Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Im Kampf für soziale Gerechtigkeit: Die Frauen vom Tageszentrum L'Envol (v. l. Audrey Lamy, Noémie Lvovsky und Corinne Masiero) wollen den obdachlosen Geschlechtsgenossinnen Selbstbewusstsein verschaffen.

Filmkritik zu “Der Glanz der Unsichtbaren” – Zärtliche Sozialkomödie

Die Ausgespuckten setzen sich in Louis-Julien Petits Sozialkomödie “Der Glanz der Unsichtbaren” (Kinostart am 10. Oktober) zur Wehr. Der Regisseur rechnet kompromisslos mit einem nicht funktionierenden Sozialsystem ab, das den Status quo bewahrt. Die zwischen Realität und Märchen angesiedelte Geschichte erinnert an ein Werk des britischen Regisseurs Ken Loach.

Obdachlose gehören zum Stadtbild. Sie hocken vor Geschäften, liegen in Einfahrten, betteln manchmal. Meistens sind es Männer, der Frauenanteil liegt in Deutschland bei 30. Tendenz steigend. Viele verstecken sich aus Angst vor Gewalt und Scham. Man hat sich an diese von der Gesellschaft Ausgespuckten gewöhnt, sie sind fast unsichtbar.

Louis-Julien Petit gibt den Unsichtbaren ein Gesicht

Diesen Unsichtbaren gibt Regisseur Louis-Julien Petit ein Gesicht. Seine Filmheldinnen sind obdachlose Frauen, keine stillen Opfer, sondern Individuen voller Widersprüche, Sehnsüchte und Hoffnungen, die sich trotz aller Missachtung ein Stück Würde bewahrt haben.

Die fiktive Handlung spielt weniger auf der Straße als im Tageszentrum L’Envol in Frankreichs Norden, wo sich die Frauen duschen und aufwärmen, einen Kaffee trinken, plaudern. Morgens stehen sie schon Schlange, abends müssen sie wieder raus – denn das Haus wird geschlossen.

Ein Kampf für die soziale Wiedereingliederung

Das möchten die Leiterin Manu (Corinne Masiero) und ihre Mitarbeiterinnen (Audrey Lamy, Déborah Lukumuena und Noémi Lvovsky) ändern. Manchmal lassen sie schon jetzt die Wohnungslosen in der Unterkunft übernachten. Mit den Behörden und auch gegen diese kämpfen die Leiterinnen für die soziale Wiedereingliederung der Obdachlosen.

Als die Schließung des L’Envol droht und die Abschiebung der „Klientinnen“ in ein entferntes Heim, reißt Betreuerinnen und Betroffenen der Geduldsfaden. Sie spinnen einen Plan, um das Unheil abzuwenden. Drei Monate Zeit bleibt ihnen. Der Zweck heiligt die unkonventionellen und durchaus illegalen Mittel.

Neben den vier Schauspiel-Profis holte sich der Regisseur Frauen von der Straße und solche, die den Absprung von dort geschafft haben. Sie spielen ihr Leben nach und durften sich Namen aussuchen. So tummeln sich Edith Piaf, Brigitte Macron, Brigitte Bardot, Simone Veil und Lady Di auf der Leinwand.

Eine rohe Sozialkomödie voller Liebe zu den Underdogs

Die bunte Truppe arbeitet in Workshops und qualifiziert sich für Jobs. Manch eine ächzt unter Lernstress oder umschifft die Regeln großzügig: Aus all dem ergibt sich eine zärtliche und zugleich rohe Sozialkomödie voll subversivem Humor. Die Liebe zu den Underdogs ist unverkennbar.

Zugleich rechnet der Regisseur kompromisslos mit einem nicht funktionierenden Sozialsystem ab, das den Status quo bewahrt und nichts für dessen Überwindung tut. Wir begegnen diesen Menschen auf Augenhöhe, der Film nimmt sie ernst und beweist, dass es sich lohnt, auch den Ausgespuckten eine Chance zu geben.

Als wärs ein Film von Ken Loach – nur leichter

Die zwischen Realität und Märchen angesiedelte Geschichte erinnert an ein Werk des britischen Regisseurs Ken Loach – allerdings auf leichtere, französische Art. Am Ende haben die erschöpften und in der Seele beschädigten Frauen an Selbstbewusstsein und Überlebenskraft gewonnen. Eine Utopie? Vielleicht. Vielleicht aber auch ein Stückchen mögliche Wirklichkeit.

Kinostart in Deutschland: 10. Oktober 2019

Deutscher Titel: „Der Glanz der Unsichtbaren“

Regie: Louis-Julien Petit

Mitwirkende: Corinne Masiero, Audrey Lamy, Noémie Lvovsky

Filmlänge: 102 Minuten

Altersfreigabe: ab 6 Jahren

Von Margret Köhler