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Bei den Ermittlungen um einen Mädchenmord bekommen die beiden DDR-Polizisten Lothar Wieditz (Jörg Schüttauf, links) und Karl Albers (Ronald Zehrfeld) Unterstützung von Nadja Paulitz (Silke Bodenbender), einer Kommissarin aus der BRD.

„Walpurgisnacht“: Mystery statt Verbrüderung

Die Idee, dass DDR- und BRD-Polizei 1988 einen Serienkiller im Ost-Harz jagen, hätte das Potenzial zur spannenden Systemstudie. Lesen Sie hier, warum der ZDF-Krimi trotzdem nur drei Sterne bekommt.

Als Telefone noch keine multifunktionalen Statussymbole waren, gefühlt also bald nach Beginn der menschlichen Sesshaftwerdung, hatte ihr Besitz zwar etwas eher Pragmatisches, aber keinesfalls Ungewöhnliches. Weil man damit selbst in der ausgehenden DDR relativ unkompliziert kommunizieren konnte, ist es demnach kein Wunder, dass der ranghohe Volkspolizist Wieditz seiner LKA-Kollegin Paulitz auf deren Zweifel an seiner technischen Ausstattung hin indigniert antwortet: „Also Telefone haben wir hier schon.“

Fokus auf krassen Kriminalfilm

Das in etwa ist der Tonfall eines zweiteiligen Thrillers, mit dem das ZDF die grenzübergreifende Aufklärung einer Mordserie im Jahr 1988 darstellt, besser: darstellen könnte. Denn wenn Silke Bodenbender heute und Mittwoch an der Seite von Jörg Schüttauf und Ronald Zehrfeld in der Vorwende-DDR ermittelt, geht es viel zu selten ums Kompetenzgerangel divergierender Bürokratien oder auch nur die Frage, wie Menschen feindlicher Systeme friedlich interagieren. Nach dem Buch von Christoph Silber und Thorsten Wettcke war es Regisseur Hans Steinbichler jedoch wichtiger, einen möglichst krassen Kriminalfall zu erzählen.

Und der geht so: Als eine Touristin aus dem Westen im zerklüfteten Ostharz von jemandem in die Tiefe gestürzt wird, den zwar das Opfer erkennt, nicht aber die Zuschauer, reist die hessische Kommissarin Paulitz nach Sachsen-Anhalt, um den Mörder ihrer Landsfrau zu finden. Das Resultat ist – dramaturgisch gesehen – ein bestenfalls solides Stück Kriminalunterhaltung, das man – atmosphärisch gesehen – aber schon wegen des überraschenden Finales ab Minute 170 durchhalten sollte. Bis dahin aber ringt die kapitalistische Polizistin arg melodramatisch um eine Gerechtigkeit, die auch ihr sozialistischer Kollege Karl Albers (Zehrfeld) sucht.

Bedrohlicher Sound und tristes Dämmerlicht

Da am Fuße des Hexenbergs Brocken alle nach und nach Berührungspunkte zum Fall offenbaren, erscheint genau dies allerdings von Minute zu Minute unwahrscheinlicher. Umnebelt vom mal nostalgischen, mal bedrohlichen Sound wird „Walpurgisnacht“ jedoch auch deshalb ständig in tristes Dämmerlicht getaucht, weil der mysteriöse Thriller – soziokulturell gesehen – wie so oft im politisch aufgeladenen Vorwendemetier mehr ist als ein weiterer Krimimehrteiler. Wie zur Zeit des Mauerfalls dienen Spielfilme vor zeithistorischer Tapete ja auch 30 Jahre später oft der Selbstvergewisserung einer Nation, die ausdauernd an sich (ver)zweifelt.

Als Götz George während der Montagsdemos die weltpolitisch getrennten Zwillinge „Schulz & Schulz“ spielt, machen sie der DDR schließlich auch das gelobte Westdeutschland schmackhaft. Dessen vereinigungseuphorischer Firnis bekam zwar mit jedem Teil mehr Risse; doch was sich von der Republikfluchtcomedy „Sedwitz“ übers Spionagedrama „Der gleiche Himmel“ bis zum Alltagsmelodram „Honigfrauen“ durch realsozialistische Fiktionen zieht, ist bis heute ein beige-grauer Grundton, den man beim Zusehen instinktiv ins bundesrepublikanische Farbbad tauchen will.

Stilisierung planwirtschaftlicher Tristesse

Unabhängig von der wachsenden Zahl rituell drapierter Frauenleichen taugt also auch diese deutsch-deutsche Begegnung zur Stilisierung planwirtschaftlicher Tristesse. Sekretärinnen sind darin noch 1988 „Fräuleins“ und die Hauseinrichtungen so öde, dass frau sie sich mit der „Schwarzwaldklinik“ schönfärben muss. Zugleich aber bleibt das Zweite dem TV-Gesetz treu, Totalitarismus von links wie rechts nur mit ein, zwei Tätern unter lauter Opfern darzustellen. In diesem Fall: Parteibonze Pölz (Godehard Giese) im Kompetenzgerangel mit Revierleiter Wieditz (Jörg Schüttauf).

Gerade durch die Fokussierung aufs Mythische rings um den Hexenberg Brocken ist das durchaus spannend und dazu schön fotografiert. Doch abgesehen davon, dass die dauernden Ritualmorde im Krimifach längst nerven, wäre ein Stück über die Zweckgemeinschaft gegnerischer Staaten im Dienste der Gerechtigkeit kreativer gewesen als noch eine Ermittlerin, die bei der Jagd nach dem absolut Bösen ein dunkles Geheimnis durch die bezaubernd schöne Landschaft trägt.

Von Jan Freitag / RND