Aktuell
Home | Nachrichten | Kultur International | Christian Steiffen – Rücksturz in die Siebziger
Vier braune Augen zum Dahinschmelzen: Seit den Fotosessions zu „Gott of Schlager“ ist Hardy Schwetter alias Christian Steiffen Hundebesitzer.

Christian Steiffen – Rücksturz in die Siebziger

Der „Gott of Schlager“ kehrt zurück: Hardy Schwetter alias Christian Steiffen frönt auf seinem neuen Album (erscheint am Freitag, 8. Februar) zum dritten Mal auf spezielle Weise den Klängen der „Hitparade“-Ära.

Himmelblau und Himbeerrosa sind die Farben des Albums. „Gott of Schlager“ heißt es, und besagter Gott, Hardy Schwetter (bürgerlich) oder Christian Steiffen (Künstlername) trägt eine aufgeknöpfte, pinke Barry-Ryan-Gedächtnisbluse und pflegt einen „Ich hab alles gesehen, Baby!“-Blick. Koteletten buschig, Petryschnäuzer, die Siebzigerjahre hätten sich über so einen Gott gefreut.

Steiffens Texte sind expliziter als die des klassischen Schlagers

Das oberste optische Kaufargument für die Platte ist allerdings im Booklet zu finden. Da hält der Gott einen weißen Labradorwelpen im Arm. Süßer gehts nicht. Ein Bild wie für einen „Bravo“-Starschnitt.

Die Musik hält, was das Cover verspricht: Disco („Hier ist Party“), Discofox („Schöne Menschen“), Folkpop („In Budapest beim Schützenfest 1810“) und Country („Wie der Wind“) stehen Seit an Seit auf Steiffens drittem Album seit „Arbeiter der Liebe“ (2013). Freilich sind die Texte expliziter als beim klassischen Schlager der Dieter-Thomas-Heck-Zeiten.

Das „sch….“-Wort, das „sch…egal“-Wort und sogar das „f…“-Wort werden jedenfalls freiweg gesungen, und die Liebe, früher oberstes Schlagerideal, wird in „Verliebt, verlobt, verheiratet, vertan“ als Himmelsmacht infrage gestellt. Zudem legt Steiffen sich mit Schönheitschirurgen, der Pharmaindustrie und Kneipenwirten an.

Als Hardy Hardon gibt es Schwetter/Steiffen auch als Elvis-Version

Wer Umsatz über Alkohol macht, so etwa Steiffens Fazit in „Ich breche in die Nacht“, darf sich über die Folgen von Übelkeit nicht beschweren. Ein verkappter Protestsänger also, der im Schunkler „Ich fahr so gern zur See“ aber auch mal in die Sexverklausulierungsblumigkeit des Genres zurückzufallen scheint: „In jedem Mädchen hab ich nen Hafen …“.

Hardy Schwetter ist einer vom Schlage Guildo Horns oder Dieter Thomas Kuhns, ein Parodist frei nach Robert Gernhardt: Die schärfsten Kritiker der Elche, verkleiden sich als welche. Der einstige Schauspielschüler („Ich habe aber keinen Abschluss“) schlüpft gern in Rollen, als Hardy Hardon gibt es ihn auch in einer Elvis-Version. Seine Steiffenfigur, deren Ursprünge bis in die 90er-Jahren zurückreichen, ist der Beweis, dass man mit Schlager Spaß haben kann, ohne seiner plüschigen Umarmung je erlegen zu sein.

Die sachkundige Liste von Punkbands am Ende des pompösen „Jaja, die Punkmusik (hat ihn zerstört)“, einer aus Spießersicht gesungenen Moritat über einen ewigen Rebellen, zeugt von anderen Wurzeln. „Mit acht war ich Beatlesfan“, gesteht der 1971 im niedersächsischen Georgsmarienhütte geborene Schwetter, „mit zehn stand ich auf Elvis. Meine erste Platte war von AC/DC und ich fand auch die Sex Pistols toll.“ Das einzige Schlageralbum in seiner Vinylsammlung ist „Udo 71“. Aber Udo Jürgens gilt nicht, der war ja fast schon Chansonnier.

Der Gott lebt verheiratet, mit Kind und Hund in Osnabrück

Eine Göttin braucht der Gott nicht („Da gibt’s so viele, für welche sollte ich mich da entscheiden?“). Außerdem lebt er nicht auf dem Schlagerolymp, sondern verheiratet mit Kind in Osnabrück. Und seit kurzem auch mit dem Welpen vom Cover, von dem er sich nach den Fotoshootings nicht mehr trennen konnte. „Der ist ganz schön groß geworden“, verrät Schwetter am Telefon, „Er heißt Monty Steiffen, das ist ein Künstlername. Wir nennen ihn Sunny.“

Derzeit laufen die Tourvorbereitungen. Am 28. März geht es los, dann steht Schwetter alias Steiffen mit seinem Co-Songwriter Martin Schmeing alias Dr. Martin Haseland (von den Angefahrenen Schulkindern) auf der Bühne von Huxley’s Neue Welt in Berlin und präsentiert potenzielle Lieblingslieder „für alle, die sich zwei Stunden benehmen können.“ Dass diese Einladung nicht wirklich jeden einschließt, verrät sein Wunsch ganz am Ende des Booklets: „Kein Steiffen für Nazis.“

Neues Album: Christian Steiffen: „Gott of Schlager“ (Rough Trade)

live: 28. März: Berlin – Huxley’s; 29. März: Leipzig – Täubchental; 4. April: Frankfurt – Batschkapp; 11. April: Hannover – Capitol; 13. April: Hamburg – Große Freiheit 36; 25. April: München – Muffathalle; 26. April: Wien – Szene Wien; 27. April: Dresden – Alter Schlachthof

Von Matthias Halbig / RND