Aktuell
Home | Nachrichten | Kultur International | „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ – Abgesang auf die britische Oberschicht
Anthony Powell hat 1975 „A Dance to the Music of Time“ beendet – doch noch heute eignet sich die Romanfolge als Lektüre zum Brexit.

„Ein Tanz zur Musik der Zeit“ – Abgesang auf die britische Oberschicht

Niemand schildert den Niedergang der britischen Elite klüger und ironischer als Anthony Powell – genau die richtige Lektüre über das Lebensgefühl der Elite und den Brexit. Nun erscheint eine Übersetzung von „A Dance to the Music of Time“.

Pünktlich zum Brexit vollendete der kleine Berliner Elfenbein-Verlag eine der ehrgeizigsten Großübersetzungen der jüngsten Zeit. Drei Verlage – Cotta, DVA und Ehrenwirth – sind vorher daran gescheitert. Nach über 33 Jahren konnte Ende 2018 endlich der zwölfte und letzte Band von Anthony Powells hochgelobtem Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ in der Übersetzung von Heinz Feldmann veröffentlicht werden. Das Time Magazine hat den „Tanz“ unter die hundert besten englischsprachigen Romane des Zwanzigsten Jahrhunderts gewählt. Powell wird gerne mit Joyce, Proust und Balzac verglichen. Da verwundert es ein wenig, dass diese bereits von 1951 bis 1975 in England und den USA erschienenen Bände erst heute auf Deutsch vorgelegt werden.

Sie kommen vielleicht aber gerade zur rechten Zeit: Denn wer den ehemaligen Außenminister Boris Johnson oder andere Hardcore-Brexiteers wie den Abgeordneten Jacob Rees-Mog verstehen will, ist bei Powells Romanen bestens aufgehoben. Der gescheiterte Premierminister David Cameron gehört zu seiner weiteren Familie. Alle drei genannten konservativen Politiker sind Etonians, das heißt sie haben das Elite-Internat Eton besucht. Viele der prägenden englischen Politiker, Militärs, Künstler oder Wirtschaftsführer der letzten hundertfünfzig Jahre stammen von dieser Schule und haben hinterher in Oxford studiert. Kaum jemand kannte die „Upper Class“ so gut wie Anthony Powell, selber Schüler in Eton, Student in Oxford, überzeugter Tory und ein ausgezeichneter Schriftsteller.

Im Zentrum von „Ein Tanz zur Musik der Zeit“: Ein Elite-Internat

Im Zentrum der zwölf Romane stehen der Erzähler Nicholas Jenkins und seine drei Schulkameraden, Charles Stringham, Peter Templer und Kenneth Widmerpool. Sie alle besuchen ein Elite-Internat, das zwar nicht Eton heißt, ihm aber nachgebildet ist. Der Erzähler Jenkins, beschreibt das Leben dieser Gruppe zwischen dem Ersten Weltkrieg und den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Eton, Oxford, London, zwei Weltkriege, Ende des Empires, Niedergang Großbritanniens. Das sind die großen, gerade heute so ungemein aktuellen Themen.

Die Romane schildern die Eskapaden und Ekzentrizitäten der britischen Oberschicht. Sex, Macht und Geld bestimmen Powells großes Romanwerk. Er beschreibt eine Epoche und Gesellschaft, die seit dem Zweiten Weltkrieg verschwindet und in diesen Tagen den Todesstoß empfängt. Bemerkenswert ist der Unernst, mit dem diese in Eton und Oxford erzogene Elite wichtige Entscheidungen trifft. Herausgearbeitet ist die Lust am Hazardspiel und an der Maskerade. Auf der anderen Seite kann man sich auf dem europäischen Kontinent kaum vorstellen, wie ideologisch die angeblich doch so pragmatische britische Oberschicht agiert. Unter den vierzig Hauptpersonen und dreihundert Nebenfiguren sind eine erhebliche Anzahl von Stalinisten, Trotzkisten, Anarchosyndikalisten, aber eben auch völkische und nationalistische Ideologen von der äußersten Rechten.

Heimliche Hauptfigur ist der Außenseiter der Eliteschule: Kenneth Widmerpool, ein durch und durch intriganter und arroganter Charakter, ein Bösewicht, wie ihn nur wenige Romane der Weltliteratur schildern, der „verbissenste und grässlichste Einzelgänger der Literatur“ (Christopher Hitchens). Im ersten Band noch verspottet – nicht zuletzt weil das Familienvermögen mit Jauchehandel verdient wurde – wird aus dem linkischen Schuljungen in den folgenden Romanen ein durchtriebener Geschäftsmann, im Zweiten Weltkrieg ein hoher Offizier und dann ein erfolgreicher Politiker. Die ehemaligen Schulfreunde, die ihn einst belächelten, schickt er bewusst an entlegene Fronten und so in den sicheren Tod. Widmerpools vielversprechende öffentliche Karriere wird lediglich durch die Neigung seiner Frau zu allerlei Skandalen gefährdet.

Powell zeichnet eine unerbittliche Abwärtsspirale

Der Autor Anthony Powell starb 94-jährig im Jahr 2000. Als er 1906 geboren wurde, beherrschte Großbritannien im Empire zwei Drittel der Erde. Heute ist es ein Schatten seines früheren Selbst und blickt – tief zerstritten über seine Rolle in Europa und der Welt – furchtsam in die Zukunft. In der von ihm gestalteten unerbittlichen Abwärtsspirale setzt Powell Komödie und Tragödie souverän ein, mildert den Schrecken des fortschreitenden Niederganges mit britischem Humor und ausgefeilten Formulierungen ab. Einmal diniert eine der Hauptfiguren im britischen House of Commons, also in demselben Parlament, das gerade den harten Brexit in Kauf nimmt. Powell schreibt über die Atmosphäre der Räume: Man werde erdrückt von dem „allgegenwärtigen, geronnenen Geist des öffentlichen Streits und des privaten Egoismus – einem Geist, der das Lebenselixier ihrer ständigen Besucher ist.“

Der Schriftsteller und Literaturkritiker Anthony Powell (1905- 2000) arbeitete unter anderem für das englische Verlagshaus Duckworth & Co. sowie als Texter für die Warner Brothers Filmstudios, bevor er 1951 sein literarisches Hauptwerk in Angriff nahm. Die zwölfbändige, erst 1975 beendete Romanfolge „A Dance to the Music of Time“ wurde vielfach mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen; Powell gilt als der „englische Proust“.

„Ein Tanz zur Musik der Zeit“ von Anthony Powell. Zwölf Romane. Von „Eine Frage der Erziehung“ bis „Könige auf Zeit“. Deutsch von Heinz Feldmann. Insgesamt 3312 Seiten. Elfenbein-Verlag, Berlin 2015-2018. Je Roman 22 Euro.

Von Christian Schwandt