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Weiß, was Leben heißt: Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss. Quelle: Getty Images

Was haben Sie gegen die Schweiz, Lukas Bärfuss?

Als aktueller Georg-Büchner-Preisträger steht der Schweizer Lukas Bärfuss in einer Reihe mit seinen Landsleuten Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Im Interview mit Kristian Teetz verrät er, warum er seine Texte nicht im Nachhinein ändert, wie politisch Literatur sein muss – und warum er nicht als Held gesehen werden will.

Herr Bärfuss, Sie sind aktueller Träger des renommiertesten deutschen Literaturpreises, des Georg-Büchner-Preises. Nach der Preisverleihung haben Sie gesagt, Sie müssen erst einmal in diesen Preis hineinwachsen. Ist Ihnen das mittlerweile gelungen?

Ich hoffe nicht. Ich möchte mich nie daran gewöhnen. Es soll eine Rolle bleiben, die etwas größer ist als ich, sodass ich mich anstrengen muss, diese Rolle auszufüllen. Sonst hätte ich nicht das Gefühl, dass ich ihr gerecht werden kann. Es ist der Büchner-Preis, in dessen Reihe stehen Schriftsteller und Bücher, von denen ich weiß, dass ich noch nichts Vergleichbares geschrieben habe. Das Gefühl der Demut bleibt wesentlich. Das möchte ich mir bewahren.

Sie stehen jetzt in einer Reihe mit Paul Celan und Gottfried Benn, mit Christa Wolf und Sarah Kirsch, mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Wirft ein solcher Preis auch einen Schatten in dem Sinne, dass Sie sich mehr unter Druck setzen oder gesetzt fühlen?

Nein, da hat es keine Veränderungen gegeben. Ich habe ein starkes Über-Ich, eine starke Kontrollinstanz, die sich unzufrieden zeigt mit dem, was ich mache. Dieser Preis ist wichtig für die gesellschaftliche Anerkennung. Das ist entscheidend, keine Frage. Aber es ist äußerlich. Die genuine Unzufriedenheit, die ich mit mir selbst habe, ist dagegen innerlich, und das berührt sich nicht, im Guten nicht wie im Schlechten. Die äußere Anerkennung hilft mir da nicht, aber sie bremst mich auch nicht.

Sie haben in der Büchner-Preisrede gesagt, Ihre Bücher könnten besser sein, wenn Sie andere Voraussetzungen wie mehr Zeit und mehr Geld hätten.

Ja natürlich, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand etwas anderes empfindet seinen eigenen Werken gegenüber.

Warum?

Aus der existenziellen Erkenntnis heraus, dass alles von Mangel geprägt ist. Alles würde anders aussehen, wenn ich unbeschränkte Ressourcen hätte. Und das, was ich an meinen Büchern sehe, ist leider nicht das Gelungene, sondern immer das nicht Gelungene. Man sollte nicht denken, dass ich darüber vergrämt bin. Es ist auch etwas Tolles. Das Mangelhafte und das Fehlerhafte sind ein Beweis der Lebendigkeit. Nur das Tote ist perfekt.

Lieber arbeitsam als gottgleich

Als was würden Sie sich denn selbst bezeichnen? Als Schriftsteller, Autor, Dichter oder Publizist?

Eindeutig als Schriftsteller.

Wo verläuft für Sie die Trennlinie?

Das ist keine einfache Abgrenzung. Der Dichter scheibt vor allem Gedichte, Lyrik. Autor bedeutet Schöpfer, ein Synonym für Gott. Das fände ich ein wenig vermessen. Ich habe dieses altertümliche Wort Schriftsteller immer sehr gemocht, das Gewerbliche daran, man hat gleich das Bild eines fleißigen, arbeitsamen Menschen vor Augen. Als Schweizer gefällt mir das nicht schlecht.

Sie haben Dramen, Romane, Essays geschrieben. Ihr jüngstes Buch „Malinois“ aber ist ein Erzählband. Was reizt Sie an der kurzen Form?

Man sollte Texte so kurz wie möglich halten. Schon aus Höflichkeit den Lesern gegenüber. Man hat schließlich nur ein Leben, soweit man weiß. Und es gibt so viele andere Bücher, die man auch noch lesen will.

Wo zeigt sich das in „Malinois“?

Zum Beispiel bei der Erzählung „Eine feine Nase“. Sie war ursprünglich viele Hundert Seiten lang und sollte ein Gesellschaftsroman werden. Dann habe ich das Überflüssige gestrichen und geblieben sind sechs Seiten. Es ist eine Herausforderung, einen weitläufigen Sachverhalt auf das Entscheidende, auf das Spezifische, Aussagekräftige zu kürzen.

Sie schreiben also möglichst kurz, um Ihren Lesern die Gelegenheit zu geben, auch noch andere Bücher zu lesen?

Ich sehe ja bei mir selbst, was ich alles noch lesen will. Ich werde ungeduldig bis schlecht gelaunt, wenn mich jemand länger als nötig gefangen hält. „Komm doch endlich zur Sache!“, schreie ich dann still dem Autor zu.

An seinen alten Texten will er nichts mehr verändern

In „Malinois“ haben Sie Erzählungen aus den vergangenen 20 Jahren versammelt. Sie haben aber nichts im Nachhinein verändert. Warum nicht?

Das wäre ja uferlos, dann hätte ich neue Geschichten schreiben müssen. Und ich hätte es als Verrat empfunden. Diese Geschichten spiegeln jeweils einen bestimmten Entwicklungsstand des Schriftstellers. Sie zeigen, womit ich mich damals beschäftigt habe, was ich damals konnte, welche formalen Möglichkeiten ich hatte. Und wenn ich begonnen hätte, daran herumzufummeln, wäre das so ähnlich gewesen wie kosmetische Chirurgie.

Wieso das?

Weil ich dann versucht hätte, die Spuren der Vergangenheit aus dem Gesicht zu wischen. Das wollte ich nicht. Das macht man ja auch nicht mit alten Fotos. Ja, diese Sammlung von Erzählungen hat etwas von einem Fotoalbum. Wenn Sie ein altes Fotoalbum aufschlagen und Sie sehen sich auf einem 20 Jahre alten Bild, denken Sie vielleicht, dass der Haarschnitt schon grenzwertig war und der Kleidergeschmack auch. Aber das heißt ja nicht, dass Sie die Bilder nachträglich mit Photoshop verändern.

Sie haben 2015 eine scharfe Kritik an der Schweiz veröffentlicht. Was haben Sie gegen Ihr Heimatland?

Ich hatte zwar das Glück, als Schweizer geboren zu werden, aber gefragt hat mich niemand, ob ich Schweizer sein möchte oder nicht. Es war ein Gewaltakt, dass mir diese Staatszugehörigkeit zugeteilt wurde. Daher nehme ich mir das Recht, diesen Staat zu kritisieren. Ganz affirmativ. Weil ich denke, dass sich nur durch Kritik etwas verändert und möglicherweise sogar zum Besseren. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich gar nicht nur ein kritisches Verhältnis zur Schweiz, sondern pflege allgemein ein kritisches Verhältnis zu meiner Zeit und zu meiner Welt.

Wie äußert sich das?

Ich nehme mir auch das Recht, Deutschland zu kritisieren, auch wenn das vielleicht etwas vergebliche Liebesmüh ist, weil ich hier keine Macht habe – zumindest nicht als politischer Bürger, sondern nur über das gesprochene Wort. Aber Vorgänge wie kürzlich die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen werde ich trotzdem immer wieder kritisieren.

Wie politisch kann und sollte Literatur sein?

Ich bin immer erstaunt über diese Frage. Für mich ist es eine Anomalie, Literatur nicht als politisch zu begreifen. Es ist eine Anomalie einer gewissen bürgerlichen Epoche. Literatur war stets Teil der Öffentlichkeit und der öffentlichen Ordnung und keine Privatsache. Literatur hat immer im öffentlichen Rahmen stattgefunden. Und wenn ich an meine Heroen auf dem Bücherregal denke, dann waren die alle politisch. Im Guten von Heine bis Büchner zu Kleist wie im Schlechten von Dostojewski über Gottfried Benn bis hin zu Ezra Pound. Ich kann mir das nicht anders vorstellen.

Aber wenn man sich die Literatur der vergangenen 20, 30 Jahre anschaut, ist doch Literatur im Sinne einer engagierten Literatur eher die Ausnahme als die Regel gewesen. Ich hatte doch das starke Gefühl, dass es eine Sehnsucht nach einer Repolitisierung der Literatur gab.

Ich würde diese Einschätzung teilen. Vielleicht geschah das auch aus einer Erfahrung nach dem Kalten Krieg heraus – der Erfahrung, dass man sich in der bipolaren Welt während des Kalten Krieges automatisch zu einer der beiden Seiten verhalten musste, wenn man sich in der Öffentlichkeit geäußert hat. Wer das nicht wollte, zog sich in eine neue Innerlichkeit zurück.

Welche Folgen hatte das?

Auch in einem Verlust an gesellschaftlicher Wirkungsmacht der Literatur und des Theaters. Das finde ich schade, das habe ich auch nie geteilt. Jede Poesie ist politisch. Jedenfalls jede, die irgendeinen Anspruch hat.

Glauben Sie an die Veränderbarkeit der Welt durch Literatur?

Selbstverständlich! Das ist keine Glaubensfrage, es ist geschichtliches Faktum. Man müsste den Begriff der Literatur nur etwas weiter fassen: Es geht um Erzählungen, es gibt nichts Mächtigeres als Erzählungen. Erzählungen, die wir von uns selbst und von anderen machen, genauso wie nationale Mythen. Gerade ist in Thüringen ein wichtiges Narrativ der Bundesrepublik Deutschland kaputtgegangen: Dass sich liberale Parteien der Mitte nicht mit Nazis einlassen. Für diese Gesellschaft war das konstitutiv.

Da Sie Thüringen ansprechen: Sind die westlichen Gesellschaften dem Erfolg der Populisten gewachsen?

Wenn man solche fatale Politik betreibt wie die CDU und FDP in Thüringen, dann natürlich nicht. Wenn man solche Gegenkandidatinnen und Gegenkandidaten aufstellt wie die Demokratische Partei in den USA, dann natürlich auch nicht. Die Erfolge der Populisten sind der Schwäche ihrer Gegner geschuldet. Und mit einer Politik wie jetzt in Thüringen gibt man natürlich all den Menschen recht, die nicht mehr an die Demokratie glauben.

Lukas Bärfuss kommt aus schwierigen Familienverhältnissen

Sie sind heute ein erfolgreicher Schriftsteller, aber dieser Weg war nicht vorgezeichnet: Sie haben nicht den klassischen Bildungsweg genommen. Wie kam es dazu?

Durch dysfunktionale Familienverhältnisse stand ich mit 15 alleine da und musste für mich selbst sorgen. Das ist mir manchmal gelungen und manchmal eben nicht. Eine Wohnung ist teuer, ich konnte sie mir nicht immer leisten. Und ich war nicht volljährig und konnte keine Verträge unterschreiben. Ich wollte mich aber auch nicht den Behörden stellen, weil ich Angst hatte – da hatte ich eine Scheu, ich werde institutionalisiert, das wollte ich auch nicht.

Sie waren in Ihrer Jugend dadurch immer mal wieder obdachlos.

Ja. Aber es gibt keinen Grund, das als Heldengeschichte zu erzählen. Dass ich da rausgefunden habe, habe ich zu einem großen Teil Menschen zu verdanken, die es gut mit mir meinten und ist nur zu einem kleinen Teil meine eigene Leistung. Das hätte auch sehr schiefgehen können.

Ihr Vater saß im Gefängnis, war in der Stadt, aus der Sie kommen, schlecht angesehen. Das hat damals auf Sie abgefärbt. Nimmt dieses ehemalige Außenseitertum noch Einfluss auf Ihr Schreiben?

Ja, das ist sicher ein Teil von mir. Und meiner Identität. Ich habe immer versucht, daraus nichts Unabänderliches zu machen. Ich wollte nie ein Außenseiter sein. Gleichwohl merke ich, dass es Menschen am Rande gibt und ich durch meine Geschichte ein genuines Verständnis für die Prozesse, die zu diesen Positionen führen, und zu den Befindlichkeiten dieser Menschen habe. Mir fällt da eine Identifikation leichter als anderen Menschen. Die Literatur ist häufig eine Darstellung von Außenseitern. Einen Mann ohne Eigenschaften finden Sie in der Literatur selten.

Mit dem Georg-Büchner-Preis hat die Schriftstellerkarriere von Lukas Bärfuss ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung gilt als die bedeutendste literarische Auszeichnung in Deutschland. Bärfuss begann 1998 als Theaterautor und entwickelte sich zu einem der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. 2008 erschien sein erster Roman „Hundert Tage“, in dem es um einen Schweizer Entwicklungshelfer geht, der zwischen die Fronten während des Hutu-Tutsi-Konflikts in Ruanda gerät. Es folgten die Romane „Koala“ und „Hagard“, mit dem er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Einem breiteren Publikum bekannt wurde er mit seinem Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“, das unter dem Titel „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ unter anderem mit Lars Eidinger und Victoria Schulz verfilmt wurde. In seinem aktuellen Erzählband „Malinois“, der wie die meisten seiner Prosabücher bei Wallstein erschienen ist (128 Seiten, 18 Euro), sind Geschichten von Bärfuss aus 20 Jahren vereint.

Von Kristian Teetz/RND