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Dragqueen Olivia Jones (49) wurde Zweite im Dschungelcamp, hat in Hamburg mehrere Läden, unter anderem eine Männerstrip-Bar. Quelle: imago images/Contrast/Streubel

Olivia Jones: „Auch ich bin beschimpft, bespuckt, bedroht worden“

Olivia Jones ist Deutschlands bekannteste Dragqueen – und nun Gastjurorin in der Pro7-Show „Queen of Drags“. Im Interview spricht sie über das neue Format, Akzeptanz von Travestiekünstlern und ihren 50. Geburstag.

Am Donnerstagabend (20.15 Uhr) sucht Topmodel Heidi Klum (46) auf Pro7 Deutschlands beste Dragqueen. Als Gastjurorin hat sie jemandem vom Fach dabei: die Hamburgerin Olivia Jones (49).

Warum fehlte in Deutschland noch eine Show wie „Queen of Drags“?

Olivia Jones: Dragqueens sind zwar inzwischen keine Seltenheit mehr, aber im deutschen Fernsehen immer noch eine Randerscheinung. In den USA ist das anders. Da haben sie schon lange eine eigene große Show. Heidi Klum hat sich als Erste getraut, Dragqueens in der Primetime bei „Germany’s Next Topmodel“ eine große Plattform zu geben. Mit „Queen of Drags“ kriegt die Szene jetzt endlich mal die Aufmerksamkeit, die sie schon lange verdient hat. Drag ist nämlich nicht nur, Omas olle Fummel aufzutragen. Drag ist Kunst. Ich finde das super. Auch, dass in der Sendung der politische Aspekt nicht zu kurz kommt, weil für die Show hinter den Kulissen viele Menschen aus der queeren Community arbeiten. Dieses Fingerspitzengefühl merkt man dem Format an. „Queen of Drags“ führt die Queens nicht vor, sondern erzählt auch die Geschichten hinter der bunten Maskerade. Geschichten von Ausgrenzung, Mobbing, Aufbruch und Emanzipation. Für so etwas haben viele aus der Szene lange Zeit gekämpft. Auch ich habe mir über Jahre bei Sendern und Redakteuren den Mund fusselig geredet. Jetzt können endlich auch mal die deutschsprachigen Drags zeigen, dass wir uns nicht hinter der internationalen Konkurrenz verstecken müssen.

Was macht die perfekte Dragqueen aus?

Perfekt gibt es nicht. Wichtig ist, dass man an sich glaubt und immer an sich arbeitet, sich treu bleibt, aber trotzdem auch immer mal wieder neu erfindet. Man kann sich mit Ehrgeiz und Engagement viel beibringen. Aber entscheidend ist am Ende das, was man nicht lernen kann: Unverwechselbarkeit und das gewisse Etwas.

Wenn Sie auf Ihr eigenes Leben als Dragqueen zurückblicken: Wie hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz in den vergangenen 30 Jahren entwickelt?

Ich bin 69 geboren, Homosexualität stand bis 94 unter Strafe. An die Ehe für alle war da noch gar nicht zu denken. Das wissen viele junge Menschen gar nicht mehr. Es hat sich also viel zum Guten entwickelt. Aber es gibt immer noch täglich Mobbing, Ausgrenzung und Übergriffe. Nicht nur im Ausland. Auch bei uns in Deutschland. Toleranz ist etwas, das immer wieder neu definiert und erkämpft werden muss. Das zeigen nicht nur meine eigenen Erfahrungen – ich wurde beschimpft, bedroht, bespuckt und musste früh lernen, Shitstorms als Rückenwind zu nehmen. Und wie wichtig so ein Format wie „Queen of Drags“ ist, zeigen auch die teils heftigen Reaktionen auf die Showankündigungen in den sogenannten sozialen Medien.

Sie werden Ende des Monats 50 Jahre alt. Wie werden Sie feiern?

Wir haben dieses Jahr einen Burlesque-Club eröffnet und unsere Porno Karaoke Bar. Dazu kamen die Dreharbeiten für „Queen of Drags“ in Los Angeles, das NDR-Geburtstagsporträt und, und, und. Es gab so viel zu tun und zu feiern, dass ich auf eine Geburtstagsparty verzichte. Die Entscheidung ist mir aber auch nicht schwer gefallen. Ich bin schon immer so eine Art Geburtstags-Grinch gewesen.

Wird eine Dragqueen eigentlich irgendwann zu alt oder gibt es ein Rentenalter für Olivia Jones?

Ich lese in letzter Zeit oft Sätze wie „Olivia wird 50 und denkt immer noch nicht ans Aufhören“. Das finde ich lustig. Als wenn man mit 50 aufhören müsste. Dragqueens haben kein Verfallsdatum, wenn man mit der Zeit geht und sich immer mal wieder neu erfindet. Ich mache das auch noch mit 100, wenn ich kann und man mich lässt.

Zur Person:

Olivia Jones wurde 1969 als Oliver Knöbel in Springe geboren. 1989 zog Jones nach Hamburg, stellte sich bei dem Leiter des Schmidtheaters, Travestiekünstler Lilo Wanders, vor. Es folgten erste Auftritte und eine eigene Show im Theater. 1997 wurde Jones in Miami zur „Miss Drag Queen of the World“ gewählt. 2013 ging Jones ins Dschungelcamp und landete im Finale auf Platz zwei. In Hamburg hat sie mittlerweile fünf eigene Läden, darunter eine Burlesque-Bar und einen Männerstrip-Club und bietet außerdem Kieztouren und Hafenrundfahrten an.

Von Lena Obschinsky/RND