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Die gute Tat ist nur Vorwand: Oliver (Tom Schilling, vorne rechts) will sein Vermögen vorm Fiskus retten und spendiert den „Goldfischen“ eine Reise in die Schweiz.

„Die Goldfische“ – Kameltherapie für Glasbewohner

Tom Schilling als Egoist, der auf einer wundersamen Reise sein Herz entdeckt: Alireza Golafshans Langfilmdebüt „Die Goldfische“ (Kinostart am 21. März) ist ein märchenhaftes Roadmovie, in dem der Witz mal nicht platt ist. Deutsche Komödien können auch komisch.

Goldfischen sind enge Grenzen gezogen. Ihre Welt ist ein kleines Glas, alles Interessante passiert draußen. So leben auch die Helden von Alireza Golafshans erstem abendfüllenden Kinofilm. „Die Goldfische“, eine Behinderten-WG, kommen dann unverhofft mal raus aus dem Glas, sind im Kleinbus unterwegs zu einer exotischen Kameltherapie in der Schweiz.

Niemand kontrolliert einen Wagen voller Genandicapter – oder?

Freilich ist der Trip nur Vorwand – Tarnung für den nach einem selbstverschuldeten Unfall querschnittsgelähmten Jungmanager Oliver (Tom Schilling), der die Reise gesponsort hat. Olli musste einen Weg finden, seine in der Schweiz deponierten 1,2 Millionen Euro Schwarzgeld nach Deutschland zu schmuggeln. Ein Goldfischer, der glaubt, dass nix schiefgehen kann. Denn niemand kontrolliert einen Wagen voller Gehandicapter, oder?

Und so entspinnt sich eine dieser Roadkomödien mit besonderen Reisenden, die man schon desöfteren gesehen hat, seit Jack Nicholson als McMurphy seinen Psychiatrie-Mitpatienten 1975 in Milos Formans „Einer flog übers Kuckucksnest“ einen turbulenten Betriebsausflug ermöglichte.

Alles läuft klassisch: Die Sorgenkinder sind tolle Leute, die „on the road“ richtig Gas geben. Der Schwindel Olivers wartet nur darauf aufzufliegen. Und natürlich muss der Kapitalist mit den Eurozeichen in der Pupille am Ende ein Herz aus Gold bekommen, ein anderer Mensch werden, demütig sich selbst erkennen, die anderen wertschätzen. Auf dass das Herz des Zuschauers höher schlagen möge.

Der Witz von Alireza Golafshan ist respektvoll und politisch unkorrekt

Nichts Neues, gewiss. Und natürlich nur ein Märchen. Aber der Witz, den der in Teheran geborene Münchner Hochschulabsolvent Golafshan, der zuvor schon den 45-minütigen Kurzfilm „Behinderte Ausländer“ (2014) drehte, in seinen Film packt, ist zugleich respektvoll und politisch unkorrekt. Die Pointen sitzen und die Schauspieler bringen die Geschichte auf Touren.

Wenn Birgit Minichmayr als blinde, grantige Magda das Steuer des Busses übernimmt, sprühen die Leitplanken Funken. Luisa Wallisch (auch im wirklichen Leben ein „Downie“) spielt ihre Franzi mit jeder Menge Power. Und Jella Haase ist als Betreuerin Laura mehr als der romantische Brennpunkt für den läuterungsbedürftigen Protagonisten.

Ein Kamel kommt auch vor. Die Goldfische staunen. Und sind bereit für offenere Gewässer.

Von Matthias Halbig / RND