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Die Drei vom literarischen Quartett: Hellmuth Karasek (v.l.), Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki. Das Quartett machte jeweils ein Gast komplett. Die TV-Sendung spielt auch in den Büchern über Reich-Ranicki eine wichtige Rolle. Quelle: dpa

Zum 100. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki: Diese Bücher sollten Sie lesen

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wäre am 2. Juni 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass sind mehrere gute neue Bücher erschienen. Ein Überblick.

Das Leben und Wirken Marcel Reich-Ranickis ist auch sieben Jahre nach seinem Tod nicht auserzählt. Es bleibt spannend, berührend, unterhaltend und lehrreich. Wer sich mit ihm auseinandersetzen will, hat mehrere neue und fast neue Bücher zur Auswahl. Eine kleine Übersicht:

Thomas Anz: “Sein Leben”. Wer einen schnellen, aber trotzdem fundierten Überblick über das Leben des heute berühmtesten und umstrittensten deutschen Literaturkritikers zur Hand nehmen will, ist beim emeritierten Marburger Literaturwissenschaftler Thomas Anz an der richtigen Adresse. Anz geht chronologisch die einzelnen Stationen des Großkritikers durch. Er erzählt von der Schulzeit in Berlin, von der Ausweisung aus Deutschland, den Jahren im Warschauer Getto und der Zeit im Versteck, wo er gemeinsam mit seiner Frau Teofila den Krieg überlebte. Er erzählt von Reich-Ranickis Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst, der Ausreise nach Deutschland, den Tätigkeiten für die “Welt” und die “Zeit” und letztlich vom Aufstieg zum “Literaturpapst” bei der “FAZ” und dem “Literarischen Quartett” Dabei kann er auf bislang unbekannte Dokumente zurückgreifen. Wir erfahren aber auch Dinge am Rande: So nutzte Reich-Ranicki, der mit dem Internet nicht viel anfangen konnte, für seine Texte bereits seit 1990 den PC. “Dieser habe, so schätzt er es selbst ein, mit seinen technischen Möglichkeiten die stilistische Qualität seiner Arbeiten verbessert”, schreibt Anz. Das Buch, das mit zahlreichen Abbildungen versehen ist, thematisiert auch den Umgang von Schriftstellern mit dem gefürchteten Kritiker. Michael Ende hat Reich-Ranicki als “Bücher-Nörgele” in seinem Buch “Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch” verewigt. Friedrich Dürrenmatt zeichnete ihn mit überdimensionaler Schreibfeder, unter ihm die Schädel der angstvollen Autoren. Aber, so schreibt Anz: “Auch Reich-Ranickis Kritiker waren und sind sich darüber einig: Ohne ihn wäre das literarische Leben in Deutschland seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr viel ärmer” (Insel, 261 Seiten, 12 Euro).

“Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr-Existieren.”

Uwe Wittstock: “Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie”. Als einen seiner Nachfolger im Hochamt der Literaturkritik bezeichnete Marcel Reich-Ranicki einmal neben Ulrich Weinzierl und Volker Hage seinen langjährigen FAZ-Kollegen Uwe Wittstock. Der spätere “Welt”- und “Focus”-Journalist hat bereits vor 15 Jahren eine ausführliche Biografie über seinen ehemaligen Chef vorgelegt. Für eine Ausstellung hat er die Taschenbuchausgabe nun überarbeitet. Abgedruckt findet sich auch eines der letzten Interviews, das Reich-Ranicki ein Jahr vor seinem Tod gegeben hat. Ob er Angst vor dem Tod hat, fragte Wittstock ihn. “Ja, sehr. Aber die Formulierung der Frage missfällt mir. Ich fürchte nicht den Tod. Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr-Existieren.” Wittstocks Buch lebt auch von vielen Informationen, die der Autor in Gesprächen mit Reich-Ranicki gewinnen konnte. Dessen Sohn Andrew hat ihm zudem Familienfotos und -dokumente überlassen. Auch diese finden sich in diesem sehr gut geschriebenen, ausführlichen und seinem Gegenstand nahen Buch (Piper, 432 Seiten, 14 Euro).

Marcel Reich-Ranicki: “Der doppelte Boden. Ein Gespräch über Literatur und Kritik mit Peter von Matt“. Eine Form, mit der sich Marcel Reich-Ranicki der Literatur gern näherte, waren Gespräche. In den Sechzigerjahren hatte er eine Radiosendung zusammen mit seinem Kollegen Hans Mayer, und auch das “Literarische Quartett” bestand ja aus Gesprächen – wenn auch mit einem deutlichen Redeanteil des Gastgebers. “Selbst im Schreiben ist man nie so verständlich wie im Gespräch”, pflegte Reich-Ranicki zu sagen. Vor 25 Jahren erschien erstmals ein Gespräch des Literaturkritikers mit dem Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt. Diese ausführliche und tiefgründige Unterhaltung dreht sich um Themen wie das Verhältnis zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik, um wichtige Autoren und welche Werke wir lesen sollten. Mit dem titelgebenden doppelten Boden vergleicht Reich-Ranicki die Literatur im übertragenen Sinne mit Schmugglerkisten. Wer diese Kisten öffnete, sah einen vordergründigen Inhalt, wusste aber nicht, dass der innere Boden keineswegs identisch mit dem äußeren ist. “So ist es mit der Literatur. Die meisten Leser nehmen nur Kenntnis von dem, was sich auf Anhieb wahrnehmen lässt, sie ahnen nicht, dass in der Novelle oder im Gedicht noch etwas enthalten ist, ein zweiter, über das unmittelbar Erkennbare hinausgehender Inhalt. Es mag sein, dass es dem Autor gerade darum geht, was er versteckt hat, dass er also dem Schmuggler ähnelt, der mit seinem doppelten Boden arbeitet”, sagt Reich-Ranicki in dem Buch. Der Band war zuletzt vergriffen. Nun erscheint er, herausgegeben von Thomas Anz und ergänzt durch vier Essays, die von Matt über Reich-Ranicki verfasst hat, neu (Kampa, 282 Seiten, 25 Euro).

Paul Assall: “Ich schreibe unentwegt ein Leben lang. Marcel Reich-Ranicki im Gespräch.” Anfang 1986 saß der Autor und Maler Paul Assall Marcel Reich-Ranicki gegenüber und interviewte ihn sechs Stunden lang – drei Stunden am Vormittag und drei Stunden am Nachmittag. Das Gespräch wurde aber nie veröffentlicht, bis jetzt. In dem Gespräch nehmen Assall und Reich-Ranicki schon einige Themen vorweg, die der Literaturkritiker drei Jahre später in seiner Autobiografie “Mein Leben” ausführlich beschreiben sollte: die Jahre im Getto, die Flucht vor der Deportation, das Leben im Versteck. Und er erzählt, warum er trotz der Verbrechen der Nationalsozialisten und des Mordes an seinen Eltern und seinem Bruder, nach Deutschland zurückkehrte. “Irgendeine Abneigung gegen die deutsche Sprache, weil es die Sprache Hitlers sei, hat es bei mir nie gegeben – auch im schlimmsten Augenblick nicht. Ich habe niemals Lessing oder Goethe oder meinetwegen Thomas Mann oder Brecht für den Nationalsozialismus verantwortlich machen können”, sagt Reich-Ranicki in dem Gespräch. Und er betont, dass er keine Hassgefühle hegt. “Ich habe im Leben alle möglichen Gefühle kennengelernt, Enttäuschung, Verbitterung, Empörung, aber Hass, also nachwirkender, lang andauernder Hass, das ist etwas, was mir eigentlich fremd ist.” Er habe gelernt, “dass man nicht ganze Völker für bestimmte Dinge verantwortlich machen kann”. Dazu habe er zu häufig erlebt, “dass ein Jude irgendetwas getan hat, und plötzlich saßen alle Juden auf der Anklagebank und wurden dafür verantwortlich gemacht”. Es ist ein Gewinn, dass die Tonbandaufnahme des Gesprächs nun nach fast 35 Jahren aus der Schublade geholt und als Buch veröffentlicht wurde (Piper, 151 Seiten, 12 Euro). Das Interview ist auch als Hörbuch bei Hörbuch Hamburg erschienen (4 CDs, 274 Minuten, 14 Euro).

Volker Weidermann: “Das Duell”. Bereits im vergangenen Jahr erschien das sehr lesenswerte Buch “Das Duell”, das von der Freundfeindschaft zwischen Reich-Ranicki und Günter Grass handelt. Das Buch bringt nicht viel Neues über die Biografien der beiden Herren, aber die Gegenüberstellung, der Schnitt der Textsequenzen machen aus dem Bekannten etwas dynamisches Neues. Wie ein Schatten verfolgt Reich-Ranicki den Schriftsteller aus Danzig. “Die Blechtrommel” verreißt er 1959. Er nimmt zwar sein harsches Urteil später in seinem Text “Selbstkritik eines Kritikers” zu Teilen zurück, aber der Fehdehandschuh war geworfen. Er gipfelte im “Spiegel”-Titel, auf dem 1995 Reich-Ranicki in einer Fotomontage das Buch “Ein weites Feld” in der Luft zerreißt. Ein Jahr vor seinem Tod dann ein Satz, den man kaum fassen kann. Auf die Frage Volker Weidermanns, worauf er noch warte, sagte Reich-Ranicki: “Auf die Nachricht vom Tod von Günter Grass”. So tief reichten die gegenseitigen Wunden. Das letzte Duell dieser beiden Sturköpfe gewann dann Grass. Er starb eineinhalb Jahre nach seinem größten Kritiker (Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro).

 

Von Kristian Teetz/RND