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Ein Leben für die Wahrheit ist gefährlich: Katharine Gun (Keira Knightley) fühlt sich verfolgt, seit sie zur Whistleblowerin wurde. Quelle: Entertainment One

„Official Secrets“ – Keira Knightley überzeugt als Whistleblowerin

Gavin Hood erzählt in seinem Politthriller „Official Secrets“ (Kinostart am 21. November) die Geschichte einer unbekannten Whistleblowerin. Keira Knightley spielt Katharine Gun, eine Frau, die gegen Fake News über Saddam Hussein kämpfte und den Irakkrieg verhindern wollte. Ihre Haltung: „Ich arbeite nicht für die britische Regierung, sondern für das britische Volk.“

Edward Snowden kennt jeder. Seit Jahren muss der Whistleblower an einem unbekannten Ort in Russland ausharren. Kein europäisches Land will dem Mann Asyl gewähren, der die Überwachungsstrategien der US-Geheimdienste an die Öffentlichkeit brachte. Ein Begriff dürfte auch Chelsea Elizabeth Manning sein, die US-Präsident Barack Obama in einem der letzten Gnadenakte seiner Amtszeit vor dem Verschimmeln im Gefängnis bewahrte – Manning hatte US-Verbrechen im Irak-Krieg bekannt gemacht.

Wer aber ist Katharine Gun? Im Internet finden sich Aufnahmen einer zierlichen, blonden Frau, damals 28 Jahre alt. Die sonst so strahlende Keira Knightley spielt sie als unauffällige Zeitgenossin, ja, als graue Maus. Gun arbeitet als Chinesisch-Übersetzerin für den britischen Geheimdienst GCHQ – ein wenig aufregender Job. Doch dann sieht sie für einen Moment nicht nur die Chance, sondern auch die Verpflichtung, die Weltgeschichte zu beeinflussen.

Die USA und Großbritannien zogen mit einer Lüge in den Krieg

„The Spy Who Tried To Stop A War“: So lautet der Titel eines Buchs über Gun. Gemeint ist der Irak-Krieg 2003, in den die USA und Großbritannien mit der Lüge zogen, der irakische Diktator besitze Massenvernichtungswaffen. Die Waffen wurden nie gefunden.

Wir sehen in diesem Film Archivbilder über Monitore flimmern, in denen Menschen gegen die Kriegsvorbereitungen demonstrieren. Und wir sehen Tony Blair, der von Beweisen für Chemiewaffen im Irak schwadroniert. Gun sitzt auf dem Sofa und ruft dem Premierminister auf ihrem TV-Bildschirm wütend zu: „Nur weil du der Premierminister bist, kannst du nicht deine eigene Wahrheit erfinden.“

Schon immer gehörten Fake News zum politischen Waffenarsenal

Beinahe hätte man es vergessen: Fake News waren bei Staatsführern bereits populär, bevor Donald Trump ins Weiße Haus einzog. Schon immer gehörten sie zum Arsenal kriegsführender Mächte.

Der Politthriller „Official Secrets“ setzt Gun ein kratzerfreies Denkmal. Wie so oft in Filmen dieser Art fragt sich der Zuschauer beeindruckt, woher diese Schreibtischheldin den Mut nahm. Gun stellte ihr Gewissen über ihre Verpflichtung zum Schweigen und riskierte dabei als Geheimnisverräterin eine hohe Gefängnisstrafe – und mehr.

Folgt man dem südafrikanischen Oscarregisseur Gavin Hood („Tsotsi“), dann handelte Gun zunächst beinahe impulsiv. Die Folgen ihres Tuns wurden ihr erst später klar. Ihre Entschlossenheit wuchs mit der Bedrohung.

Eine Mail weckt in Gun den Widerstandsgeist

Blenden wir hinein in den abgedunkelten Newsroom des britischen Geheimdienstes GCHQ: Hier sitzt Gun (Knightley) unter der Fuchtel einer herrischen Chefin, die wohl auch gut auf einer Sklavengaleere Dienst tun könnte. Eine Mail des amerikanischen Geheimdienstes NSA ploppt auf Guns Computer auf.

Ihr Inhalt: Kleinere Mitglieder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollen ausspioniert und dann erpresst werden, um in der UN die nötigen Stimmen für den Irak-Krieg zusammenzubekommen. Gun schaut ungläubig auf die Zeilen, lädt die Mail herunter, druckt sie leichtfertig auf dem gemeinsamen Printer im Büro aus und spielt sie über eine befreundete Friedensaktivistin dem „Oberserver“ zu.

Zeitungsredakteure, die für ihren Job brennen

Wieder – wie schon in den Kinodramen „Spotlight“ oder in „Die Verlegerin“ – sehen wir alsbald für ihren Job brennende Zeitungsredakteure, die abwägen, ob sie dem Material in ihren Händen glauben sollen. Die Sehnsucht nach journalistischen Verfechtern der Wahrheit scheint zumindest im Kino derzeit groß zu sein. Wir haben ähnliche Szenen aber schon weniger klischeehaft verfolgen können als hier.

Der Druck auf Gun wächst und damit die Spannung in diesem so zurückhaltend begonnenen Thriller: Wie alle anderen in ihrer Abteilung muss sie sich Einzelbefragungen stellen. Erstaunlich schnell gesteht sie die Tat, auch um ihre Kollegen zu schützen. Ihrem Gegenüber hält sie einen Satz vor, den sie noch häufiger zu ihrer Verteidigung sprechen wird: „Ich arbeite nicht für die britische Regierung, sondern für das britische Volk.“ Die Reaktion der Staatsmacht ist perfide: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion will sie Guns Ehemann Yasar (Adam Bakri) abschieben, einen türkischen Kurden, der in England Asyl sucht. Den Ermittlern gilt er als zwielichtiger Geselle – aus einem einzigen Grund: „Er ist ein Moslem.“

Eine Frau folgt ihrem Gewissen

Das Erschreckende im Rückblick ist: Wir erkennen bei den politisch Handelnden all jene Krankeitssymptome, von denen Entscheidungsträger heute in epidemischem Ausmaß befallen sind (ohne deshalb behaupten zu wollen, dass früher alles besser war). Mittendrin steht eine unscheinbare junge Frau, eine Randfigur im herannahenden Irak-Krieg, die ihrem Gewissen folgt.

Das Gerichtsverfahren gegen Katherine Gun nahm auch dank des Anwalts an ihrer Seite (Ralph Fiennes) eine überraschende Wendung, die nicht verraten werden soll. Als alles vorbei war, bedauerte Gun nur eines: Dass sie scheiterte bei dem Versuch, einen Krieg aufzuhalten, der Hunderttausenden das Leben gekostet hat und unter dessen Folgen bis heute Menschen leiden.

„Official Secrets“, Regie: Gavin Hood, mit Keira Knightley, Ralph Fiennes, 112 Minuten, FSK 6

Stefan Stosch/RND