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Überzeugter Europäer: Maurice Ernst von der österreichischen Band Bilderbuch beim Festival Rock am Ring 2018.

Bilderbuch: Für ein Leben ohne Grenzen

Die österreichische Band Bilderbuch zeigt Herz und Haltung. Auf ihrem sechsten Album „Vernissage My Heart“ (erscheint am 22. Februar) plädieren die vier Musiker für ein starkes Europa.

Der erste Satz, der von der österreichischen Band Bilderbuch hängenblieb, war aus dem Song „Ein Boot für uns“, dem Opener ihres Durchbruchalbums „Die Pest im Piemont“ (2011). „Unsere Jugend wird dahin sein, wie der Rauch aus dem Schornstein“, ließ Maurice Ernst seine Stimme über Peter Horazdovskys Bass schlittern.

Das war so eine Zeile vom Schlage „Hope I die before I get old“ von The Who oder „We can be heroes just for one day“ von Bowie. Die Gitarren krachten dazu. Punkdurchwirkter Rock’n’Roll mit fettem Groove. Groß!

Bilderbuch scheinen die gesamte Popgeschichte einzusaugen

Vier Jahre später erst kam die nächste Platte – „Schick Schock“ hieß die. Und da war die Band Bilderbuch schon schick und funky und stellte in „Rosen zum Plafond“ eine Blockflöte neben Ernsts orgasmisches Prince-Kieksen. „Quit living on dreams“ zitierte man Falco in „Om“. Die Unschuld der Jugend war vielleicht dahin, die Kraft aber, die Welt in gute Songs zu fassen, nicht. Bilderbuch schien sich die gesamte Popgeschichte einzuverleiben, gemäß der Zeile aus der Single „Plansch“: „Kind du musst was lernen, sonst verdienst du nichts.“

„Vernissage My Heart“ ist die zweite Hälfte eines Doppelalbums

Und seither sind die vier Österreicher fleißig. „Vernissage My Heart“, das nunmehr sechste Werk, das heute (Freitag, 22. Februar) erscheint, ist praktisch die zweite Hälfte eines Doppelalbums. Erst im Dezember war das relativ gedankenschwere „Mea Culpa“ herausgekommen, voller Herzensbrüche, Zweifel, Finsternisse, aber alles Lichtjahre weg vom heulsusigen Backfisch-Pop der Giesingers, Forsters und Revolverhelden. Die Musik dazu war sperrig-schön, spannungs- und beziehungsreich.

Eine Herzausstellung jetzt, Bilderbuch lässt den Hörer auf „Vernissage my Heart“ in sich blättern und siehe da: alles wird heller, schöner, besser. „Alle meine Freunde spielen Frisbee heut nacht“, beschwört Ernst im entspannten „Frisbeee“ (sic!) mit seinen Red-Hot-Chili-Peppers-Harmonien sommerliche Unbeschwertheit herauf. Und „LED Go“ setzt im exaltierten „austrenglishen“ Vokabelcocktail auf die Macht der Liebe: „Liebe is the place to be / Ich bin bereit für diese galaxy“. Die Gegenplatte zu „Mea Culpa“.

Auf der Bilderbuch-Website kann sich jeder einen Europapass basteln

Politische Haltung zeigt die Band in „Europa 22“ – einer perkussiven, treibenden Ballade, deren kratzige Gitarre an Lenny Kravitz erinnert, deren langes instrumentales Schlussteil mit seinen wie Weltraumwale singenden Synthesizern auf dem „Interstellar Overdrive“ von Pink Floyd langschwebt. Bilderbuchs Vision von Europa („Ein Leben ohne Grenzen“) steht hier neben einer Warnung vor denen, die dessen Einheit verneinen („Eine Freedom zu verschenken“). Und auf der Website der Band kann jeder sich dazu einen Europapass basteln. Kein gültiges Dokument ist das, aber doch eine hübsche kleine Idee, sich vor einer der größten Ideen unserer Zeit zu verneigen.

Demnächst wollen die Vier ihre Computer einmotten und mehr auf Handgemachtes setzen. „Wir wollen brennen wie die Superstars“, singt Ernst in „Kids im Park“ und Michael Krammers Gitarre verbeugt sich derweil vor Bowies „Heroes“. Es sei ihnen vergönnt. Der Schornstein raucht noch.

Neues Album: Bilderbuch: „Vernissage My Heart“ (Maschin Reciords/Universal)

live. 26. April – Würzburg, Posthalle; 7. April – Stuttgart, Liederhalle; 8. April – Offenbach, Capitol; 11. April – Leipzig, Haus Auensee; 12. April – Hannover, Capitol; 17. April – Hamburg, Theater am Großmarkt; 18. Und 19. April – Berlin, Columbiahalle.

Von Matthias Halbig / RND