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Sie haben einen Kugelschreiber gekauft? Sie wollen doch sicher noch viel mehr Kugelschreiber kaufen!

Die Grenzen der künstlichen Intelligenz: Als ich einmal einen Kugelschreiber kaufte

Clevere Algorithmen sollen unser Leben leichter machen. Das Gegenteil ist der Fall. Zu dieser Erkenntnis gelangte unser Kolumnist, als er im Internet einen Kugelschreiber kaufte.

Ein Computer ist ohne fremde Hilfe etwa so intelligent wie ein brauner Wollpullover. Daran hat sich nicht viel geändert. Noch immer gilt: Künstliche Intelligenz kann einen Mangel an natürlicher Intelligenz nicht ausgleichen. Trotzdem gilt künstliche als Lösung so ungefähr aller Probleme der Welt, die mit „K“ beginnen: Krieg, Krebs, Klima, Kundenservice, Kardashian. Im Netz kursiert ein hübsches Beispiel für die permanente Überforderung der Algorithmen, die unser Leben leichter, schneller und schöner machen sollen. Da soll Google „deutsche Städte“ zeigen. Und findet auch einige. Und zeigt auch Fotos dazu:

Wie sagte Apple-Chef Tim Cook neulich: „Wir sind an einem Punkt angelangt, wo künstliche Intelligenz so mächtig ist, dass sich Möglichkeiten für einfach unglaubliche Dinge eröffnen.“ Ja, genau. Sicher lassen die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz Menschen mit Fantasie für einen kurzen Moment vor Furcht oder Ehrfurcht erschaudern. Zunächst jedoch gilt das Hier und Heute.

Noch viel mehr Kugelschreiber

Vor Wochen habe ich bei Amazon einen Kugelschreiber erworben. Seitdem denkt das Internet offenbar, dass ich meine Tage hauptsächlich mit dem Erwerb von Kugelschreibern verbringe. Aus Gründen, die sich der Logik verschließen, meint Amazon, dass Kunden, die einen Kugelschreiber gekauft haben, JETZT SOFORT NOCH VIEL MEHR Kugelschreiber kaufen möchten. Dabei müsste doch die dämlichste künstliche Intelligenz kapieren, dass der Kauf eines Kugelschreibers in der Regel bedeutet, dass der Mangel an Kugelschreibern in meinem Leben vorläufig behoben ist. Stattdessen: Kugelschreiber-Werbeanzeigen, soweit das Auge reicht! Wie bekloppt muss ein Algorithmus sein, dessen bester Vorschlag ist: „Kunden, die einen Kugelschreiber kauften, kauften auch: NOCH MEHR KUGELSCHREIBER!“ Ich kann hinklicken, wo ich will – überall heißt es sinngemäß: „Hey, bist du nicht der Typ, der neulich einen Kugelschreiber gekauft hat? Wir haben da was Tolles für dich: Kugelschreiber!“

Ich stelle mir vor, wie sich im globalen Datennetz von Finnland bis Feuerland rasend schnell herumspricht, dass da ein Kerl in Deutschland sitzt, der Kugelschreiber kauft! Und alle Kugelschreiberverkäufer der Erde stürzen sich jetzt auf mich wie Wespen auf ein Stück Erdbeerkuchen. Offenbar hat die künstliche Intelligenz errechnet, dass Kugelschreiberkäufer leicht auszubeutende Konsumopfer sind, die schnell vergessen, dass sie bereits mehrere Kugelschreiber besitzen. Inzwischen kann ich im Amazon-Suchfeld irgendwelchen Mist eingeben – ich lande immer bei Kugelschreibern. „Mi-Ma-Mausesack“? Kugelschreiber!

Facebook absichtlich verwirren

Ich mach das jetzt so: Ich verwirre die im Internet. Ich klicke mit jedem zehnten Klick auf etwas, das mich kein Stück interessiert. Facebook hält mich inzwischen für einen Schuster aus Bergisch-Gladbach, der in seiner Freizeit Schmalzbrote mit Feigensenf schmiert und Quadrille tanzt. Ich bekomme regelmäßig Schmalzbrot-Infos in meine Timeline und weiß jetzt alles über Feigensenf – dank „Feig News“.

Solange also diese Kugelschreiber-Intelligenz mir nicht Schreibpapier, Locher, Bleistifte oder Büromöbel vorschlägt, sondern noch mehr vom gleichen Zeug, so lange glaube ich nicht an künstliche Intelligenz, sondern weiterhin an ehrliche Blödheit.

Von Imre Grimm/RND