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Produzent Ed Guiney nimmt einen Preis für „The Favourite“ entgegen. Quelle: Getty Images

Historienfarce „The Favourite“ triumphiert beim Europäischen Filmpreis

Die Historienfarce „The Favourite“ räumt in großem Stil beim Europäischen Filmpreis ab. Der deutsche Kandidat „Systemsprenger“ geht bei der 32. Verleihung in Berlin bis auf einen Preis für die Musik leer aus.

Berlin. Gewöhnlich lassen sich Europäer ja nicht so leicht auf einen Nenner bringen, sie lobpreisen gern ihre Vielstimmigkeit. Beim Europäischen Filmpreis war das ein wenig anders: Gleich acht Auszeichnungen sahnte die Historienfarce „The Favourite“ ab, darunter die für den besten Film, für die Regie und für die Darstellerin. Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos und die Britin Olivia Colman – für die Rolle als miesepetrige Queen Anne schon im Februar mit dem Oscar geehrt – schienen nicht mit diesem ein wenig späten Preissegen gerechnet zu haben: Die beiden waren gar nicht erst nach Berlin gereist.

Die mehr als 3600 Mitglieder der Europäischen Filmakademie (EFA) hatten am Samstag ihren eindeutigen Favoriten gefunden. Das überraschte bei einem wahrlich starken Bewerberfeld.

Sonnenbrillenträger Pedro Almodóvar, hoch gehandelt für seinen sehr persönlichen Film „Leid und Herrlichkeit“ über einen alternden Regisseur, ging leer aus. Immerhin durfte er den Darstellerpreis für Antonio Banderas mit nach Hause nehmen. Der Spanier ließ sich aus seinem vor Kurzem eröffneten Theater in Málaga zuschalten, wo er Minuten später auf die Bühne musste.

„Systemsprenger“: Nur ein Preis für die Musik

Roman Polanskis „Intrige“, eine Verfilmung des Dreyfus-Skandals, ignorierte die Filmakademie geradezu erwartungsgemäß: Der umstrittene polnisch-französische Filmemacher sieht sich jahrzehntealten Vergewaltigungsanschuldigungen ausgesetzt. Einen Eklat wollte in Berlin niemand riskieren – die Oscar-Academy hat Polanski zwischenzeitlich aus ihren Reihen ausgeschlossen.

Für den deutschen Film „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt blieb nur eine Ehrung für die Musik. Die gerade elfjährige Hauptdarstellerin Helena Zengel saß mit leuchtenden Augen im Saal – und wurde Zeuge, wie ein deutsches Trio in einer ganz neuen Kategorie gewann: Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten wurden für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ ausgezeichnet. Tykwer bat das gesamte Team auf die Bühne. Das war eines der schönsten Bilder in einer kurzweiligen Show.

Die Europäer legten so viel absurde Selbstironie an den Tag, wie sie die Oscar-Academy immer nur behauptet. Bei welcher Preisgala gab es schon mal Pizzaboten als Trophäenlieferanten? Oder eine Opernsängerin, die sich in einem Segelboot stehend über die Bühne ziehen ließ und dabei eine Arie auf den Gewürdigten sang? Dabei handelte es sich aber auch um einen Ausnahmeregisseur, der seinerseits seinen Protagonisten im Film „Fitzcarraldo“ (1982) einen Dampfer über einen Berg im Dschungel hatte ziehen lassen: Werner Herzog erhielt den Preis für sein Lebenswerk.

Besondere Ehrung für Juliette Binoche

Akademiepräsident Wim Wenders lobte den Extremfilmer als jemanden, für den es beim Kino „um Leben und Tod geht“. Herzogs Ehrlichkeit und sein Wagemut seien einzigartig. Der Gepriesene, in Los Angeles zu Hause, setzte den Klagen vieler Kollegen über den Zustand Europas Optimismus entgegen: Aus der Ferne sei Europa ein einzigartiges Friedensprojekt.

Noch zweimal erhoben sich die Zuschauer von ihren Sitzen: einmal für Juliette Binoche, die für ihren Beitrag zum Weltkino geehrt wurde. Und dann feierten die Akademiemitglieder den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow. Vier Jahre hatte er in russischer Haft gesessen, bevor er im Herbst freikam. Der sichtlich angeschlagene Senzow schwieg, zeigte aber das Victoryzeichen.

Die Europäische Filmakademie hatte immer wieder Senzows Freilassung gefordert. Nun will sie eine Art Taskforce etablieren, die noch schneller reagiert, wenn Filmemacher in Not sind. Kino und Engagement: Beim Europäischen Filmpreis sind sie nicht zu trennen.

Von Stefan Stosch/RND