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Elisabeth (Verena Altenberger) stellt Posse im Hotelzimmer zu Rede. Quelle: BR/maze pictures GmbH/Hendrik Heiden

Interne Ermittlungen und Erzählchaos: So wird der „Polizeiruf 110″ am Sonntag

Im „Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ geht so einiges durcheinander – sodass zwischendurch weder die Zuschauer noch die Ermittlerin selbst wissen, wer hier gerade Opfer und wer Täter ist. Eine Geschichte, die für einen Sonntagabend zu sehr anstrengt.

Geld kann man ja immer gebrauchen. Auch und gerade als kleiner Polizist in München, einem der teuersten Pflaster der Bundesrepublik. So ist die Versuchung groß, als ein kleines Team um Polizeioberkommissar Wolfgang Maurer, genannt Wolfi (Andreas Bittl), bei einer groß angelegten Überwachungsaktion, bei der es um illegale Finanzgeschäfte einer Firma geht, selbst an lukratives Insiderwissen gerät und beschließt, genau dies dann für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.

Um das nötige Geld für die dabei anstehenden Aktienspekulationen aufzubringen, scheuen die fünf Polizisten kein Risiko. Einer nimmt eine Hypothek auf sein Haus auf, ein anderer setzt sein Erbe ein. Selbst die Asservatenkammer ist vor ihnen nicht sicher. Und vermutlich hätte sich auch die noch recht junge Kommissarin Elisabeth Eyckhoff an dem illegalen Spiel beteiligt, wenn sie denn irgendwie flüssig gewesen wäre.

Verbotenes Geschäftsgebaren der Polizisten fliegt auf

So ist Eyckhoff wohl eher zufällig aus dem Schneider, als das verbotene Geschäftsgebaren ihrer fünf Kollegen auffliegt und sie von ihren Vorgesetzten den Auftrag bekommt, intern in dieser Angelegenheit zu ermitteln. Unterstützt wird sie dabei von Lukas Posse (Wolf Danny Homann), einem Mann von der Börsenaufsicht. Und die zwei kommen sich im Verlauf des Films nicht nur näher, sondern absolvieren erstaunlich akrobatisch eines der komischsten Liebesspiele der letzten Zeit.

Das ist allerdings einer der ganz wenigen witzigen Momente in dem deprimierenden Krimidrama „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, dem zweiten Auftritt der neuen Münchner „Polizeiruf“-Ermittlerin Eyckhoff alias Verena Altenberger. Und es ist jammerschade, dass Altenberger ihre erfrischende Spielweise und ihr darstellerisch großes Vermögen, das sie in ihrem Auftaktfall letzten September bewiesen hat, angesichts des völlig überladenen Drehbuchs von Günter Schütter und der wild chaotischen Ästhetik des ewigen Regierebellen Dominik Graf diesmal kaum zeigen kann.

So ein kaputtes Polizeiteam wie hier gab’s jedenfalls lange nicht zu sehen. Da arbeitet einer gar nebenbei bei einem Escortdienst für liebeshungrige Frauen. Während sich seine Kollegen mächtig mit Beziehungsproblemen, Geldschulden und anderen Nickligkeiten herumschlagen müssen. Und natürlich wird trotzdem oder gerade deswegen gesoffen und gefeiert, als ob es kein Morgen mehr gebe. Selbst Eyckhoff mischt ganz gern mal mit, zeigt Verständnis für ihre Kollegen und versucht nun im Krisenfall irgendeinen Ausweg für sie zu finden. Dennoch eskaliert schließlich die Situation gewaltig und gewalttätig, und es fließt Blut. Aber einen Mord gibt es in diesem „Polizeiruf“ nicht.

Durcheinandergewirbelte Story

Das muss ja auch nicht sein, wenn die Geschichte wenigstens einigermaßen spannend erzählt wäre. Aber Dominik Graf wirbelt die eigentlich einfache Story fast wie ein Berserker so durcheinander, dass man sie lange, viel zu lange Zeit überhaupt nicht versteht. In hohem Tempo werden die verschiedensten Zeitebenen miteinander verbunden, es gibt immer wieder kurze Einschübe oder Schlaglichter, die einen ständig verwirren. Und bald wissen weder die Zuschauer noch offenbar die ermittelnde Kommissarin, worum es hier genau geht, wer welches böse Spiel treibt und wer Täter oder Opfer ist.

Gewiss, auch das hier von Graf angerichtete inszenatorische Spektakel hat seine guten Momente, der 67-Jährige ist eben immer noch ein sehr guter Regisseur, dem wir Filme wie „Die Sieger“ (1994), den „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ (2004) oder die kultige Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) verdanken. Aber hier übertreibt er wirklich so maßlos, dass den Film wohl wirklich nur Leute mögen werden, die gerade mal wieder auf der Suche nach einer völlig neuen Krimi-Ästhetik sind. Und dabei geht Graf zu allem Überfluss auch noch mit solch einem teutonischen Ernst vor, scheut zudem jeglichen ironischen Schlenker (sieht man mal davon ab, dass das Stammlokal der Bullenrunde ausgerechnet Zabriskie Point heißt), dass der Film schnell seinen anfänglichen Reiz verliert. Kurzum: Das mag (Film-)Kunst sein, und Kunst bedeutet auch für den Zuschauer Arbeit, aber wer hat schon Lust, ausgerechnet am Sonntagabend zu schuften.

Von Ernst Corinth/RND