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Doppelkrone für Juju: Die Berliner Rapperin wurde bei der 20. Verleihung der 1-Live-Krone in Bochum mit den Preisen für die „beste Künstlerin“ und die „beste Single“ ausgezeichnet. Quelle: Getty Images

1-Live-Krone-Abräumerin und Chartstürmerin: Wer ist Sängerin Juju?

Gleich zwei 1-Live-Kronen gab es bei der 20. Verleihung der Radiopreise in Bochum für Juju. Die Berliner Rapperin wurde als „beste Künstlerin“ und für ihren Hit „Vermissen“ gekürt. Die zuvor mit dem Duo SXTN für derbe Texte und harte Beats bekannte Künstlerin beschreitet damit den Weg in den Pop.

Eine Rap-Frau ist bereit für den Mainstream-Erfolg. Bei der Verleihung der 1-Live-Krone wurde die Berlinerin Juju als beste Künstlerin gekürt.. Eine Frau auf der Siegerstraße. Rapperin Juju strahlte bei der 20. 1-Live-Kronen-Verleihung in der Bochumer Jahrhunderthalle im tomatenroten Lederoutfit in die Kameras. Gleich zwei Preise gab es für die 27-Jährige: Den für die beste Künstlerin und den für die beste Single. „Vermissen“ – das war im Sommer Jujus erster Solohit gewesen. „Oh mein Gott, Leute“, schrie sie ins Mikrofon, als sie zum zweiten Mal auf der Bühne stand. Sie bedankte sich bei ihrem Team, bei Familie und Freunden: „So stolz, so glücklich. Ich liebe euch alle – ohne Scheiß!“

Doch wer ist die junge Frau, die gestern das Publikum in der Ruhrpottstadt begeisterte und schon seit vergangenem Sommer Millionen Radiohörer? Und wie ist ihre Musik?

„Vermissen“ ist einer von jenen Songs, die schon beim ersten Hören im Ohr sind. Eine funkelnde Gitarre schafft ein Gefühl für Großstadteinsamkeit, dann setzen Hip-Hop-Beats ein. Sängerin Juju schwebt im Video allein durch Berlin, vorbei an nächtlichen Graffitiwänden: „Wie kann man jemand so krass vermissen wie ich dich in diesem Scheißaugenblick“, singt sie.

Im Grunde ist der Siegersong von Bochum ja ein Duett, wurde aber von Juju geschrieben und zählt als ihre Single. Irgendwann schert die Kratzestimme von AnnenMayKantereit-Sänger Henning May (der in Bochum auch eine Krone abbekommt) ein, und er singt praktisch vom Gleichen: Dass er seit der Trennung besoffen in den Bars abhängt und nur noch bereut: „Es ist nachts, ich bin wach, und ich denk an dich.“

Es wird die alte, traurige Liebesgeschichte erzählt, dass zwei Menschen einander verloren haben, und dass es sie aber dennoch stark zueinanderzieht. Also etwas, das praktisch jeder schon mal ähnlich erlebt hat. Juju schnüffelt am zurückgelassenen Shirt im Tourbus, sie hat das Gefühl, die leere Wohnung ist kein Ort der Geborgenheit mehr. Juju singt die älteste Geschichte der Welt, eben nur mit ein paar gossenhafteren Worten, als es Pop und Schlager tun.

Juju hat das Zeug zum Mainstream-Popstar

Mit „Vermissen“ hatte Juju ihr Mitte Juni erschienenes Soloalbum „Bling Bling“ vorbereitet, das mit Songs wie „Sommer in Berlin“, „Ich müsste lügen“, „Freisein“ (ein Duett mit Xavier Naidoo), „Hi Babe“ und „Bye Bye” unter Beweis stellte, dass die Rapperin aus dem Berliner Brandviertel Neukölln das Zeug zum Mainstream-Popstar hat. Was die Preisverleihung des notorisch Hip-Hop-affinen Senders nun unterstrich.

Das war anfangs nicht so klar gewesen. Vor „Bling Bling“ war Judith Wessendorf, so der bürgerliche Name der Rapperin, für nicht jugendfreien Klartext und harte Beats bekannt gewesen. Geschult vor allem am Stoff des berüchtigten Indielabels Aggro Berlin mit seinen provokativen Künstlern Bushido, Fler und Sido bot Juju mit ihrer Co-Rapperin Nura unter dem Namen SXTN ab 2014 sogenannte „explizite Lyrik“, Straßenrap mit viel Gedisse. Songs wie „Hass Frau“, „Made 4 Love“ und „Deine Mutter“ klangen so derb wie die Musik der männlichen Straßenrapper. Nur handelten sie von weiblicher Selbstbehauptung, mit einem Schuss Gossenfeminismus. In „Die Ftzen sind wieder da“ machten SXTN klar: „Du bist Haustier, ich bin Raubtier.“

Dabei wurde auch gegen Rassismus und Sozialkluft angerappt. SXTN blieben bei aller Soundwucht allerdings ein Kultprogramm, nicht tauglich für das textlich empfindliche Massengemüt, auch wenn das Debütalbum „Leben am Limit“ 2017 bis auf Platz acht in den deutschen Charts stieg. Im April 2019 wurde dann die Trennung bekannt gegeben, Juju verriet im Mai im „Musikexpress“, dass die Freundschaft beendet sei, man sich auseinandergelebt habe.

In einem Interview mit „Spiegel Online“ erzählte Juju über ihr Leben mit einem Vater, der nie da war, und einer überforderten Mutter. Mit 16 zog sie von zu Hause aus, schmiss das Gymnasium. „Nicht, dass ich jetzt Gangstersachen gemacht hätte, aber du hast halt keine Perspektive und baust Scheiße, und dann bist du eben in anderen Kreisen unterwegs“, erzählte sie dem Magazin. Das Rappen war Flucht – und Rettung.

Jujus neuer Weg zeigte sich schon beim Capital-Bra-Hit „Melodien“

Jujus neuen Weg zeigte im Sommer 2018 bereits der Song „Melodien“ über einen Typen, der seine Untreue mit den „Melodien in meinem Kopf“ als Bagatelle verstanden wissen will, und eine betrogene Frau, die endgültig mit ihrem Leben und Liebsten aufzuräumen gedenkt. Jujus Duett mit Capital Bra, dem Nummer-eins-Abonnenten der deutschen Charts (sieben „Nummer einsen“ 2018 und bis jetzt neun im Jahr 2019) führte im Sommer 2018 die Singlehitparaden in den deutschen, schweizerischen und österreichischen Singlehitparaden an, wird aber offiziell als Capital-Bra-Hit verbucht.

„Vermissen“ war dann Jujus erster eigener Charts-Topper. „Ich bin so krass dankbar“, sagte sie gestern in der Jahrhunderthalle. Es sei ein „Song vom Herzen, nicht so’n Plastikscheiß“. Dass eine Rap-Frau die deutsche Singlehitparade anführte, ist lange her: 1997 hatte Sabrina Setlur alias Schwester S. das mit „Du liebst mich nicht“ geschafft. Jetzt kommen ihre jungen Schwestern wie Haiyti, Shirin David und eben Juju und sagen den Hip-Hop-Kerlen Klartext: „Während du wieder monatelang auf mich wichst / Hab ich 20 neue Songs und dein’ Traum gefickt“, rappt Juju im Song „Intro“ von „Bling Bling“.

Neue Rap-Frauen hat das Land.

Von Matthias Halbig/RND