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Ist ein Bild nur ein Bild? Die Bundeskunsthalle zeigt die Ausstellung „Michael Jackson: On The Wall“.

Zur Michael-Jackson-Ausstellung in der Bundeskunsthalle – Runter vom Thron

Die Bundeskunsthalle zeigt die Ausstellung „Michael Jackson: On The Wall“ trotz der erneuten Missbrauchsvorwürfe gegen den Sänger. Doch ist es Zeit, über einen neuen Umgang mit den Bildern des Popstars nachzudenken.

„Billy Jean is not my lover. She’s just a girl who claims that I am the one.“ Wahrscheinlich haben Sie jetzt einen Ohrwurm. Einen, der Sie – und Entschuldigung dafür – nicht so schnell wieder verlassen wird. Michael Jackson ist nicht aus dem Kopf zu kriegen. Das Gleiche funktioniert auch mit Bildern: Zwei schwarze Slipper, die auf den Spitzen stehen – und sofort entsteht das Bild von einem tanzenden Michael Jackson im Kopf.

Michael Jackson ist keine Berühmtheit mehr – er ist kollektives Gedächtnis geworden. Die beiden Männer James Safechuck und Wade Robson haben in der Anfang März in den USA veröffentlichten HBO-Doku „Leaving Neverland“ berichtet, wie der 2009 verstorbene Sänger sie missbraucht und ihre Familien von ihm abhängig gemacht haben soll. Die Vorwürfe sind nicht neu – doch haben die neuen detaillierten und expliziten Schilderungen Entsetzen in der US-amerikanischen Öffentlichkeit ausgelöst. Und während die Gesellschaft dort noch diskutiert, wie sie nun mit dem Erbe Michael Jacksons, mit ihren Bildern des kollektiven Gedächtnisses umgeht, eröffnet die Bundeskunsthalle am Freitag die Ausstellung „Michael Jackson: On the Wall“, die von der National Portrait Gallery in London entwickelt und dort wie in Paris bereits 2018 gezeigt wurde.

Bundeskunsthalle will auf Abstand zu Michael Jackson gehen

Der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, geht auf Distanz zu Michael Jackson, er hat auch mit einer schriftlichen Erklärung zu Beginn der Ausstellung auf die Missbrauchsvorwürfe hinweisen lassen. Im Vorfeld der Eröffnung sagte er: „Jackson ist eine der großen Ikonen des Medienzeitalters. Ich denke, es wäre verkehrt, ihn im Nachhinein auszuradieren. Wir müssen seine Geschichte aufarbeiten und daraus lernen.“ Schon in früheren Interviews sagte er, dass „On The Wall“ keine Hommageausstellung für Michael Jackson sei. Doch scheint die Lösung im Umgang mit dem Sänger nicht zu sein, dass man ihn entweder ausradiert oder verehrt. Vielmehr muss das System Michael Jackson hinterfragt werden – und das Beisteuern der Musikindustrie dazu. Denn bis heute begegnete die Öffentlichkeit Michael Jackson wie einem Zaubertrick: Man fand ihn kurios, überraschend, irgendwie genial – aber man durfte absolut nicht fragen, wie es hinter den Kulissen aussieht, denn dann hat man den schönen Trick kaputt gemacht.

Hinter der Ausstellung „On The Wall“ steckt nicht nur die renommierte National Portrait Gallery in London – auch der Firma Michael Jackson Estate dankt die Bundeskunsthalle bei der Ausstellung. Sie verwaltet den künstlerischen Nachlass Michael Jacksons – und dahinter steht wiederum der Musikindustrie-Riese Sony. Im Februar hat die Michael Jackson Estate den Sender HBO versucht gegen die Veröffentlichung der Doku „Leaving Neverland“ juristisch vorzugehen. Auf Twitter feiert sie Michael Jackson in absoluter Nostalgie – am Tag, als „Leaving Neverland“ veröffentlicht wurde, hat das Konto neues Futter für die Starmaschine geliefert und den Livemitschnitt eines Konzerts kostenlos veröffentlicht. Michael Jackson ist der bestverdienende tote Musiker – 826 Millionen Dollar wurden 2016 in seinem Namen verdient. Zum Vergleich: Bei Elvis Presley waren es im selben Jahr 27 Millionen Dollar.

Michael Jackson: Ironie schafft keine echte Distanz

Die Kunst ist von der Person nicht zu trennen – die Selbstinszenierung schon gar nicht. Und Ironie ist nicht das Mittel, um das Bild Michael Jacksons zu hinterfragen. Wenn der Maler Kehinde Wiley im Auftrag von Jackson, wie in der Ausstellung zu sehen, kurz vor seinem Tod den Sänger als König von Spanien im 16. Jahrhundert samt Pferd, Schwert und Putten überinszeniert, dann mag das ein Lächeln hervorrufen, aber eine wirkliche Distanz, ein Aufbrechen des Bildes von Michael Jackson, schafft das nicht. 16 Fans, die ihrem Idol nacheifern, singen in der Installation „King“ von Candice Breitz das Lied „Thriller“ mit und tanzen die Schritte nach. Die Unbeholfenheit der jungen Menschen berührt – und dennoch baut diese Arbeit weiter am Thron von Michael Jackson. Denn in ihrem direkten Nacheifern bedient die Fans den Mythos des „King of Pop“.

Die Wahrheit um die Missbrauchsvorwürfe, von denen Michael Jackson in den Prozessen freigesprochen wurde, wird nicht endgültig geklärt werden können. Der Sänger ist verstorben, auch er kann nicht mehr befragt werden. Doch geht es darum, nicht dumm wie Schafe dem Mythos, dem „Phänomen“ Michael Jackson nachzujagen oder überhaupt eine Person, ob Kevin Spacey oder Harvey Weinstein, so sehr zu erhöhen, dass sie ein in sich geschlossenes System der Abhängigkeit schafft. Wer gibt diesen Personen diese Macht? Wir. Wenn wir vollkommen in der eigenen Nostalgie und ungebrochenen Bewunderung Lieder spielen, Filme schauen, nacheifern, ohne hinter die Kulissen blicken zu wollen.

Von Geraldine Oetken / RND