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Cody Wilson, Gründer von Defense Distributed, hält eine Kunststoff-Pistole aus einem 3D-Drucker mit der Bezeichnung «Liberator» in seinem Laden. Quelle: Eric Gay/AP/dpa

Waffen aus dem 3D-Drucker: Die Gefahr wird größer

Mit seinen selbst hergestellten Waffen wollte Stephan B. in Halle nicht nur zwei Menschen töten, sondern Dutzende. Dieser Plan scheiterte, auch weil die selbst gebastelten Waffen ständig Ladehemmungen hatten. Allerdings werden Waffen aus dem 3D-Drucker immer verlässlicher – und die Baupläne stehen im Netz.

Berlin/Halle. Die Waffen des Attentäters von Halle versagten immer wieder. Auf seinem Video, das Stephan B. live ins Internet streamte, hörte man ihn immer wieder laut fluchen. „Was’n falsch? Meine Fresse, Mann, lad’! Ach, Scheiße.“ Hätten sich vor allem die beiden selbst gebauten Maschinenpistolen nicht immer wieder verhakt, wären bei der Bluttat von Halle mit hoher Wahrscheinlichkeit noch viel mehr Opfer zu beklagen gewesen.

In seinem Manifest, das der Täter im Netz hochgeladen hatte, beschrieb er detailliert sein Waffenarsenal. Darunter befanden sich zwei Maschinenpistolen nach Entwürfen des britischen Waffenaktivisten Philip Luty, der damit für den freien Besitz von Feuerwaffen demonstrieren wollte.

Waffenpläne gibt es im Netz

Während die „Luty SMG 9mm Parabellum“ des Attentäters aus Halle komplett aus Metallteilen bestand, war die zweite Luty-Maschinenpistole auch mit Plastikteilen aus dem 3D-Drucker gebaut worden. Einen Drucker haben die Fahnder in den Wohnräumen von Stephan B. entdeckt. Der Täter setzte aber nicht nur auf Hightech, sondern auch auf ganz einfache Technik: Zu seiner Ausstattung gehörte eine sogenannte Slam-Bang-Shotgun, die im Kern nur aus zwei Rohren und einem simplen Auslöser besteht.

Waffen aus dem 3D-Drucker sind seit Jahren ein Thema: 2013 stellte der Texaner Cody Wilson die Pläne für eine Waffe aus dem 3D-Drucker ins Netz. Der Waffennarr und Aktivist wurde dabei von der Waffenlobby-Organisation Second Amendment Foundation unterstützt. Seine einschüssige Plastikpistole „Liberator“ (Befreier) löste weltweit große Befürchtungen aus: Nicht nur, weil sich mit den digitalen Bauplänen quasi jeder eine Waffe beschaffen kann, sondern auch, weil die Pistole aus Kunststoff von klassischen Metalldetektoren an Sicherheitsschleusen nicht erkannt wird.

Für Waffen aus dem 3D-Drucker braucht es kein handwerkliches Geschick

Die 3D-Drucker-Technik macht es deutlich einfacher, Waffen selbst zu bauen. Im Vergleich zu den Selbstbauwaffen aus Blech und Stahl können Waffen aus dem 3D-Drucker auch ohne handwerkliches Geschick gebaut werden. Die Maschinen „drucken“ die Waffenteile im Schichtdruckverfahren aus Kunststoff auf Zehntel- bis Hundertstelmillimeter genau, können also viel präziser arbeiten als Laien, die nicht über eine klassische Büchsenmacher-Ausbildung verfügen.

Bislang konnten die verwendeten Kunststoffe in der Regel nicht dem hohen Druck widerstehen, der beim Abfeuern einer Patrone entsteht. Deshalb setzte die Waffenbauerszene auf Hybridwaffen, die Metallteile für Lauf und Kammer mit Plastikteilen für das Magazin oder den Schaft der Waffe kombinieren. Auch bei der „Plastic Luty“ des Halle-Attentäters handelte es sich um ein Hybrid-Modell aus Plastik und Metall.

Künftig können auch komplexe Waffen gedruckt werden

Es ist allerdings absehbar, dass künftig auch komplexere Waffen komplett im 3D-Drucker gefertigt werden können. Die verwendeten Kunststoffe widerstehen immer höheren Temperaturen und halten auch größerem Druck stand als frühere Generationen. Baupläne und 3D-Druckvorlagen für die 3D-Drucker-Waffen kursieren im Internet. Interessenten müssen sich dazu nicht einmal unbedingt im „Darknet“ bewegen, sondern werden auch im offenen Web fündig.

Hersteller von 3D-Druckern wollen den Missbrauch ihrer Geräte durch Waffennarren und Extremisten nicht länger hinnehmen. So kämpft der führende französische Hersteller Dagoma mit manipulierten Bauplänen gegen die Fertigung von Schusswaffen. „Die von uns veränderten Waffendateien sehen genau wie das Original aus, die fertig gedruckten Produkte allerdings sind nicht brauchbar“, sagte Dagoma-Mitbegründer Matthieu Régnier. Diese „falschen“ Schusswaffenmodelle seien bereits 13.000 Mal heruntergeladen worden.

Waffennarren setzten sich gegen Verbote durch

Der Szene dürfte es aber auch künftig gelingen, im Netz Baupläne für Waffen aus dem 3D-Drucker aufzuspüren, die nicht manipuliert wurden – auch weil es dem radikal-liberalen US-Waffennarr Cody Wilson immer wieder gelingt, sich gegen Verbotsanträge durchzusetzen. Im Juni 2018 schloss die US-Regierung unter Präsident Donald Trump einen Vergleich mit Wilson, der ein Verbot aus der Amtszeit von US-Präsident Barack Obama außer Kraft setzte. Allerdings versuchen verschiedene US-Bundesstaaten, die Verbreitung der 3D-Baupläne zu stoppen.

Wilson verkauft seit 2018 über eine separate Firma Bausätze, Software und eine spezielle CNC-Maschine für solche Waffen, die nicht aus dem Drucker kommen. Im Angebot ist ein Bausatz für ein halbautomatisches Sturmgewehr, das dem AR-15 nachempfunden ist. Mit dem AR-15 mordeten etwa die Todesschützen in Parkland und Las Vegas.

Der britische Waffen-Aktivist Philip Luty, der die Vorlagen für die Waffen in Halle geliefert hat, erlebte die 3D-Drucker-Ära nicht mehr. Er starb 2011 an den Folgen einer Krebserkrankung, kurz bevor er sich vor einem Gericht in Großbritannien wegen einer Terrorismusklage verantworten musste.

RND/dpa

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