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„Und plötzlich traf es einen Nerv“: Die drei "Babylon Berlin"-Regisseure Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer (v. l.).

„Babylon Berlin“: „Und plötzlich traf es einen Nerv“

„Babylon Berlin“ ist auch in der ARD ein Riesenerfolg. Die drei Väter der Mammutserie heißen Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer. Im Exklusivgespräch erzählen die drei Regisseure über Zufälle der Geschichte, das Berlin der Zwanzigerjahre, die Zukunft des Fernsehens – und was das miese Essen in der Hauptstadt für Folgen hat.

 

Herr Tykwer, Herr Handloetgen, Herr von Borries, „Babylon Berlin“ spielt im Jahr 1929 und erzählt ja nicht nur eine Kriminalgeschichte – es geht um Politik, Verschwörung, Jazz, Aufbruch, Elend, diffuse Ängste, Traumata. Dabei sind die gesellschaftlichen Parallelen zwischen den Weimarer Jahren und dem gegenwärtigen Erstarken der Rechtspopulisten augenfällig. Dadurch bekommt die Serie etwas bedrückend Gegenwärtiges. War Ihnen das schon während der Arbeit bewusst?

Achim von Borries: Nein. Als wir 2013 anfingen, die Drehbücher zu schreiben, war von diesen weltpolitischen Ereignissen noch nichts zu spüren. Wir waren dann selbst überrascht und sind bestürzt über die Entwicklungen, die die Welt seither genommen hat.

Tom Tykwer: Beim Schreiben des Drehbuchs stand das überhaupt nicht im Vordergrund. Das konnte man nicht ahnen, wie stark sich die Gegenwart in „Babylon Berlin“ spiegeln würde. So etwas kann man nicht forcieren, das fällt einem einfach auf den Kopf. Denn immer dann, wenn man bewusst versucht, den Zeitgeist zu erwischen, geht’s schief. Und wenn man überhaupt nicht darüber nachdenkt – dann passiert’s. Wir haben gerade den 20. Geburtstag von meinem Film „Lola rennt“ gefeiert. Auch damals hatte ich ja keinerlei Absicht, jetzt unbedingt den Film zum Zeitgeist zu machen – gar nicht. Das war einfach ein spezialistischer, lustiger, ulkiger Spaß.

Von Borries: Und plötzlich traf es einen Nerv.

„Wir sind wie Archäologen in die Grabkammern hinabgestiegen“

„Babylon Berlin“ hat bisher 40 Millionen Euro gekostet, es ist die teuerste deutsche Serie überhaupt. Steigt damit der Druck, etwas Besonderes schaffen zu müssen?

Von Borries: Je mehr wir uns in diese Zeit vertieft haben, die Zwanzigerjahre, umso klarer zeigte sich, was wir da für einen Schatz vorgefunden haben, welchen Kosmos wir da entdecken. Wir sind wie Archäologen in die Grabkammern hinabgestiegen und haben eine nach der anderen geöffnet, mit immer größeren Sarkophagen. Und niemand hatte sie vor uns betreten, so hat sich das jedenfalls angefühlt – außer den Machern von „Cabaret“ vielleicht oder „Berlin Alexanderplatz“. Diese Besonderheit haben wir schon beim Schreiben gespürt.

Tykwer: Für uns ist es ein zwölfstündiger Film. Wir haben ihn nie anders behandelt. Für uns waren es nicht 16 einzelne Serienepisoden in zwei Staffeln, sondern ein zusammenhängendes Erzählwerk mit mehreren Kapiteln. Wir kommen ja alle drei vom Kino – und wir haben uns einen Traum verwirklicht: mal einen zwölfstündigen Film zu drehen (lacht).

 

Die Arbeit mit drei Regisseuren gleichzeitig stelle ich mir als komplexes kreatives Puzzlespiel vor. Wie lief das genau?

Von Borries: Wir standen ja nicht gemeinsam am Drehort. Wir haben das Drehbuch zwar zusammen geschrieben und daran gefeilt, bis alle Szenen von allen abgenickt waren. Aber danach haben wir den Drehplan ganz klassisch nach Drehorten organisiert. Jeder von uns hat Teile in allen Episoden gedreht.

Aber haben drei Regisseure nicht drei verschiedene Vorstellungen von einer Figur? Werden die Schauspieler da nicht in den Wahnsinn getrieben?

Von Borries: Wir haben darüber gesprochen, aber die haben das eher als bereichernd empfunden. Denn erstens haben wir die Figuren gemeinsam entwickelt. Und außerdem erkennt jeder von uns vielleicht andere Facetten an derselben Figur.

Tykwer: Dieser stetige Wechsel ist ein sehr interessanter Trick, um das Ganze fiebriger zu halten. Wenn ein Regisseur drei Episoden am Stück dreht, entsteht automatisch ein einheitlicherer Blick. Und wir glauben, dass die besondere Energie, diese ästhetische Frische und die vielen Überraschungen von „Babylon Berlin“ auch unserer Arbeitsweise zu verdanken sind – ohne, dass wir das vorher wussten. Während jeder Episode findet immer wieder ein Blickwechsel auf die Figuren statt.

„Wir haben ein großes Mosaik mit vielen kleinen Steinen erschaffen“

Henk Handloegten: Bei uns weiß man nie, was als Nächstes kommt. Es ist wie dieses Kinderspiel: Einer malt einen Kopf und knickt das Papier um, der Nächste malt einen Bauch und knickt, der Dritte die Beine und so weiter. Und dann falten sie das Blatt auseinander und denken: So hab ich mir das gar nicht vorgestellt, ist ja lustig! Und es sieht viel besser aus, als wenn ich alles selbst gemalt hätte. So ähnlich ist das bei uns.

Tykwer: Das ist ein schöner Vergleich.

Handloegten: Das gilt auch für die Kamera. Es ist eine Arbeitsweise, die sonst keiner anwendet. Normalerweise gibt es einen festen Regisseur mit einem festen Kameramann für jede Episode. Wir haben endlose Diskussionen über das visuelle Konzept geführt. Bis wir irgendwann beschlossen haben: Warum macht nicht einfach jeder das, was er am besten kann? Es gibt ja viele Serien, die eine einheitliche Bildsprache zum Prinzip erheben, zum Beispiel „Mr. Robot“. Der ist kameratechnisch zwar sehr schön und sehr speziell, aber man sieht immer das Gleiche. Wenn man eine Folge gesehen hat, hat man alle gesehen. Ich finde das ermüdend. Bei uns ist das anders: Wir haben ein großes Mosaik mit vielen kleinen Steinen in vielen verschiedenen Farben erschaffen. Das wirkt viel lebendiger.

Von Borries: Das haben wir aber erst am Schluss bemerkt. Beim Schreiben hast du zwar das große Ganze im Blick – aber beim Drehen bis zu mit den einzelnen bunten Kacheln beschäftigt. Und erst ganz am Schluss, am Ende des Schnittprozesses, überblickst du plötzlich 16 Folgen und erkennst: Ah, da ist es wieder, das große Ganze.

Trotz dieses Wechselspiels wirken die Charaktere glaubwürdig und aus einem Guss.

Tykwer: Das machen die Schauspieler. Die sind ja Gott sei Dank toll. Da haben wir richtig Glück. Wir haben einen sehr mysteriösen männlichen Helden geschrieben, den Kölner Kommissar Gereon Rath, der nach Berlin kommt und sich langsam häutet, wie eine Zwiebel. Dafür braucht er viel Zeit, aber man möchte ihm die ganze Zeit dabei zugucken. Das ist Volker Bruch zu verdanken, weil er eine gewisse Verschlossenheit mit Attraktivität verbindet. Er ist der attraktivste Mann, der lange Zeit ein Rätsel bleibt, den ich je gesehen habe. Und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter ist dann charakterlich das Gegenteil von ihm: ein offenes Herz, scheinbar ein offenes Buch. Und dann hat sie doch mehr Geheimnisse, als man denkt. Man lässt sie sofort in sein Herz und geht mit ihr mit. Die beiden mit ihren unterschiedlichen Energien sind ein tolles Tandem. Dass ist ein Ying und Yang, das sich da entwickelt hat. Das kommt nicht aus den Büchern. Das kommt von den beiden.

Handloegten: Die schenken uns etwas, das wir nicht planen konnten. Das gilt für das gesamte Ensemble. Toll wird es immer dann, wenn ein Schauspieler noch eine Farbe hinzufügt, die wir überhaupt nicht auf der Palette hatten.

Die Erwartungen an „Babylon Berlin“ waren riesig. Was wäre denn der größte Fehler gewesen, den Sie hätten machen können?

Von Borries: Die Geschichte aus heutiger Sicht zu erzählen – mit dem Wissen um das, was danach im Dritten Reich passiert ist. Das wäre der größte Fehler gewesen, weil dadurch eine permanente moralische Bewertung mitgeklungen hätte, die das Ganze langweilig macht.

Handloegten: Das hätte auf einen Schlag jegliches Leben aus jeglicher Figur entfernt.

Von Borries: Wir wollten die Zeit nicht mit dem Blickwinkel von heute beurteilen. Wir wollten offen sein für die Figuren. Wir sympathisieren zum Beispiel ja nicht mit den revanchistischen Kräften in der Weimarer Republik, aber wir lieben sie trotzdem. Wir lieben eine Figur wie den mysteriösen Polizisten Bruno Wolter alias Peter Kurth, egal, was er tut. Wir lieben ihn und haben ihn aus seiner Zeit heraus erzählt. Der steht wie ein Monolith in „Babylon“ und im Roman „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher, der ja die Grundlage für die Serie war.

„Die diffuse Unzufriedenheit der Zeit“

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die traumatische Erfahrung des Ersten Weltkriegs offenbar nicht genügte, um die deutsche Gesellschaft gegen Größenwahn und Imperialismus zu immunisieren?

Von Borries: Auf eine gewisse Art war das Land schon immunisiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wusste jeder, dass ein Krieg auf diese Art nicht mehr zu gewinnen ist. Die Vorstellung, man zieht in die Schlacht und kehrt vier Monate später siegreich nach Hause zurück, war tot. Das war allen klar. Dass Hitler es geschafft hat, die diffuse Unzufriedenheit dieser Zeit, diese bohrende Frage „Warum haben wir eigentlich verloren? Ging das mit rechten Dingen zu?“ als Nährboden für die Idee zu nutzen, man könne wieder einen Krieg gewinnen, lag einzig und allein an seiner Ideologie. An seiner Botschaft: „Ihr könnt den Krieg gewinnen, weil ihr eine überlegene Rasse seid.“ Hätte es diese ideologische Basis nicht gegeben, hätte es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben.

Handloegten: Man muss versuchen, sich in die Zeit zu versetzen. Sehr viele junge und mittelalte Männer hatten im Ersten Weltkrieg ihr Leben gegeben und ihre geistige und körperliche Gesundheit riskiert für eine Sache, die nichts wert war, falls sie lebendig zurückkamen. Sie waren in dem festen Glauben in den Kampf gezogen, für den Kaiser und für große Werte zu kämpfen. Und plötzlich war der Kaiser weg, der Krieg verloren und alles anders. Der emotionale Ausweg daraus war die Dolchstoßlegende – also die Überzeugung, dass das keine militärische Niederlage war, sondern das Ergebnis einer politischen Verschwörung zwischen den Roten und den Juden in Berlin. Diese Art der Traumatisierung einer ganzen Generation ist so noch nicht erzählt worden. Hitler gehörte ja genau dieser Generation an. Und dass es auf fruchtbaren Boden fällt, wenn da einer erscheint, der sagt: „Eigentlich haben wir gar nicht verloren, und jetzt legen wir mal richtig los!“, das muss niemanden wundern. Die meisten Filme und Romane, die heute davon erzählen, sind in der Nazizeit angesiedelt. Und ich weiß als erwachsener Leser und Zuschauer eigentlich immer, wer böse ist und wer gut ist. Das ist bei „Babylon Berlin“ anders.

Ende Oktober beginnt die Arbeit an der dritten Staffel. Wie weit steht die Fortsetzung der Geschichte denn schon fest?

Handloegten: Der Zeitausschnitt, den wir gewählt haben, hat ein natürliches Ende. Die Serie heißt ja „Babylon Berlin“. Irgendwann kommen die eisernen Besen der Barbaren und kehren.

„Weihnachtsspecial – eine sehr gute Idee“

Es ist ja ein so komplexes Universum mit all seinen Figuren und Nebensträngen, dass drei Filmemacher doch im Prinzip bis an ihr Lebensende davon zehren könnten. Mit Spinoffs und Kinofilmen und Weihnachtsspecials…

Handloegten: Weihnachtsspecial – eine sehr gute Idee.

Von Borries (lacht): Genau – Gereon Rath in den Fünfzigerjahren: Er hat den Krieg überlebt und arbeitet inzwischen bei der Post. Im Ernst: Die Idee ist schon, das babylonische Berlin zu erzählen. Natürlich haben wir uns Gedanken über den Fortgang gemacht. Wir waren uns mal ganz sicher, dass wir über 1933 hinaus erzählen wollen. Da sind wir uns nicht mehr so sicher.

Das heißt, es gibt kein fertiges Schlusskapitel, das irgendwo im Safe eines Anwalt liegt?

Von Borries: Nein.

Tykwer: Doch, gibt’s.

Handloegten: Doch.

Von Borries: Gibt’s?

Tykwer: Also, den Anwalt gibt’s nicht, aber… – offenbar besteht darüber noch keine Einigkeit.

Also gibt es eine Idee für ein Ende?

Von Borries. Ja.

Tykwer: Ja.

Handloegten: Ja. Aber das haben wir schon mehrfach wieder verändert…

Von Borries: Es gibt einen Plan. Aber das ist das Schöne an uns: Es ist alles permanent in Bewegung.

Wie viele Staffeln umfasst denn dieser Plan?

Von Borries: Wir haben immer gesagt, wir wollen sechs Staffeln machen – und dann wollen wir bitte von der ganzen Welt zu einer siebten gedrängt werden.

„Sich vorzustellen, man würde am Set von „House of Cards“ jeden Tag ins Weiße Haus marschieren…“

Wenn man über mehrere Jahre ein so aufwendiges Projekt am Wickel hat – stauen sich da nicht die anderen Ideen und drängen ans Licht?

Tykwer: Nein. Darüber habe ich keine Sekunde nachgedacht. Man taucht schon sehr ein in diese Welt, und erst, wenn man woanders hingeht, merkt man plötzlich: Das Ding hat schon seine eigene Dynamik. Aber als wir dann das Ergebnis sahen, die ersten beiden Staffeln, hatte ich einfach das Gefühl: Das hat sich für uns gelohnt. Und die Resonanz ist ja auch wirklich sehr schön und sehr intensiv. Es lässt keinen kalt. Das ist genau das, was man sich wünscht als Regisseur.

Von Borries: Tom hat das mal so beschrieben: Wir sind es als Filmemacher gewohnt, einen Mount Everest zu besteigen. Mit jedem einzelnen Film. Irgendwann kommt man oben an. Und der Weg runter ist dann sehr einfach, als säße man in einer Gondel. Bloß: Dann kommt der nächste Berg.

Tykwer: Genau. Ich war auf dem Mount Everest, und jetzt würde ich vielleicht gern Tiefseetauchen oder zum Mond fliegen oder durch die Sahara wandern. Aber stattdessen muss ich noch mal auf den Mount Everest.

Von Borries: Aber auf einer anderen Route!

Tykwer: Das ist eine echte Anforderung für den Kopf. Das ist für uns drei auch neu: dass wir Figuren offen zurückgelassen haben, die wir jetzt erstmal weiterdenken müssen. Aber das Tolle ist ja: die Basis ist schon da. Die sind alle schon etabliert, mit ihren ganzen Macken und Biografien. Das ist ein riesiges Geschenk, dass es jetzt einfach weitergehen kann. Ich will ja selbst auch wissen, was als nächstes passiert! Das Gefühl kennt jeder Zuschauer von seiner Lieblingsserie: Da war vielleicht ein Jahr Pause, und dann erscheinen all die bekannten Gesichter in den ersten fünf Minuten wieder. Und das ist so aufregend! Plötzlich sitzen die da wieder alle herum!

Das Verhältnis von Zuschauern zu ihren Lieblingsfiguren kann intensiver sein als eine echte Freundschaft.

Tykwer: Ja. Das finde ich so schön und spektakulär an Serien: Man kennt sich als Zuschauer dermaßen gut aus mit dem Personal. Man kann sich an winzigste Details von vor zwölf Folgen erinnern. Und wenn dann darauf Bezug genommen wird, spürst du sofort: Ich weiß! (schnippst mit dem Finger).

Handloegten: Dieses Projekt ist so vielfältig, das macht es reizvoll, dabei zu bleiben. Es sind ja völlig verschiedene Welten: Man dreht einen Tanz, eine Verfolgungsjagd, ein Gespräch in der Wohnung von Charlotte Ritter – das sind so viele unterschiedliche Orte.

Tykwer: Sich im Vergleich dazu vorzustellen, man würde am Set von „House of Cards“ jeden Tag ins Weiße Haus marschieren und immer dieses Oval Office zu sehen…

„Clubs sind ein gemeinschaftliches Glücksexperiment“

Herr Tykwer, Sie haben im „New York Magazine“ gesagt, der Club „Moka Efti“ aus der Serie sei im Prinzip ein Mix aus Ihren drei liebsten Berliner Clubs „Kater Blau“, „Berghain“ und „Heideglühen“. Welche Parallelen erkennen Sie zwischen den Partyszenen in den Zwanzigerjahren und 100 Jahre später?

Tykwer: Damals wie heute war es ein Merkmal der Berliner Clubs, dass sie ein Begegnungsort für alle waren. Jeder ist willkommen. Es ist ein gemeinschaftliches Glücksexperiment, das niemanden ausschließt. Es ist, als hänge ein unsichtbares Schild am Eingang, auf dem stand und steht: „Wenn du diesen Raum betrittst, darfst du sein, wer du sein willst – wenn du respektierst, dass jeder das darf“. Das waren Orte, an denen ausschweifend gefeiert werden konnte, weil die Menschen sich befreit fühlten von dem Druck, etwas sein zu müssen, was sie eigentlich nicht sind.

 

Die Türsteher lassen aber nicht jeden herein.

Tykwer: Die Türsteher sorgen heute ja gerade dafür, dass nur Menschen hereindürfen, die genau diesen Respekt vor der Vielfältigkeit und Liberalität beherzigen und ausstrahlen, diesen freien Gedanken.

Die Clubs waren damals wie heute also eine Art „Anti-Gefängnis“ – liberale Inseln, die eine Pause boten von Konventionen und Pflichten.

Von Borries: Das trifft’s. Und Westberlin selbst war ja auch eine Insel.

Handloetgen: Ostberlin hatte in der DDR ja auch eine Sonderstellung. Ich glaube aber, die Clubszene in Berlin ist auch deshalb so lebendig, weil das Essen hier so schlecht ist.

Wie meinen Sie das?

Handloegten: In jeder anderen Großstadt gibt es Orte, an denen alle Schichten ganz selbstverständlich zusammen essen. Das gibt es in Berlin nicht. Das Bedürfnis, ungezwungen zusammenzukommen, verlagert sich deshalb ins Nachtleben.

„Wir haben jahrelang dafür gekämpft“

Der deutsche Fernsehmarkt hat sich lange schwer getan mit hochkarätigen, horizontal erzählten Serien. Das Denken in 90-Minütern ist sehr hartnäckig. Jetzt räumt die ARD für „Babylon Berlin“ extra den „Tatort“-Sendeplatz und sechs weitere Donnerstagabende frei. Ist das ein gutes Zeichen? Tut sich was im klassischen Fernsehen?

Handloegten: Ich hoffe eher, dass es jetzt nicht zur Gegenbewegung kommt. Es ist zu befürchten, dass man überhaupt nichts anderes mehr machen darf als Serien. Das meine ich sehr ernst. Es gibt im Moment eine solche Schwemme von Serien, die müssen ja irgendwo herkommen. Entweder lagen die alle jahrzehntelang in irgendwelchen Schubladen – das wäre schön, denn das hieße, dass es Herzensprojekte sind. Ich habe aber eher den Eindruck, dass alles, was vorher schon für 90 Minuten nicht getaugt hat, jetzt zur Serie aufgeblasen wird. Das ist keine erfreuliche Entwicklung. Man sollte, wenn man eine Serie plant, wirklich etwas zu erzählen haben – und in der Lage sein, eine eigene, unverwechselbare Welt herzustellen. Sonst ist es für den Zuschauer einfach nur eine weitere Tapete, die man anknipst.

Das heißt, die Flut von neuen Stoffen ist kein Indiz für gewachsenes Vertrauen der Senderchefs in die Kreativen, sondern bloß Ausdruck der enormen Nachfrage?

Von Borries: Also, wir haben das Vertrauen in unsere Pläne schon gespürt.

Handloegten: Ja, aber wir haben auch jahrelang dafür gekämpft, Achim. Es gab enorme Widerstände. Es war nicht denkbar, als wir angefangen haben mit diesem Projekt. Da schrieb die deutsche Presse schon seit ungefähr sechs Jahren: „Warum gibt’s so etwas noch nicht aus Deutschland?“ Und es war einfach nicht möglich.

Die Beharrungskräfte waren groß.

Handloegten: Ja, genau.

Tykwer: Und jetzt soll plötzlich alles mindestens sechs Teile haben.

Von Borries: Die Fernsehlandschaft verändert sich dramatisch, und Deutschland war eines der letzten Länder, in denen sich dieser Wandel jetzt vollzieht. Man sieht das an jüngeren Generationen, die schon gar kein Fernsehgerät mehr haben – geschweige denn sich vorschreiben lassen wollen, wann sie was zu sehen haben. Der „Tatort“ ist der letzte Sendeplatz im deutschen Fernsehen, bei dem sich die Nation noch einmal versammelt. Davon gab es früher Hunderte.

„Netflix? Die haben im Moment nur 420 Serien am Start…“

Hat denn Netflix schon angerufen und gefragt, was Sie als nächstes vorhaben?

Tykwer: Netflix hat das Ding erstmal für Amerika gekauft. „Babylon Berlin“ läuft in den USA dort. Ich glaube schon, dass es da eine Neugierde gibt. Aber wenn die jetzt anfragen würden, würden wir wohl sagen: Demnächst. Die haben ja im Moment auch nur 420 Serien am Start…

Von Borries: Die wissen alle, dass wir jetzt erstmal verstrickt sind. Zumindest im Moment.

Die ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ mit je acht Folgen waren schon bei Sky zu sehen und laufen derzeit an jedem Donnerstag in der ARD. Sie sind auch in der Mediathek abrufbar. Lesen Sie hier die Kritik.

Von Imre Grimm