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Zwei Rückkehrer: Henry (André Holland) kommt nach Castle Rock zurück, wo sich seine Adoptivmutter Ruth (Sissy Spacek) in ihrer Vergangenheit eingerichtet hat.

„Castle Rock“ – die Stadt, die nicht schlafen lässt

Ein Kind auf dem Eis, ein toter Adoptivvater und ein unheimlicher Gefangener in einem vergessenen Verlies: Viel Seltsames passiert in der fesselnden Serie „Castle Rock“ (seit Freitag, 25. Januar, bei Starzplay/Amazon Prime). Nie war es schöner, im Hauptstädtchen von Stephen Kings unheimlicher Welt unterwegs zu sein.

Ohne Sissy Spacek ist der filmische Stephen-King-Kosmos undenkbar. Sie spielte in der Erstverfilmung von „Carrie – des Satans jüngste Tochter“ die Titelrolle der Carrietta White – eines der mitleiderregendsten Geschöpfe aus dem Kopf des Gruselkönigs.

Sissy Spaceks Carrie war der Underdog der Underdogs

Carrietta, die von ihren Klassenkameradinnen bei ihrer unerwartet eintretenden ersten Periode gedemütigt wurde. Die von ihrer flammend religiösen Mutter schlimmer sexueller Fantasien bezichtigt wurde. Und die schließlich auf dem großen Schulabschlussball mit einem Kübel Schweineblut übergossen wurde. Dann war es genug. Carrietta White entfesselte ihre telekinetischen Kräfte, die nach diesem Augenblick der Schande so ins Unermessliche wuchsen, dass sie das Leben der meisten Schüler und Lehrer kosteten.

Das geschah vor langer Zeit in dem beschaulichen nordamerikanischen Städtchen Chamberlain mitten im King-Country.

43 Jahre nach „Carrie“ kehrt Sissy Spacek in die King-Welt zurück

Und in dieses Land unglaublicher Begebenheiten, in dem Vampire, Werwölfe und Gruselclowns außerirdischer Herkunft jederzeit ins Leben der Bewohner eingreifen können, kehrt Sissy Spacek 43 Jahre nach „Carrie“ zurück, diesmal in dessen Hauptstädtchen Castle Rock. In einer Fernsehserie die seit Freitag bei Starzplay, einem recht frischen Abokanal des Streamingdienstes Amazon Prime zu sehen ist, spielt sie eine Frau, die ihr Gedächtnis verliert, die sich aus der Gegenwart entfernt und sich in Vergangenheiten verheddert.

Spaceks Gesicht ist freundliche, gutwillige Verzweiflung. Schon allein ihre Momente sind es wert, es mit dieser Serie zu versuchen. Sich in dieser Stadt, die einen bei der Lektüre zahlloser King-Romane und -Geschichten nie schlafen ließ, einmal genauer umzuschauen.

Spacek ist die Adoptivmutter des schwarzen Anwalts Henry Deaver (André Holland), der sich im hinrichtungsfreudigen Bundesstaat Texas auf Fälle spezialisiert hat, in denen die Todesstrafe abgewendet werden muss. Als Kind war er 1991 für elf Tage verschwunden. Und so beginnt die Serie. Ein Polizist aus Castle Rock hat den Jungen entdeckt. In einer eiskalten Winterlandschaft steht er mitten auf einem zugefrorenen See. Der Cop kann ihn gar nicht schnell genug einfangen, die Kamera zieht hoch und erfasst die frierend weiße Welt. Das Eis, es wird doch tragen, wer weiß?

Ein Gefangener in Shawshank gibt der Polizei Rätsel auf

Fast drei Jahrzehnte später begeht der Direktor des Gefängnisses von Castle Rock (bekannt aus der Novelle „Pin-up“ und der Verfilmung „Die Verurteilten“) Selbstmord. In den tiefsten Tiefen der Anstalt findet sich ein Käfig mit einem der Welt völlig enthobenen Gefangenen, der nurmehr einen Namen flüstert: Henry Deaver. Der kehrt in seine Heimat nach Maine zurück und sieht sich nicht nur mit alten Bekannten konfrontiert sondern auch mit alten Verdächtigungen: Hat er damals in der Zeit seines Verschwindens seinen Adoptivvater ums Leben gebracht? Was geschah damals wirklich? Wer ist der Mann aus dem Verlies?

„Guten Menschen passieren böse Dinge, weil das Leben halt so ist“ – unter diesem Leitsatz schrieb King sechs Romane und sechs Kurzgeschichten über Castle Rock. In Castle Rock suchten Gordon Lachance und seine drei besten Kindheitsfreunde die Leiche eines Schulkameraden am Bahndamm („Die Leiche“, als Film „Stand by Me – das Geheimnis eines Sommers“). Dort wurde ein braver Bernhardiner namens „Cujo“ nach dem Biss einer Fledermaus zum Monster. Dort rang der hellseherische Johnny Smith in „Dead Zone“ mit sich, ob er einen Präsidentschaftskandidaten umbringen soll, von dem er weiß, dass er den Dritten Weltkrieg auslösen. Dort machte im Roman „In einer kleinen Stadt“ der Teufel selbst eine Tauschbörse auf. Nur vier der King-Klassiker.

Die Serie ist mehr als ein Sammelsurium von Zitaten

Zunächst wurde vermutet, diese Serie könnte ein Sammelsurium all dessen werden, ein Figuren- und Geschichtenkabinett, ein Zitatenpuzzle. Und in der Tat wird der King-Fan gefordert und freut sich der zahlreichen Anspielungen und Verweise. Vor allem aber ist es die Geschichte, die den Betrachter fesselt, die kunstvoll und mitreißend erzählt wird und in der der Schnitter Tod reichlich Ernte einfährt. Ganz nach Stephen Kings Geschmack.

Von Matthias Halbig / RND