für ein Monster zu wecken, das sieht er als seine Aufgabe,„ ohne Mitleid zu erregen oder zu versuchen, das Monster zu erklären“. Seltsam sei das schon: „Menschen schauen einem Menschen dabei zu, wie er andere Menschen tötet.“ Und die Knochensäge, so viel kann man jetzt schon sagen, quietscht tüchtig auf der Tonspur. Wenn alles nach Plan läuft, tritt „Der Goldene Handschuh“ von Berlin aus seinen Siegeszug rund um die Welt an.

Denn Festivals funktionieren wie Abschussrampen, die Filme im Idealfall rund um den Globus befördern. Das Blitzlichtgewitter am roten Teppich stellt dabei nur den glitzernden Rahmen: Millionenschwere Geschäfte mit Rechten und Lizenzen werden hinter den Kulissen auf dem angeschlossenen Filmmarkt abgeschlossen. Der European Film Market im Martin-Gropius-Bau gilt mit mehr als 9000 Käufern und Verkäufern als einer der größten der Welt.

Womöglich ist so eine Festivaleinladung heute sogar wichtiger denn je. In der allgemeinen Medienkakophonie haben es einzelne Werke schwer, auch nur wahrgenommen zu werden. Da liegt der Reiz für Kosslick, auch in seinem letzten Jahr als Berlinale-Leiter: „Wir zeigen auch Filme, die man sonst nirgendwo sieht.“

Den Großteil der weltweiten Aufmerksamkeit saugen 200-Millionen-Dollar-Blockbuster aus Hollywood ab, in denen vorzugsweise Superhelden und Comicfiguren herumturnen. Auf Filmfestivals spielen sie keine Rolle. Noch fährt das US-Kino mit Variationen des Immergleichen Rekorde ein, zumindest im eigenen Land. In den USA wurden im vergangenen Jahr rund 12 Milliarden Dollar umgesetzt. Doch die gigantischen Umsätze täuschen. Die Zahl der Kinobesucher wächst mitnichten – die Tickets werden nur immer teurer.

Streamingdienste stehlen die Show

Die Zahlen für Deutschland sind ernüchternd: 2018 wurden nur noch 105,4 Millionen Eintrittskarten verkauft, 13,9 Prozent weniger als 2017, ein Drittel weniger als im Rekordjahr 2015, so wenige wie seit 1992 nicht mehr. Für viele Kinos geht es inzwischen ums Überleben.

Der Zuschauerschwund hatte gewiss auch mit der Fußball-WM und dem schier endlosen Sommer zu tun. Aber nicht nur.

Kinomacher und Kinobetreiber starren gleichermaßen aufgeschreckt auf Netflix, Amazon und all die anderen Streamingdienste. Hollywoodstudios wie Warner und Disney sind hektisch dabei, eigene Plattformen an den Start zu bringen. Die Geschäftsbedingungen im Filmgeschäft haben sich dramatisch verändert.

Der Erfolg der Anderen

Das beste Beispiel dafür ist das von Netflix produzierte Meisterwerk „Roma“, mit dem die Branche seit bald einem Jahr nicht so recht umzugehen weiß. Die Bespielung von Kinos lief nur alibimäßig. Die Festivals fühlen sich aber der großen Leinwand verpflichtet. Cannes lehnte „Roma“ deshalb ab, Venedig kürte den Film wenige Monate später zum Löwen-Sieger. Inzwischen scheint für Netflix mit „Roma“ der heiß ersehnte Oscar ganz nah.

Die Berlinale sucht noch nach ihrer Position. „Die audiovisuelle Welt ist im Umbruch“, sagt Kosslick. 18 Jahre lang hat er diese Revolution als Festivalchef begleitet. „Am Kino hängt unser Herz. Aber wir können nicht an der Entwicklung vorbeigehen.“ Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Verständnis dafür, dass die milliardenschweren Produktionsetats der Streamingdienste Filmemacher und Schauspieler locken. Aber dass ein Netflix-Film ganz ohne Vorführung im Kino „auf einem originären Kinofestival läuft, das geht zu weit“, sagte sie jüngst.

Auch in Berlin ist Netflix nun mit dem Familiendrama „Elisa y Marcela“ der spanischen Regisseurin Isabel Coixet bis in den Wettbewerb um den Goldenen Bären vorgedrungen. Der Streamingdienst habe sich verpflichtet, den Film zumindest in Spanien ins Kino zu bringen. „Mehr können wir nicht tun“, sagt Kosslick. Der Satz klingt irgendwie nach Kapitulation. Und doch: Hoffnung inmitten der Katerstimmung machten jüngst neue Studien. Demnach stehen sich Kino und Stream gar nicht unvereinbar gegenüber. Im Gegenteil: Wer auf dem Sofa Filme streamt, macht sich auch ins Kino auf.

Vielleicht wächst auch deshalb die Attraktion der Berlinale ungebrochen. 100 Millionen Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung spült sie allein in diesem Jahr in die Kassen der Hauptstadt. Das hat die Investitionsbank Berlin errechnet. Hotels und Restaurants freuen sich über den Ansturm.

Unter Kosslicks Ägide ist die Besucherzahl auf eine halbe Million gewachsen, die Zahl der verkauften Karten hat sich auf 340.000 beinahe verdoppelt. Tickets gibt es aber immer noch nicht genug: Filmfans übernachten in Schlafsäcken vor den Kartenschaltern, um am nächsten Morgen ganz vorn in der Schlange aufzuwachen. Immerhin hat die Berlinale ein Alleinstellungsmerkmal: In Cannes etwa kommen Normalsterbliche so gut wie gar nicht ins Kino.

Längst hat sich das Festival über die gesamte Stadt ausgedehnt. Sogar hinter den Mauern des Gefängnisses Plötzensee wird zu einer Vorstellung gebeten. In der Justizvollzugsanstalt läuft der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Systemsprenger“, ein Familiendrama der jungen Regiedebütantin Nora Fingscheidt. Publikum von draußen soll reinkommen, dem Publikum drinnen öffnet sich wenigstens für einen Moment ein Fenster nach draußen.

„Das Kino bleibt“

„Wir machen Lust auf Kino“, sagt Kosslick. Mit Regisseuren live im Saal. Mit Originalfassungen. Mit Gesprächen nach der Vorstellung. Kosslick glaubt an die Zukunft des Gemeinschaftserlebnisses im dunklen Saal: „Ich bin der Überzeugung, dass das Kino bleiben wird. Stream hin, Stream her.“

So groß ist der Erfolg der Berlinale, dass sich Neider zu Wort melden. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder tönte 2018: „Auf die Dauer ist es schwer zu ertragen, dass da Berlin so uneingeschränkt die Nummer eins ist.“ In seiner neu entdeckten Kinoleidenschaft stockte er das Budget des Münchner Filmfests um 3 Millionen auf und verdoppelte es damit beinahe. Die Berlinale nimmt den „Bavaria first“-Ruf gelassen: Ihr stehen 26 Millionen Euro zur Verfügung.

Im nächsten Jahr übernimmt eine Doppelspitze die Berlinale. Carlo Chatrian, Festivalchef in Locarno, und Mariette Rissenbeek, zuständig für die Vermarktung des deutschen Films im Ausland, teilen sich diese anspruchsvolle Aufgabe. Der eine ist für die Kunst zuständig, die andere fürs Geschäft.

Auf die Kinobegeisterung der Berliner können die beiden zählen, auf Fatih Akin erst mal nicht: Er bricht im Frühjahr nach Hollywood auf und verfilmt dort den Stephen-King-Roman „Feuerkind“. Erst einmal hofft aber auch er auf die so schwer berechenbaren Zuschauer, wenn sein Film schon kurz nach der Berlinale im Kino anläuft: „Wäre gut, wenn der Film gemocht wird. Obwohl es schwer ist, ihn zu mögen. Sagen wir: dass er respektiert wird. Und neugierig macht.“

Von Stefan Stosch