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Regisseur Abel Ferrara. Quelle: imago images/Future Image

Der ganz normale Wahnsinn bei der Berlinale

Kino der Extreme gibt es bei der Berlinale zu sehen – und Hillary Clinton, die eine vierteilige Doku über ihr Leben vorstellt.

Berlin. Ein Mann spannt die Huskys vor den Schlitten und zieht allein los in die sibirische Tundra. Daraus kann Kino entstehen, wie es Filmfestivals lieben – und wie es auch Extremfilmer Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) liebt.

Zumal wenn der US-Regisseur seinen Stammschauspieler Willem Dafoe losschickt, der mit seinen ausgezehrten Gesichtszügen noch jede menschliche Qual verkörpert, ohne dass ein Maskenbildner nachhelfen muss. Schon in ihrem jüngsten gemeinsamen Film „Tommaso“, aktuell in unseren Kinos, focht Dafoe stellvertretend einen Kampf um die Vergangenheit eines Mannes aus, die womöglich der seines Regisseurs ziemlich nahekam.

Auch in „Siberia“ verschwammen nun die Grenzen zwischen Erinnerung, Albtraum und Angstfantasie. Irgendetwas aber ist schiefgelaufen bei diesem Sibirien-Trip. Im Kopf des Schlittenfahrers Clint gewittert es: murmelnde Mütterchen, Sex mit einer Hochschwangeren, Verabschiedung vom toten Vater, Erschießungen, Gefängnistürme. Weiß der Teufel, was Clint in seinem Leben alles getrieben hat. Und wieso müssen solche Typen sich selbst immer zum Maß aller Dinge machen?

Publikumsliebling der Berlinale ist gefunden

Der Tod ist immer extrem, besonders wenn es um den des eigenen Bruders geht: Im Schweizer Film „Schwesterlein“ spielt Nina Hoss Lisa, deren Zwillingsbruder Sven (Lars Eidinger) an Leukämie erkrankt ist. Je schlechter es Sven geht, desto mehr entgleiten Lisa die Fäden ihres eigenen Lebens. An die Nieren geht das intensive Spiel zwischen den beiden Hauptdarstellern, die seit Studienzeiten befreundet sind.

Die besondere Pointe: Angesiedelt ist die Geschichte im Berliner Theatermilieu. Sven ist Starschauspieler an der Schaubühne, so wie es Eidinger tatsächlich ist. Und Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier spielt den Intendanten David – und das ist keine besonders sympathische Rolle.

Auch unser digitaler Alltag bietet allerlei Extremes: Online-Konsumrausch, Seriensucht, Datenklau, Cybermobbing. Was immer an Wahnsinn im Angebot ist: In der französisch-belgischen Komödie „Effacer L‘historique“ von Benoît Delépine und Gustave Kerven wird es mit Lust an der Albernheit aufbereitet.

Ein Grüpplein mittelalter Erwachsener verzweifelt an der digitalen Transformation – und geht dann daran, sich das eigene Leben zurückzuholen. Der Publikumsliebling der diesjährigen Berlinale ist gefunden. Allerdings: Dies ist bislang auch um die einzige lupenreine Komödie im Wettbewerb.

„Das wäre lächerlich gewesen“

An Grenzen ist auch Hillary Clinton immer wieder in ihrem Leben gestoßen: Die US-Politikerin beehrte am Montag die Berlinale, um eine Doku-Serie über sich selbst vorzustellen. Zusammen mit Kulturstaatsministern Monika Grütters trat die frühere amerikanische Außenministerin und Ex-First-Lady auf den roten Teppich – und stand nach vier Stunden Kino auch Rede und Antwort.

In „Hillary“ erzählt US-Regisseurin Nanette Burstein vom Aufstieg und Scheitern Clintons – im Zentrum der bittere Kampf 2016 gegen Donald Trump ums Präsidentenamt. Als roter Faden zieht sich ein Thema durch dieses der Hauptdarstellerin ausgesprochen wohlgesonnenes Werk: Wie gehen die USA mit einer Frau um, die ganz nach oben will? Offenbar liebt Amerika Frauen, die sich etwas zutrauen – macht ihnen dann aber das Leben so schwer wie möglich.

Sie habe damit einen vollständigen Blick auf ihre Person geben wollen, sagte Clinton. „Ich konnte schlecht nur über die positiven Seiten sprechen“, so die Ex-First-Lady über ihre Gespräche mit Filmemacherin Burstein. „Das wäre lächerlich gewesen.“ Sie habe eben ein Leben voller Höhen und Tiefen, Erfolgen und Enttäuschungen gelebt – „wie jeder von uns.“ Vom Publikum wird die 72-Jährige mit Ovationen und lang anhaltendem Applaus gefeiert.

Der Abo-Sender Sky zeigt „Hillary“ vom 8. März an.

Von Stefan Stosch/RND