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Das Bild aus dem Jahr 1932 zeigt den amerikanischen Bandenchef der Unterwelt von Chicago, Al Capone (l.), unter Bewachung von US-Marshall Henry C.W. Laubenheimer. Quelle: A0001 UPI

Las Vegas: Der lange Schatten der Mafia

Wie das organisierte Verbrechen Las Vegas erfand: Amerikas Spielplatz feiert seine Mobster-Vergangenheit – und will sie gleichzeitig abschütteln. Doch ohne das Echo des Bösen wäre die Glitzermetropole in der Wüste nicht mehr dieselbe.

Am Abend des 6. Januar 1997 betrat Herbert Blitzstein sein Wohnhaus im Osten von Las Vegas. Seine Mörder warteten schon auf ihn. Der 62-Jährige hatte keine Chance. Einer der beiden Männer zog eine kleinkalibrige Waffe und richtete sie auf Blitzstein. Der hielt schützend seine Hände vors Gesicht und fragte „Warum ich?“ Sekunden später stürzte er sterbend auf einen Ledersessel. „Fat Herbie“, lange Jahre die rechte Hand von Las Vegas’ mächtigem Mafiaboss Tony „Die Ameise“ Spilotro, war tot. Per Kopfschuss exekutiert im Auftrag von Konkurrenten aus Los Angeles. Es war der letzte Mord der Mafia in der glitzernden Wüstenoase. Und es war das Ende einer Ära.

Ein halbes Jahrhundert lang hatte das organisierte Verbrechen in Las Vegas das Regiment geführt, hatte Milliarden von Dollars beiseitegeschafft, hatte Abtrünnige eliminiert, Politiker und Polizisten bestochen, Steuern hinterzogen, Unsummen an Geld gewaschen und dieses „Paradies voller Trottel“, wie Mobsterboss Meyer Lansky Vegas einst nannte, mit Glücksspiel und Prostitution bis auf den letzten Cent gemolken. Las Vegas, der Bundesstaat Nevada und die Mafia – alle drei waren verschmolzen zu einem Amalgam aus Korruption, Gier, Sünde und Verbrechen.

Las Vegas liebt seine Schufte

Dieser absurde Ort im Nirgendwo der Mojave-Wüste, geschaffen von Gangstern und von Milliardären zur modernen Geldmaschine aufgeblasen, lebt bis heute vom Ruf des Verruchten. Es ist ein Ort, der Sex, Vergessen, Flucht, Besinnungslosigkeit und Erlösung gleichermaßen verspricht. Und er liebt seine Schufte, trotz allem. Bis heute.

„Blitzstein hat doch niemandem etwas getan“, sagte wenige Stunden nach dem Mord der Anwalt Oscar Goodman. Goodman selbst steht bis heute sinnbildlich für die Widersprüchlichkeit von Las Vegas: 35 Jahre hatte er als Strafverteidiger versucht, Mafiabosse wie Meyer Lansky, Nicky Scarfo, Phil Leonetti, Frank „Lefty“ Rosenthal oder Tony Spilotro vor dem Gefängnis zu bewahren. Zweieinhalb Jahre nach dem Mord an Blitzstein dann wurde Goodman 1999 zum Bürgermeister von Las Vegas gewählt – mit 64 Prozent der Stimmen.

Ein Mobster-Anwalt als oberster Stadtvater? „Only in Vegas“, sagt man in den USA. Das gibt es nur hier. Heute ist seine Frau Carolyn Goodman Bürgermeisterin.

Goodmans politische Karriere steht symptomatisch für die Hassliebe, die Las Vegas mit der Mafia verbindet. Italogangster in Nadelstreifen, die Hüte tief im Gesicht, Koffer voller Dollarscheine, schweigende Mobster der jüdischen Kosher Nostra in feinem Zwirn, Gräber in der Mojave-Wüste rund um die Stadt, feist grinsende Bosse mit Showgirls auf den Knien – das alles gehört zur Folklore dieser Stadt, die sich mit Milliarden LED-Lichtern als Entertainmentzentrale der Erde inszeniert, aber ihre Schuftigkeit nie ganz verbergen kann. Das Gangstertum steckt tief in ihrer DNA.

Goodman war es auch, der dem mafiösen Erbe der Stadt ein pompöses Denkmal setzte: 2012 eröffnete das Mob Museum an der Stewart Avenue, untergebracht in einem Gerichtsgebäude von 1932, das später ein Postamt war. Dort dokumentiert die Stadt mit Liebe ihr kriminelles Erbe. Besucher betrachten mit wohligem Grusel einen elektrischen Stuhl. Im Museumsshop gibt’s Bierdeckel mit Lucky Luciano, Socken mit Fadenkreuz-Motiv, Al-Capone-Gummifiguren, Schnapsbecher in Patronenform und Mafia-Kochbücher. Als ob die Cosa-Nostra-Jungs jemals etwas anderes gegessen hätten als Spaghetti mit Fleischbällchen bei Mamma.

Las Vegas war tief gespalten über der Frage, ob man Gangstern ein Museum errichten soll. Kommt das nicht einer Glorifizierung gleich? Doch es ist eine kluge, ausgewogene und sehenswerte Ausstellung, die Aufstieg, Bekämpfung und Untergang der Glücksspielmafia in Las Vegas sauber einbettet in eine Darstellung des globalen organisierten Verbrechens. Hier geht es nicht um Heldenkult.

Jüngst wurde das Mob Museum zu einem der besten 20 Museen in den USA gekürt – auch für die gelungene Gratwanderung. „Wir sehen es als unsere Pflicht, darüber aufzuklären, welche Rolle das organisierte Verbrechen in der Welt spielt“, sagt Museumspädagogin Claire White. Doch auch sie weiß, dass das junge Museum vor allem wegen der Kraft der Marke Mafia ein Besucherhit in Downtown Las Vegas ist. In einer nachgebauten Flüsterkneipe im Museumskeller wird Moonshine und anderer Schnaps ausgeschenkt.

Warum ist Las Vegas ohne Mafia nicht denkbar?

Wie wurde die Mafia so mächtig in Vegas? Warum ist Amerikas Spielplatz ohne sie nicht denkbar? Der Tag, an dem der Aufstieg der amerikanischen Mafia zur heimlichen Macht im Staate begann, war der 16. Januar 1920. An diesem Tag gaben die Amerikaner mit einem letzten Glas Alkohol in der Hand einen finalen Toast aus: Es war der Beginn der Prohibition. 13 Jahre lang sollte Alkoholkonsum in den USA verboten bleiben. Vom selben Tag an galt für die Mafia: „Give the people what they want.“ Gib den Menschen, was sie wollen. Der Verkauf von illegal zusammengepanschtem Fusel in Speakeasys und direkt an Privatleute wurde zum Milliardengeschäft. In Chicago baute der Kleingauner Al Capone sein bescheidenes Reich dank der Prohibition zu einem landesweiten Fuselimperium aus. Der illegale Alkohol floss in Strömen in alle Winkel Amerikas. Capones Motto: „Mit einem guten Wort und einer Waffe kommt man weiter als mit einem guten Wort allein.“

In New York nutzten zwei Brüder im Geiste die Gunst der Stunde, um die Macht an sich zu reißen: Charles „Lucky“ Luciano, geboren 1897 auf Sizilien, und Meyer Lansky, geboren 1902 in Weißrussland. Sie hatten in den blutigen Bandenkriegen der düsteren Hinterhöfe von New York gelernt, wie sich der mühsame Weg zum amerikanischen Traum abkürzen lässt. Lansky lieferte Whisky an Speakeasys und Nachtclubs in Manhattan, Luciano betrieb Schutzgelderpressung und Mädchenhandel. Noch folgten die italienische Cosa Nostra und die jüdisch dominierte Kosher Nostra ihrer jeweils eigenen Agenda.

Und Las Vegas? War um 1830 herum noch ein staubiges Wüstenkaff. Um Weihnachten 1829 herum hatte ein junger mexikanischer Scout namens Rafael Rivera westlich des Flusses Colorado seine Expedition verlassen, um in der unerforschten Wüste eine Abkürzung auf der Handelsroute von Santa Fe nach Los Angeles zu suchen. Von einem Hügel aus erblickte er inmitten der Wüste ein grünes Tal, gespeist aus unterirdischen Quellen. Rivera nannte den Ort „Las Vegas“ – die Wiesen. 1855 errichteten Mormonen ein kleines Fort und versuchten, Indianer zu bekehren. Die hatten wenig Interesse am Christentum und vertrieben sich die Zeit gelegentlich mit Glücksspiel. Sie ließen Knochen und bemalte Stöcker über den staubigen Boden kullern – das erste „Glücksspiel“ in Las Vegas. Lange war Las Vegas eine öde Wasserstelle voller Pferdediebe, dann eine einsame Bahnstation im Nichts an der Strecke zwischen Chicago und Los Angeles. Um das Jahr 1900 lebten nur 30 Siedler im Tal. 1921 waren es rund 3000. Es gab mehr Schafe als Bewohner. Doch dann geschahen im Jahr 1931 drei Dinge gleichzeitig, die sich als dreifacher Urknall für das moderne Vegas erweisen sollten: Die Verhaftung von Capone in Chicago schreckte die verzweigten Mafiaclans heftig auf. Sie reagierten mit einem Zusammenschluss aller jüdisch-italienischen Mobster – zum berüchtigten „Syndikat“, dessen bewaffneter Arm als Murder Inc. bekannt wurde. Das zweite Ereignis: Als erster und lange Zeit einziger Bundesstaat der USA legalisierte Nevada 1931 das Glücksspiel. Und zog Glücksritter und Desperados an wie ein golden leuchtender Magnet. Das dritte Ereignis schließlich war 1931 der Bau des Hoover-Damms – jenes gewaltigen Staudamms, der die gesamte Region veränderte, den Colorado zum riesigen Lake Mead anschwellen ließ und bis heute 22 Millionen Menschen mit Wasser und Strom versorgt.

Tausende Männer begannen, das Gestein des Black Canyon zu sprengen und zu brechen. Zwei Jahre lang wurde so viel Beton angerührt, dass er für eine fünf Meter breite Straße von der Ost- zur Westküste genügt hätte. Und abends entspannten sich die Arbeiter im kleinen Vergnügungsviertel des 40 Kilometer entfernten Las Vegas, diesem rauen Wildwest-Loch voller Huren, Maulesel und Glücksritter. Sägemehl auf dem Fußboden, Schüsse in die Luft, Rüschenröcke. Wild West in Vegas.

Und dann, im Jahr 1940, blieb Tom Hull, Besitzer des berühmten Hollywood Roosevelt Hotels, auf dem Weg von Südkalifornien nach Salt Lake City mit seinem Auto in Las Vegas liegen. Auf Hilfe wartend zählte Hull die durchfahrenden Wagen, die nicht aus Nevada stammten. Und erkannte sofort eine Goldgrube. Für 2,5 Cent pro Quadratmeter kaufte er ein 27 Hektar großes Grundstück an der Straße und errichtete das El Rancho Vegas, kurz danach das Last Frontier – die ersten großen Häuser in Las Vegas. Der berühmte Strip jedoch, der Las Vegas Boulevard (der streng genommen im Nachbarort Paradise liegt), war noch eine Sandpiste, über der die Geier kreisten.

Das sollte sich ändern. Auftritt: die Mafia. In den Vierzigern legalisierte Nevada auch Pferdewetten – das rief 1942 den Mobster Bugsy Siegel auf den Plan, einen schillernden Frauenhelden und Narzissten, der die Nähe zu Hollywood suchte und gleichzeitig ein eiskalter Vollstrecker war. Siegel reiste im Auftrag von Meyer Lansky und Lucky Luciano nach Nevada, um das Buchmachergeschäft via Telefonkabel an sich zu reißen. Bei einem seiner ersten Trips blieb auch er in Nevada mit seinem Cadillac bei 50 Grad im Schatten und kochendem Kühlwasser in der Mojave-Wüste liegen. Mit an Bord: Meyer Lansky, nur 1,62 Meter groß, aber der mächtigste Gangster des Westens.

Bugsy verstand Vegas sofort als El Dorado. Erst versuchte er, das El Rancho zu kaufen. Dann dachte er: Wir machen es selbst. Größer, spektakulärer, faszinierender. Er stieg bei einem Hotelprojekt ein, das er – nachdem er den klammen Initiator Billy Wilkerson ausgebootet hatte – nach dem Spitznamen seiner langbeinigen Stripperfreundin benannte: das Flamingo. Lansky ließ sich von Siegels fiebriger Vision überzeugen. Siegel kaufte einem Gesellschaftskolumnisten ein 17 Hektar großes Grundstück ab, 300 Meter entlang der sandigen Piste, die einst der Strip werden sollte. Er wollte „das verdammt noch mal größte und nobelste Spielkasino und Hotel, das ihr Halunken jemals gesehen habt“, wie er der Presse versprach. Zur Eröffnung wollte er gar lebende Flamingos importieren. Doch zwei Tiere starben in der Wüstenhitze, also ließ er eine Bestellung über 2100 weitere stornieren.

„Sonniger Ort für lichtscheues Gesindel“

Am 26. Dezember 1946 eröffnete Siegels Flamingo – elf Kilometer von Downtown Las Vegas entfernt nahe dem U.S. Highway 91. Mit seinen 105 Zimmern wurde es zum luxuriösesten Hotel der Welt gekürt. Doch Siegel hatte zu viele Mafiamillionen in den Wüstenwind geschossen. Er starb sechs Monate nach Eröffnung des ersten Großcasinos in Las Vegas durch die Kugel eines Auftragskillers in Beverly Hills. Danach begann das goldene Zeitalter des Verbrechens in Las Vegas.

Las Vegas wurde zum „sonnigen Ort für lichtscheues Gesindel“, wie eine Anwohnerin sagte. Das Syndikat war der größte Arbeitgeber des Staates. Dunkle Gestalten huschten alle vier Wochen in die „Zählräume“ der Casinos und brachten Aktentaschen voller Dollarbündel per Flugzeug, Auto oder Eisenbahn in Lanskys Hauptquartier in Miami. Das Geld, das es mit dem „Skimming“ hortete, bunkerte das Syndikat auf Schweizer Nummernkonten, von wo aus es über die Bahamas frisch gewaschen wieder in die USA schwappte – und direkt in neue Hotels, Wohnanlagen, Shopping Malls und Filmgesellschaften floss.

Die Mafiaclans hatten sich auf ein „Reinheitsgebot“ verständigt. Das heißt: Jeder durfte in der „offenen Stadt“ nach Gutdünken sein Tun verrichten, solange blutige Konflikte nicht vor den Augen der zu schröpfenden Touristen, sondern draußen in der Wüste ausgetragen wurden. Nach der Hinrichtung eines Berufskillers namens „Russian Louie“ Strauss außerhalb der Stadt erzählte man sich in Las Vegas gern den Witz: „Sie kriegen Ihr Geld zurück, sobald Russian Louie wieder in der Stadt ist.“

In den Fünfzigern wurde das Gangsterparadies zum Spiegel Amerikas. Im legendären Stardust brillierte das Rat Pack mit Dean Martin und Frank Sinatra, während gleichzeitig Sexismus und Gewalt zum Alltag gehörten. Der Strom naiver Mädchen, die von einer Showkarriere träumten, riss nicht ab. „In den Sechzigern war die Selbstmordrate in Nevada so hoch wie in keinem anderen Bundesstaat“, schreibt die Autorin Sally Denton in ihrem Klassiker „Las Vegas“. Die Stadt beschäftigte dreimal mehr Polizisten als vergleichbare Orte, der Alkoholkonsum lag 200 Prozent über dem landesweiten Durchschnitt. Es gab dreimal so viele Obdachlose und fünfmal so viele zerstörte Familien wie im Schnitt.

Vegas wurde zum „überwältigenden Kunstprodukt und hellsten Stern am Neonfirmament der Postmoderne“, wie der Historiker Mike Davis schrieb. Elvis Presley spielte 837 ausverkaufte Konzerte am Stück im Las Vegas Hilton. Benny Binion, legendärer Casinomanager und Downtown-Legende, hatte ein ganz simples Rezept: „Wenn man reich werden will, muss man kleinen Leuten das Gefühl geben, jemand zu sein. Gutes, billiges Essen, guter, billiger Whisky und ein gutes Spiel. Mehr braucht der Mensch nicht.“ Der Glücksspielpatriarch und Gründer des Horseshoe, der einen Konkurrenten einst elfmal umzubringen versuchte, bevor es mit einer Briefbombe endlich gelang, wird seit 1984 mit einem Reiterstandbild geehrt. Vegas liebt seine kriminellen Helden.

Kann Vegas zum Familienreiseziel werden?

Doch der Staat schlug zurück. 1960 begann der US-Senator Estes Kefauver mit landesweiten Anhörungen, das Netzwerk der Mafia zu enthüllen. FBI und Mobster lieferten sich einen harten Kampf – bis tief in die Achtzigerjahre hinein. In den Neunzigerjahren übernahmen dann Großkonzerne wie MGM das Regiment. Neue Mogule wie Steve Wynn und Sheldon Adelson errich­teten riesige Luxusresorts. Auch ohne Mafia bleibt Las Vegas ein Fluchtort für zivilisationsmüde Glücksritter und in Teilzeit eskalierende Familienväter.

Vegas würde gern vom Sündenpfuhl zum Familienreiseziel werden. Aber Sex, Glücksspiel und Kinderteller sind nur schwer zu vereinen. Millionen LED-Lichter machten Vegas zum hellsten Ort der Milchstraße neben der Sonne. Aber eines bleibt unverändert, auch ohne Mafia, schreibt Sally Denton: „Hinter der schillernden Fassade verbirgt sich ein krimineller Kapitalismus.“ Es ist das späte Erbe der Mobsterjahre: „Der Glanz der Stadt speist sich aus ihren Schatten.“ Es ist, als habe die Mafia in Vegas die Gesetze der Physik aus den Angeln gehoben: Es ist der einzige Ort der Welt, an dem das Licht den Schatten folgte, nicht umgekehrt.

Von Imre Grimm/RND