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Besiegt, zerstört, befreit: So wie Pforzheim sahen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren die meisten deutschen Städte aus. Quelle: picture alliance / dpa

75 Jahre Kriegsende – der 8. Mai, ein Tag zum Feiern?

Mit dem Gedenken an den 8. Mai 1945, das Ende des Zweiten Weltkrieges, hat sich Deutschland lange schwer getan. Höchste Zeit, dass der 8. Mai zum Feiertag wird. Ein Gastbeitrag des Historikers Martin Sabrow.

Soll der 8. Mai ein bundesweiter Feiertag werden? Mit dieser Forderung hat die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano eine breite Debatte angestoßen und viel Zustimmung geerntet. Ihr Vorstoß schließt an eine seit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 geführte Auseinandersetzung über den richtigen Umgang mit einem schwierigen Datum an. Mehr noch: Sie wirft die Frage nach dem deutschen Selbstverständnis auf.

Kein anderes Ereignis der deutschen Zeitgeschichte ist so anhaltend ambivalent betrachtet worden wie der Tag, an dem die Waffen des Zweiten Weltkrieges in Europa verstummten. Seine Vieldeutigkeit beginnt schon mit dem Datum. In den Niederlanden fällt der Bevrijdingsdag auf den 5. Mai, der als gesetzlicher Feiertag an die Befreiung von der deutschen Besatzung erinnert.

Russland hingegen feiert den 9. Mai, weil die Kapitulation in Berlin-Karlshorst nach Moskauer Zeitrechnung erst in den frühen Stunden des 9. Mai erfolgte. Rechtswirksam wiederum war schon die vorher in Reims vereinbarte Gesamtkapitulation von Reims, die am 8. Mai um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Kraft trat.

Über dieser Datierungsunsicherheit wiederum schwebt die rechts- und geschichtswissenschaftlich jahrzehntelang viel erörterte Frage, ob diese Unterwerfung nur eine militärische oder zugleich auch eine staatsrechtliche Selbstaufgabe bedeutete.

So unsicher genaues Datum und Umfang der vereinbarten Regelung zur Einstellung der Kampfhandlungen waren, so unsicher blieb über vier Jahrzehnte ihr Platz im deutschen Gedächtnis. Die von der Geißel des deutschen Welteroberungskrieges befreiten Staaten feiern bis heute die jährliche Wiederkehr des alliierten Sieges als VE-Day, als Victory-in-Europe-Day.

Die beiden deutschen Staaten dagegen hatten sich mit einem Ereignis auseinanderzusetzen, das für die Deutschen Untergang und Auferstehung zugleich bedeutete. Bevor sich in Ost- und Westdeutschland kontrastierende Narrative über das Kriegsende herausbildeten, durchlebte die atomisierte deutsche Gesellschaft eine “Stunde Null”, in der die Sorge um das Überleben in der Gegenwart jede nähere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wie mit der Zukunft verschluckte.

Während in der DDR der 8. Mai als “Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus” in die gesellschaftliche Erinnerung eingeschrieben wurde, stand die westdeutsche Geschichtskultur dem historischen Jubiläum insgesamt und dem 8. Mai im Besonderen lange Jahre distanziert gegenüber.

In den Rang eines staatlichen Feiertages schaffte der 8. Mai es im Gegensatz zum 17. Juni aufgrund seiner Ambivalenz nie, wie Bundespräsident Theodor Heuss 1949 formulierte: “Ich weiß nicht, ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann. Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.”

Erst Weizsäcker konnte von Befreiung sprechen

Zur historischen Paradoxie trat die politische Rivalität. Die westdeutsche Vergangenheitsvermeidung am 8. Mai korrespondierte mit der ostdeutschen Vergangenheitsbetonung, die Jahr für Jahr in Staatsakten und Massenaufmärschen die Befreiung vom Faschismus feierte und zur Legitimation der eigenen Herrschaft nutzte. Es bedurfte in der Bundesrepublik der allmählichen Herausbildung des Trauer- und Mahnjubiläums seit den 1960er-Jahren, um den 8. Mai in den Gedenkkalender aufzunehmen.

Greifbar wird dieser Wandel in Richard von Weizsäckers berühmter Gedenkrede im Deutschen Bundestag zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985, die den 8. Mai vom Tag der Kapitulation mit präsidialer Autorität zum Tag der Befreiung umwertete. Sie nahm damit einen Gedanken auf, den zehn Jahre zuvor der damalige Bundespräsident Walter Scheel entwickelt hatte.

Während Scheel aber den 8. Mai nicht als Tag zum Feiern, sondern als Augenblick der Selbstprüfung verstanden wissen wollte, setzte sich mit Weizsäckers immer wieder von Beifall unterbrochener Ansprache eine Sicht durch, die dem zwischenzeitlichen Generationswandel Rechnung trug und das Trauerjubiläum als Feiertag akzeptierte.

Weizsäckers Rede formulierte einen bis heute fortbestehenden gesellschaftlichen Grundkonsens, der die andauernde Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch nicht als bedrückende Last, sondern als befreiende Aufgabe begreift und deswegen den 8. Mai als einen Schmerz und Dankbarkeit verbindenden Gedenktag betrachtet. Die Akzentsetzung innerhalb dieses Rahmens verschiebt sich dabei mit der weitgehend vollzogenen Ablösung von der Erfahrungsgeneration immer weiter.

Von Jahr zu Jahr schwächer werden die Stimmen, die die Niederlage mit ihren katastrophalen Begleitumständen ins Gedächtnis rufen und die Deutschen vornehmlich als Opfer der Kriegsfurie begreifen, die am Ende ihr eigenes Land in beispielloser Weise verheerte. Immer stärker dagegen artikuliert sich eine Sicht, die den Zusammenbruch von 1945 als Aufbruch in die Zukunft versteht und als Grundstein unserer heutigen demokratischen Wertordnung.

Die Alliierten sahen die Deutschen zunächst als besiegte Feinde

Der historischen Bedeutung des 8. Mai entspricht es, dieses Datum 75 Jahre nach Kriegsende als gesetzlichen Feiertag dauerhaft im gesellschaftlichen Gedächtnis zu verankern. Als alleinige Bezeichnung allerdings ist das im ritualisierten DDR-Gedenken abgeschliffene und durch Weizsäckers Rede in den bundesdeutschen Vergangenheitsdiskurs überführte Wort “Befreiung” keine besonders glückliche Wahl.

Es rechnet in unhistorischer Weise die Besiegten umstandslos den Siegern zu und vernachlässigt die berühmte US-Direktive JCS 1067 vom 26. April 1945: “Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.” Den 8. Mai lediglich als Tag der Befreiung zu feiern, kommt dem Selbstverständnis unserer Zeit entgegen, aber es überschreibt zugleich historische Ambivalenz durch moralische Eindeutigkeit.

Eine solche Ausrichtung würde der Differenz zwischen zeitgenössischer Erfahrung und nachzeitiger Betrachtung nicht gerecht, und er trüge der widersprüchlichen Vielschichtigkeit eines Datums keine Rechnung, das von den Mitlebenden als auswegloser Untergang ebenso erlebt werden konnte wie als ersehnte Rettung.

Befreiende Niederlage und rettender Zusammenbruch

Einen besseren Weg hat das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gefunden. Dort wurde der 8. Mai bereits vor einer Reihe von Jahren zum “Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges” erklärt.

Die Bundesrepublik Deutschland würde der Entwicklung ihrer Erinnerungskultur angemessen Rechnung tragen, wenn sie den 8. Mai unter dieser Bezeichnung zum gesetzlichen Feiertag erheben und damit zum Ausdruck bringen würde, dass der 8. Mai 1945 ein die Zeiten überdauernder Tag der befreienden Niederlage und des rettenden Zusammenbruchs war.

Der Historiker Martin Sabrow leitet das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.