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Fake News werden laut Duden „in manipulativer Absicht“ verbreitet.

Fake News – doch nicht so schlimm wie gedacht?

Über Fake News wird viel diskutiert, viel spekuliert. Eine neue Studie behauptet nun: Fake News sind ein Nischenphänomen. Heißt das, dass sie keine Wirkung haben?

Es ist 2016, in den USA liefern sich Donald Trump und Hillary Clinton einen erbitterten Wahlkampf. Und in einer Stadt in Mazedonien suchen ein paar Teenager nach einer Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Da kommt irgendjemand von ihnen auf die Idee, aus dem Wahlkampf am anderen Ende der Welt Profit zu schlagen. Einige Zeit später ist die Stadt Veles berühmt-berüchtigt – für Fake News. Die Teenager hatten erkannt, dass sich mit provokanten Schlagzeilen und Artikeln mittels Werbeeinnahmen Geld machen lässt. „Ja, die Informationen in den Blogs sind schlecht, falsch und irreführend, aber der Grundgedanke ist, wenn es die Leute dazu bringt, darauf zu klicken und damit zu interagieren – dann verwende es“, erklärte ein Student damals gegenüber der Plattform „Buzzfeed“ unverhohlen.

Die Studenten und Schüler aus Veles waren nicht die einzigen, die im amerikanischen Wahlkampf falsche Nachrichten verbreiteten. Tatsächlich bedienten sie sich oft frei von Seiten am amerikanischen rechten Rand, kopierten deren Inhalt, änderten Überschriften und veröffentlichten die Texte dann: Der Papst würde Trump unterstützen, Mike Pence hätte Michelle Obama als „vulgärste First Lady“ jemals bezeichnet, hieß es dann darin. Auf diese Weise wurde Veles quasi zum Symbol für Fake News und ist mitverantwortlich, dass spätestens seit 2016 wieder ausgiebig darüber diskutiert wird – nur mit welchem Ergebnis?

Jede Menge Fragen

So viel ist klar: Fake News werden über soziale Medien verbreitet. Aber darüber hinaus gibt es noch jede Menge Fragen. Selbst der Begriff wird unterschiedlich verwendet. Während Donald Trump, wohl der größte Fan des Wortes ist und damit auch Zeitungen wie die „New York Times“ bezeichnet, verstehen Wissenschaftler darunter fabrizierte Nachrichten, die zwar in ihrer Form, aber nicht in ihrem Entstehungsprozess und ihrer Absicht echten Medieninhalten ähneln. Einfach gesagt: Das ganze sieht zwar aus wie ein Zeitungsartikel, entspricht aber keinerlei journalistischen Standards.

Doch die entscheidende Frage ist: Wie häufig sind Fake News und welchen Effekt haben sie überhaupt? „Auf diese grundlegenden Fragen gibt es überraschend wenige wissenschaftliche Antworten“, schreibt der Wissenschaftler David Lazer im März 2018 in einem Artikel für Science.

0,1 Prozent teilen 80 Prozent der Fake News

Nir Grinberg von der Northeastern University in Boston hilft, Antworten zu finden. Gemeinsam mit seinen Kollegen untersuchte er Fake News auf Twitter während der amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2016. Der Artikel ist jetzt in „Science“ erschienen. „Wir haben herausgefunden, dass die Mehrheit der Inhalte von Fake-News-Quellen von einem extrem kleinen Teil der Bevölkerung konsumiert und geteilt wird“, erklärt Grinberg gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. In Zahlen ausgedrückt: Von den mehr als 16.000 Twitter-Nutzern, die Grinberg untersuchte, sah ein Prozent der Nutzer 80 Prozent der Fake News. Das heißt, der größte Teil der Fake News wird nur von einem ganz kleinen Teil der Nutzer gesehen. Noch kleiner ist die Gruppe, die den allermeisten Teil der Fake News verbreitet. In Grinsbergs Fall waren das nur o,1 Prozent der Twitter-Nutzer: Nur 16 Menschen teilten demnach 80 Prozent der Fake News.

Von diesen 16 Nutzern auf allgemeine Charakteristiken zu schließen, sei schwierig, sagt Grinberg. Er vermutetet, dass sie automatische Hilfsmittel für ihre übermäßige Twitter-Aktivität nutzen. Welche Motive sie haben, ist unklar. „Wir wissen zum Beispiel nicht, ob diese Menschen dafür bezahlt wurden oder nicht“, sagt Grinberg.

Weiterleitung und Konsum von Fake-News-Artikeln ist „Nischenphänomen“

„Insgesamt ist die Weiterleitung und der Konsum von wirklichen Fake-News-Artikeln offenbar eher ein Nischenphänomen“, resümiert Axel Bruns von der Queensland University of Technology in Brisbane. Das hätten auch schon andere Studien nahegelegt.

Ist also die ganze Aufregung um Fake News aufgebauscht? Die Forderung an Facebook, Twitter und Co. gegen Fake News aktiv zu werden, überzogen? Grinberg sagt zumindest: „Auf keinen Fall übertrumpfen Fake News echte Nachrichten.“ Die große Mehrheit der politischen Informationen, die die Nutzer sehen, stamme aus zuverlässigen Nachrichtenquellen. Das gelte selbst für die begierigsten Konsumenten von Fake News.

Aus Fake News können Gerüchte werden

Allerdings untersuchten Grinberg und seine Kollegen die Weiterleitung konkreter URLs – als „fake“ wurden also die jeweiligen Seiten definiert, nicht einzelne Geschichten. Diese Fake-News-URLS sind aber nur ein Teil des Phänomens, sagt Bruns. Denn was in Fake-News-Artikeln behauptet wird, kann sich weiterverbreiten. Zum Beispiel in Form von Gerüchten.

Die Entstehung von Gerüchten aus Fake News sei noch ein „blinder Fleck“ der Wissenschaft, schreibt Derek Ruths von der McGill Universität in Montreal in einem Kommentar zu dem Artikel. Wie eine Fake News sich in ein Gerücht verwandle und inwiefern dieses dann beispielsweise andere Gemeinschaften infiltriere – das müsse man noch besser verstehen. Eine andere Studie, sagt Bruns, zeigte zum Beispiel auch „dass sich Falschmeldungen schneller verbreiten, als die nachfolgenden Richtigstellungen für ebendiese Falschmeldungen“.

Welche Wirkung haben Fake News?

Die aktuelle Studie sage zudem nichts darüber aus, wie Fake News wirken, sagt Cornelius Puschmann vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Können Fake News zum Beispiel Wahlentscheidungen beeinflussen? Der Experte ist skeptisch: „Tatsächliche Effekte sind, sofern nachzuweisen, sehr gering, was nur in sehr knappen Abstimmungsausgängen eine Rolle spielt.“

Die Arbeit von Grinsberg bietet Anlass zum Weiterforschen: Zum Beispiel zeigt sie, dass konservative Wähler Fake News eher weiterleiten als liberale. Woran liegt das? Sind sie empfänglicher oder gibt es noch keine verlässliche Methode, um die Fake-News-Praktiken von Liberalen zu messen?

Gleichzeitig weist die Studie von Grinsberg und seinem Team aber auch mögliche Strategien gegen Fake News auf. Wenn der Großteil der Falschmeldungen von ein paar wenigen geteilt wird, könnten die sozialen Medien doch genau da ansetzen und dafür sorgen, dass die Beiträge schlechter platziert werden. Doch, sagt Puschmann, Fake News sind eine gesellschaftliche Herausforderung – rein technisch lasse sie sich wohl nicht lösen.

Von Anna Schughart/RND