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Der Rocker im Zirkusdirektor-Aufzug: Tobias Sammet von Avantasia, hier beim ESC-Vorentscheid 2016.

Tobias Sammet: Der Roncalli-Rocker

Heavy Metal für die Hitparade: Tobias Sammet lässt bei Avantasia die Stars der Wacken-Welt für sich singen. So ist das neue Avantasia-Album „Moonglow“.

Tobias Sammet ist ein Star, der selten auf der Straße erkannt wird. „Mein Name ist nicht so geläufig wie der von Helene Fischer“, sagt der 41-Jährige Musiker aus Fulda. „Dafür kann ich auf jeder Autobahnraststätte zur Toilette gehen, ohne eine Autogrammstunde abhalten zu müssen.“ Sammet hat jede Menge Fans in einer „sehr, sehr großen Nische“, wie er es formuliert. In der Wacken-Welt, über die einmal im Jahr sogar die „Tagesthemen“ staunend berichten. Zehnmal ist er beim Wacken Open Air in Schleswig-Holstein, einem der größten Heavy-Metal-Festival des Planeten, mit seinen Bands Edguy und Avantasia schon aufgetreten.

Für seine Plattenfirma ist die Sache klar: Sammet erschafft „Rockevents“. Weltweit hat er bisher dreieinhalb Millionen Alben verkauft. Nun erscheint das neueste, achte Avantasia-Album „Moonglow“. Neun Gastsänger, Stars der Szene, fungieren wie zusätzliche Farben in Sammets Gemälde. Unter anderem sind Geoff Tate, bekannt von Queensryche, Eric Martin (Mr. Big), Hansi Kürsch (Blind Guardian), Mille Petrozza (Kreator) und Candice Night (Blackmore’s Night) dabei.

Avantasia: Melodramatisch oder Schlager-Metal?

Ob „Moonglow“ den Fuldaer an die Spitze der deutschen Charts katapultiert? Vermutlich. Mit den drei Platten davor landete er jeweils auf Platz zwei.

„Roncalli-Rock?“ Sammet wiederholt den Begriff beim Interview am Telefon noch einmal. Er hat ihn noch nie gehört. Nicht nur manche seiner Bühnenkostüme erinnern an einen Manege-Mitarbeiter. Wie ein Zirkusdirektor setzt er auch in seinen musicalhaften, bis zu zehn Minuten langen Songs auf die Kraft von Fantasie und Pathos. Mit dem Titel „The Raven Child“ besingt er einen sagenhaften Ort, wo die Orientierungslosen und Konfusen, die Außenseiter und Einsamen Trost finden. „Lass die Äste geisterhafte Schatten auf den Pfad in eine andere Welt malen.“ Seine Protagonisten flüchten sich aus ihrem Tag-ein-Tag-aus, aus tristem Alltag, in die Nacht, ins heilende Mondlicht. Denn dort fühlen sie sich frei. Sammet drückt eine der ultimativen Sehnsüchte aus: den Wunsch, so sein zu können, wie man ist, frei von Erwartungsdruck, frei von Erfolgsdruck. „Das können viele Leute nachempfinden“, sagt er. Der Avantasia-Sound ist melodramatisch, sodass manche „Rock-Oper“ zu dieser Musik sagen, andere spotten: „Schlager-Metal“.

Tobias Sammet ist ein Fan von Iron Maiden und Kiss

Als er mit Schulfreunden seine erste Band Edguy gründete, war Sammet 14. War er selbst ein Außenseiter? „So ein bisschen“, sagt er. „Auch die Musik, die ich hörte, lag nie im Trend.“ Er verehrt bis heute die Bands Kiss, Iron Maiden und Def Leppard sowie Helloween und die Scorpions, beide aus Deutschland.

„Auch Meat Loaf ist Teil meiner DNA“, erzählt er. Für den US-Sänger schrieb er 2016 sogar einen Song: „Mystery of a Blood Red Rose“. Nach ersten, zarten Kontakten kam es doch nicht zur Zusammenarbeit. „Ein unerfüllter Traum.“ Dafür landete Sammet mit dem Lied beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) auf dem dritten Platz; es gewann Manga-Mädchen Jamie-Lee Krievitz.

Der ESC-Vorentscheid war „eine tolle Möglichkeit, um für Avantasia PR zu machen“, sagt er. Hat es funktioniert? Die Teilnahme habe ihm tatsächlich „ein gewisses Popularitätsschübchen“ gebracht, antwortet er, aber auch Häme aus den eigenen Reihen. Bei diesem Liederwettbewerb anzutreten, das dürfe man als Rocktyp nicht, das widerspreche einem vermeintlichen Reinheitsgebot des Heavy Metal, meinten nicht wenige Fans.

Sammet kann solche Einschränkungen nicht nachvollziehen. Er halte es lieber wie seine Helden, der frühere AC/DC-Sänger Bon Scott und Freddie Mercury von Queen. „Die haben gemacht, was sie für richtig hielten“, ist er sich sicher. Sie seien ihrem eigenen Instinkt gefolgt, ohne Angst vor Konsequenzen.

Auf „Moonglow“ ist auch eine Metalversion von „Maniac“

Zu seinen Idolen zählen auch die Scorpions. Sänger Klaus Meine und Gitarrist Rudolf Schenker haben auch schon mal bei Avantasia mitgewirkt. Unüberhörbar wurde Sammet von der Band aus dem niedersächsischen Sarstedt inspiriert. Er bewundert die Musiker, weil sie von Anfang an ihr eigenes Ding durchgezogen haben, nicht nur die Sehnsucht, sondern den festen Willen in sich tragend, eines Tages auch im Elvis-Land Amerika aufzutreten. „Mit ehrlicher, harter Arbeit haben sie die Welt erobert“, sagt der 41-Jährige.

Sammet, der mit Edguy und Avantasia in 22 Jahren 18 Alben veröffentlicht hat, sieht sich selbst als ehrlichen, hart arbeitenden Künstler, der sich nicht an Regeln hält. Auf „Moonglow“ covert er zum Beispiel den Pophit „Maniac“, bekannt aus dem Tanzfilm „Flashdance“. Warum? „Wir machen Metal und sind nicht in der Medizinforschung tätig. Es muss nicht alles Sinn ergeben. Es muss einfach nur Spaß machen.“

Von Mathias Begalke / RND