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Immer noch aktiv: Jim Kerr, Sänger der Simple Minds (hier 2018 bei einem Simple-Minds-Konzert im New Yorker Beacon Theater), schrieb sich 1988 und 1989 für das Album “Street Fighting Years” politischen Frust von der Seele. Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Simple-Minds-Klassiker “Street Fighting Years” in Jubiläumsbox

“Street Fighting Years” war das erfolgreichste Album der schottischen Band Simple Minds. Sänger Jim Kerr und seine Mitstreiter schufen ein atmosphärisches Meisterwerk politisch ambitionierter Rockmusik, schrieben Songs über Apartheid und Nordirland-Konflikt. Am 6. März erscheint verspätet zum 30-jährigen Jubiläum eine Vier-CD-Box.

Ein bisschen zu spät erscheint der Klassiker neu. Das legendäre Album “Street Fighting Years” der Simple Minds erschien 1989, also vor 31 Jahren. Als verspätete Jubiläumsausgabe kommt nun ein Vier-CD-Boxset (sowie weitere Formate) auf den Markt. Mit diesem Album-Meilenstein gelang den Schotten um Sänger Jim Kerr damals ihr vierter Nummer-eins-Erfolg in den UK-Charts. Und: Erstmals standen sie auf Platz eins in Deutschland. Das von Trevor Horn (und Stephen Lipson) produzierte Album enthält mit dem Song “Belfast Child” unter anderem den allerersten UK-Nummer-eins-Hit der Band.

Die Simple Minds machten als Trio weiter

Die Simple Minds waren in jenen Tagen zum Trio geschrumpft, bestehend aus Jim Kerr, Charlie Burchill und Michael MacNeil. Im Studio erhielten sie daher für Bass- und Schlagzeugaufnahmen prominente Unterstützung von unterschiedlichen Gästen. Darunter waren Manu Katché von Peter Gabriels Band sowie der einstige Police-Schlagzeuger Stewart Copeland.

Aufgenommen in Schottland in den Jahren 1988 und 1989, markierte das Album auch stilistisch eine Abkehr vom Vorgänger “Once Upon a Time”. Da sie schon ein ganzes Jahrzehnt lang im Rampenlicht standen, begegnet man auf dem Album sehr viel reiferen Musikern, die auch in Sachen Songwriting offensichtlich viel dazugelernt hatten. Das Ergebnis waren qualitativ ausgereifte Kompositionen.

“Ich war 30 und wollte über Belfast schreiben”

Auch Jim Kerrs Texte klangen sehr viel reifer. Der damals 30-jährige Sänger blickte darin zurück auf ein unglaublich konfliktreiches Jahrzehnt. Nicht nur in der britischen Politik fand er reichlich Missstände; auch die weltpolitische Spannung war auf einem Höhepunkt – und so verarbeitete er in den Songs erstmals die großen Themen jener Tage. “Ich war damals 30 Jahre alt, und ich wollte über Belfast schreiben. Über Apartheid und auch über die Politik von Margaret Thatcher. Ich bin froh, dass ich das wollte”, erzählte Jim Kerr später

Tatsächlich ist die Themenpalette von “Street Fighting Years” noch größer: Neben den Themen Apartheid (“Mandela Day” oder die Coverversion von Peter Gabriels “Biko”) und dem Nordirland-Konflikt (“Belfast Child”) geht es auch um Messerstechereien (der sehr persönliche Titelsong handelt vom Tod eines guten Freundes der Familie Kerr). Zudem werden die Kopfsteuer, die Berliner Mauer und Atom-U-Boote vor der Küste Schottlands verhandelt.

Auf “Street Fighting Years” erklangen keltische Einflüsse

Hatten beim Vorgänger “Once Upon a Time” noch Einflüsse wie US-amerikanischer Soul und Gospel eine zentrale Rolle gespielt, klang “Street Fighting Years” sehr viel atmosphärischer. Dieses Mal bezog sich die Band unter anderem auch auf Folk-Einflüsse und auf keltische Klangtraditionen. Genau genommen war es ihr Produzent Trevor Horn, der dieses Folk-Element an ihnen entdeckte (insbesondere in Kerrs Stimme) und sie dazu ermutigt hatte. Besonders deutlich zu hören war diese neue Ausrichtung bei “Belfast Child”.

Der schon drei Monate vor dem Album als Teil der “Ballad of the Streets”-EP veröffentlichte Titel basierte auf dem irischen Folksong “She Moved Through the Fair”. Kerr hatte die Melodie des Folksongs wenige Tage nach dem grausamen Bombenanschlag von Enniskillen gehört und danach versucht, sich in die Situation der nordirischen Bevölkerung hineinzuversetzen, besonders in die jener Menschen, die durch den Anschlag einen Angehörigen verloren hatten. Das so schwierige Thema stieß auf offene Ohren – und bescherte der Band nicht nur viel Lob, sondern auch die erste #1 in den UK-Singlecharts.

Die Band arbeitete mit ihrem Idol Lou Reed zusammen

Zu den Highlights zählt auch “This Is Your Land”, mit dem sich die Band den Jugendtraum erfüllte, mit ihrem größten Vorbild Lou Reed zusammenzuarbeiten. “Mandela Day” wurde binnen einer Stunde komponiert und am folgenden Tag bereits fertig aufgenommen. Live präsentierten die Simple Minds den Song kurz nach dem von Dammers initiierten “Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert” im Wembley-Stadion, das im Juni 1988 stattfand.

“Street Fighting Years” war auch ein kommerzieller Erfolg. Beachtlich, dass die Singleauskopplung “Belfast Child”, obzwar sieben Minuten lang, es trotzdem auf Platz eins der UK-Charts schaffte (Deutschland Platz drei). Die Mischung aus Zuversicht und Wehmut, Kritik und Optimismus, mit der die Platte die Stimmung am Ende der turbulenten Achtzigerjahre auf den Punkt brachte, sicherte ihnen auch in Deutschland die Spitzenposition in den Albumcharts.

Als Dreingabe gibt es einen Konzertmitschnitt

Die von der Band autorisierte remasterte Neuauflage von “Street Fighting Years” erscheint in einer Vielzahl von Formaten. Von Andrew Walters in den Abbey Road Studios neu klangtechnisch optimiert, besticht das erweiterte Vier-CD-Boxset unter anderem mit einer Bonus-Disc, die B-Seiten, Alternativversionen und 12“-Remixe vereint. Dazu kommt ein bislang unveröffentlichter Konzertmitschnitt aus Verona von 1989. Das exklusive Booklet der Edition wurde von dem Designer Stuart Crouch gestaltet. Es beinhaltet unter anderem neue “Sleeve Notes” von Daryl Easlea, der ausführliche Interviews mit den Bandmitgliedern und dem Produzenten Trevor Horn geführt hat. Seine Texte bieten faszinierende Einblicke in die Entstehungsgeschichte dieses Albums.

RND/ag/hal