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Tourpause: Ricky (Kris Hitchen) fährt mit Tochter Liza Jane (Katie Proctor) Pakete aus – aber das gibt Ärger.

„Sorry We Missed You“: Was tun wir uns an?

Der Brite Ken Loach seziert den ganz normalen Neoliberalismus: Das anrührende Drama „Sorry We Missed You“ (Kinostart: 30. Januar).

Selbstständigkeit: Das klingt verlockend für Ricky. Endlich hat der Familienvater mal keinen Chef im Nacken, wie er es aus seiner Vergangenheit als Klempner und Bauarbeiter kennt. Als Paketzusteller ist er sein eigener Herr. Was Ricky nicht bedenkt als typischer Vertreter der sogenannten Gig-Economy, der sich von Auftrag zu Auftrag hangelt: Als Zulieferer wird er allein nach Paket und Pünktlichkeit bezahlt. Im Eiltempo muss er die Liste abarbeiten, die ihm der Chef des Kurierunternehmens jeden Morgen in die Hand drückt.

Sklave des piependen Minicomputers

Für Kosten und Risiken muss Ricky geradestehen – egal ob Krankheit, Unfall oder familiäre Katastrophen ihn daran hindern, seine Route in Newcastle abzuwickeln. Ruck, zuck wird Rick zum Sklaven des piependen Minicomputers an Bord. Nicht einmal Zeit zum Pinkeln hat er noch, weshalb er auf der Ladefläche eine Plastikflasche dabeihat.

Für seine Frau Abby wird das Leben durch den neuen Job ihres Mannes nicht einfacher: Für den Kleinlastwagen musste sie ihr Auto verkaufen. Und das bräuchte sie als mobile Krankenpflegerin. Stunden sitzt sie nun im Bus. Schon so kann sie Nächstenliebe und Zeitbudget kaum unter einen Hut bringen.

Ricky und Abby sind Helden unserer schönen neuen Arbeitswelt, wie sie Loach am Herzen liegen – Leute, die sich abrackern und nicht auf einen grünen Zweig kommen. Der Brite ist seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Kämpfer für Gerechtigkeit in einer immer ungerechteren Welt. Die Zuneigung zu seinen Figuren hat er nie verloren.

Loach und sein Lieblingsdrehbuchautor Paul Laverty sind sich ihrer erzählerischen Mittel schlafwandlerisch sicher. Die beiden haben mit Laien gedreht, was man bei dem präzisen Spiel kaum glauben mag. Vielleicht liegt die Dringlichkeit von „Sorry We Missed You“ aber auch daran, dass wir Loach und Laverty immer noch brauchen – womöglich mehr denn je: Da sezieren zwei den Neoliberalismus und was er mit den Menschen macht – und sind selbst entsetzt.

Solidarität als Gegenmittel

Was die vierköpfige Familie um Ricky (Kris Hitchen) und Abby (Debbie Honeywood) einer durchökonomisierten Gesellschaft entgegenzusetzen hat, ist Solidarität. Im gespaltenen Brexit-England wirkt dieser Zusammenhalt wie Science-Fiction. Aber die Solidarität ist gefährdet, weil die Arbeit alle Kraftreserven aufzuzehren droht: Was soll Rick tun, wenn sein rebellierender Sohn beim Ladendiebstahl erwischt wird und bei der Polizei wartet, er aber nicht vom Steuer wegkommt, weil ihm sonst die nächste Strafe aufgebrummt wird?

Das Bestürzende in diesem Film ist: Loach und Laverty ist der so typische Humor abhandengekommen. Hier bleibt kaum Zeit für das Ehepaar, auch nur durchzupusten. Diese beiden haben nicht die Kraft, sich gegen die Verhältnisse zu wehren, wie es frühere Loach-Protagonisten mit Furor taten. Einmal fragt Ricky ungläubig seine Frau: „Abby, was tun wir uns an?“ Mit einer Antwort rechnet er nicht.

„Sorry We Missed You“, Regie: Ken Loach, mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, 100 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch/RND