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Schlecht gelaunt auf Mörderjagd: Moritz Eisner (Harald Grassnitzer) und Friedl Jantscher (Michael Glantschnig) untersuchen im Beiseins des Werksleiters (Vitus Wieser) einen Knochen. Quelle: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga R

„Tatort“ aus Österreich: Sex im Heu und eine Leiche im Ofen

Ein Dorf steht im neuen „Tatort“ aus Österreich (Sonntag, 24. November, 20.15 Uhr, ARD) unter Mordverdacht. Harald Krassnitzer als Kommissar Eisner ermittelt unter den eigenwilligen Menschen knurrig wie eh und je – seine Wutausbrüche lässt er mittlerweile an Salamibrötchen von der Tankstelle aus.

Es beginnt im Heu, er fingert zwischen ihren Beinen, sie sagt „das kitzelt“, was im Kärntner Dialekt so niedlich klingt, als sei die Sache mit dem Sex wirklich so harmlos wie in den Bilderbüchern mit den Bienen und den Blümchen. Weil wir aber von den ersten Metern eines Krimis reden, legt Regisseur Nikolaus Leytner das junge Paar hinein in eine Schnulze, als Zeichen eines falschen Friedens: „What a Wonderful World“ von Louis Armstrong klingt immer noch so sanft wie Werbung für Kamilletee. Natürlich ist das Lied ein böser Witz, und wenn man hört, was für ein Song am Ende dieses „Tatorts“ steht, kennt man die blanke Wahrheit: „Paint It Black“ von den Rolling Stones. „Male alles schwarz“ – ein Abgesang, der von Missmut, Mord und entzauberter Heimatliebe spricht.

Die Stones sind musikalisch gut vertreten in der aktuellen Folge „Baum fällt“, so als wolle man den Weltmann Jagger als Kronzeugen bemühen, um sich gegen die Provinz zu wehren, wo dieser „Tatort“ aus Österreich spielt. Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) trifft per Zufall auf den Ex-Kollegen Alois (Karl Fischer), der die Berge mag, doch die Menschen meidet. Auch Hubert (Christoph von Friedl) geht er aus dem Weg, der zwar ein schnelles Auto wie Mick Jagger fährt, der ähnlich viele Frauen hat und immer Bargeld in der Tasche – doch die mondäne Attitüde ist geborgt, sie fußt auf Großmannssucht. Gerade in den Tälern, wo sie den geputzten Schuhen und dem Gel im Haar misstrauen, zählt das zur Sünde. Dass Hubert stirbt, ist nach den Regeln dieses Krimis konsequent. Der „Tatort“ allgemein hatte ja nie ein Herz für Leute, die gut verdienen.

Das Dorf bezieht die Kraft aus Neid, enttäuschter Liebe und einem guten Bier

Der Mord an Hubert soll verschleiert werden, seine Leiche wird im Ofen der Holzfabrik verbrannt, deren Juniorchef er ist. Nur das Titanimplantat aus seinem Schultergelenk trotzt dem Feuer. Und verrät, wessen Asche hier liegt. Wer hat ihn umgebracht? Jeder kommt infrage. Das Dorf bezieht die Kraft aus Neid, enttäuschter Liebe und einem guten Bier im Wirtshaus, das die Gemüter zeitweilig beruhigt. Doch auf Dauer ist der Mensch auf engem Raum, zumal im Schutz der Berge, ein Raubtier. So soziologisch aber geht der Film (Drehbuch: Agnes Pluch) das Stück nicht an, er wird eher inszeniert als überreizter Heimatfilm.

Harald Krassnitzer als Kommissar Eisner fällt es zunehmend schwer, den Zyniker zu geben, seine Wutausbrüche lässt er mittlerweile an den Brötchen der Tankstelle aus. „Die Salami schmeckt scheiße!“, motzt er. Sein Fatalismus gibt sich richtungslos, der ermittlerische Ehrgeiz wird nur wachgehalten durch den Widerspruch, den er verlässlich der Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) vor die Füße wirft. Was Bibi denkt, ist ihm a) zu gefühlig, b) zu unlogisch und c) zu weiblich. Dass Bibi selbstverständlich recht hat mit fast allem, was sie sagt, ist so verlässlich, wie man es aus Ritualen von Ernie und Bert kennt. Auch Bert ficht ja am Ende gegen Ernie einen aussichtslosen Kampf – ähnlich wie Eisner gegen Bibi, der man die unverstellte Menschenkenntnis am wetterfesten Gesicht ansieht.

Der „Tatort“ knabbert hart an seinem Kriminalfall

Was sind das für Menschen im Tal? Da ist Huberts Bruder Klaus (Alexander Linhardt), der zusieht, wie Hubert das Geld der Firma für privaten Spaß verprasst, den Leuten Geld leiht und dann die Löhne drückt, damit sie ihre Schulden nicht begleichen können. Hubert hat eine Affäre mit der Frau von Klaus, die gern Dame wäre und sogar zu Hause Absatzschuhe trägt. Es ist die Sehnsucht nach der Welt hinter den Bergen, die diese Menschen anfällig für Schwindel und Verbrechen macht. Oder für Jähzorn, wie bei Gerhard Holzer (David Oberkogler), der sich dagegen wehrt, dass Hubert osteuropäische Wälder zu Spottpreisen rodet.

Und dann gibt es die gemütvollen Frauen, an die sich Hubert ranschmeißt. Es braucht schon die Courage einer Maria Granitzer (Ulli Maier), die schwanger ist und also voller menschenfreundlicher Hormone, um Hubert seine Grenzen aufzuzeigen. Dieser „Tatort“ knabbert hart an seinem Kriminalfall, er puzzelt lustlos an der Lösung, denn er ist viel zu sehr damit beschäftigt, die Menschen in Gut und Böse einzuteilen.

„Tatort: Baum fällt“ mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD