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Nachteil ausgleichen: Die AfD-Bundestagsfraktion baut unter Führung ihres Parlamentarischen Geschäftsführers Jürgen Braun (unten links) einen Newsroom auf, vermischt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

AfD-Newsroom – Schlagkraft auf Staatskosten

Die AfD-Fraktion im Bundestag baut ein eigenes Mediennetzwerk auf. Sie begründet das Vorhaben damit, dass die AfD von vielen Medien ignoriert „oder mit Fake News gezielt schlechtgemacht“ werde. Was bedeutet das für die Berichterstattung über die Nationalisten?

Die AfD-Fraktion im Bundestag will „von unserer Seite die Fairness im Umgang mit den großen Medien bewahren“. So sagt es ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Jürgen Braun dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er meint damit, dass es auch weiterhin reguläre Pressekonferenzen geben wird.

Im Schichtbetrieb sollen die sozialen Netzwerke bespielt werden

Braun will beruhigen. Denn was in den vergangenen Tagen, angefangen mit einem Bericht des Magazins „Focus“, aus der AfD-Fraktion drang, klang eher danach, dass die Rechtspopulisten die „Mainstream-Medien“ eher vor sich her treiben wollen. Bis zu 20 Fraktionsmitarbeiter sollen ab April einen eigenen Newsroom aufbauen, der im Schichtbetrieb die sozialen Netzwerke und die eigene Homepage bespielt. Ein eigenes TV-Studio gehöre ebenso dazu wie eine investigative Rechercheeinheit.

Braun ist Kommunikationsberater und war lange TV-Journalist. Der Newsroom fällt in seine Zuständigkeit. Er kennt die Mechanismen der Branche – und er teilt die Ansichten seiner Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel.

Diese hatte die Einrichtung des Newsrooms damit begründet, dass die AfD aus ihrer Sicht von vielen Medien ignoriert „oder mit Fake News gezielt schlechtgemacht“ werde. Braun sekundiert: „Wir werden den Nachteil ausgleichen, den wir bei den etablierten Medien haben, die eher linksgrün ihre Sympathie haben.“

Die Vermischung von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist angreifbar

Die AfD spricht also einerseits von Fairness im Umgang mit den Berichterstattern, geht aber andererseits davon aus, dass sie sowieso unfair behandelt wird. Und so vermischt sie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – und macht sich damit angreifbar.

Was ihr vermutlich egal sein wird. Denn der Newsroom soll ja gerade die etablierten Kanäle umgehen und sich auf die sozialen Netzwerke und die Fraktions-Homepage konzentrieren. Auf Facebook und Twitter ist die AfD bereits jetzt erfolgreicher als alle anderen Fraktionen.

Fast alle Reden ihrer Vertreter werden auf Youtube tausendfach geklickt. Die Nationalisten nutzen den Bundestag als Bühne, sie haben das Prinzip der „Schaufensterrede“ ins digitale Zeitalter getragen. Nun will man noch besser werden. „Wir gewinnen an Schlagkraft“, sagt Braun. Aber man gewinnt auch an Kontrolle, auch wenn Braun das so nicht bestätigen will.

Ablenkung von Pöbeleien und rassistischen Äußerungen

Braun spricht lieber von einer gewissen Einheitlichkeit und davon, dass „der Auftritt die mehrheitlichen Strömungen der Fraktion wiedergeben soll“. Zurzeit versendet die Fraktion, genauso wie der Parteivorstand, täglich mehrere Pressemitteilungen einzelner Spitzenleute. Kaum eine davon schafft es in die Nachrichten. Das ist bei den anderen Fraktionen zwar ähnlich, bei der AfD aber kommt die Tendenz ihres Personals zu Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen hinzu.

Insofern ist der üppig besetzte Newsroom auch als Ablenkung zu sehen von den täglichen Pöbeleien und rassistischen Äußerungen, die irgendwo aus dem AfD-Kosmos in die Netzwerke eingespeist werden und dann die Berichterstattung bestimmen – die Twitter-Konten von Jens Maier, Stephan Brandner oder Beatrix von Storch sind nur drei von vielen Beispielen.

„Abgeordnete, die hervorragende Lebenswege haben, mit besseren Qualifikationen als die Berufspolitiker anderer Fraktionen, sollen in den Mittelpunkt treten“, kündigt Braun an und nennt als Beispiele den früheren Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch oder den Stuttgarter Daimler-Entwickler Jens Spaniel.

Medienarbeit als Signal im innerparteilichen Machtkampf?

Die AfD-Fraktion will also auf Sachthemen und Seriosität setzen. Das kann auch als Signal im innerparteilichen Machtkampf verstanden werden. Die Baden-Württemberger Weidel und Braun können so den Völkischen mit ihrem Frontmann Björn Höcke etwas entgegensetzen.

Ganz ohne Provokation wird es vermutlich doch nicht abgehen. Und dafür wäre dann das Rechercheteam zuständig, das laut Braun mit „gestandenen Journalisten“ und „jüngeren Köpfen“ besetzt sein soll.

Wenn mit deren Recherchen ein Thema gepusht wird, das Social-Media-Team es weiter verstärkt und die reguläre Pressearbeit dann laut Braun „abgestimmt wird mit dem Social-Media-Team“, dann haben die professionellen AfD-Beobachter nur noch die Wahl, sich instrumentalisieren zu lassen oder die Welle zu ignorieren.

Oder eben mit eigenen Recherchen und eigener Schwerpunktsetzung dagegenzuhalten.

Von Jan Sternberg/RND

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