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Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks, steht in der Kritik wegen des sogenannten Umweltsau-Lieds. Quelle: dpa

„Umweltsau“: „Man darf das Lied doof finden – dessen Widerhall auch“

Ein Lied des WDR-Kinderchors über eine Oma als „Umweltsau“ löst eine Kontroverse aus – nicht nur im Internet. Das Thema beschäftigt auch die Kommentatoren vieler Tageszeitungen. Während die einen das Lied kritisieren, beschäftigen sich die anderen mit der gesellschaftlichen Debatte rund um den Beitrag.

Berlin. Es war satirisch gemeint, doch dann löst ein Lied des WDR-Kinderchors über Oma als „Umweltsau“ einen Shitstorm aus. Intendant Tom Buhrow entschuldigt sich. Später demonstrieren Rechtsextreme in der Nähe des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Die Kontroverse hat auch ein breites Medienecho hervorgerufen.

So kommentieren die „Stuttgarter Nachrichten“: „Es ist richtig, dass der WDR seine dumme ‚Umweltsau‘-Satire gelöscht hat, und es ist angemessen, dass der Intendant sich entschuldigt hat. Nicht nur, weil sie einfach pauschal beleidigend gegenüber älteren Menschen war. Auch deshalb, weil die darin enthaltene Sicht von bemitleidenswerter Gedankenarmut zeugt. Was Ältere an dem ‚sau‘-blöden Song zu Recht aufregt, ist die unangebrachte Selbstgefälligkeit, mit der die offenbar jüngeren Macher des Textes meinen, grundsätzlich qua Alter auf der moralisch richtigen Seite des Lebens zu stehen. Ein unangenehmer Zug, der auch der Fridays- for-Future-Bewegung nicht fremd ist.“

Auch die „Pforzheimer Zeitung“ übt Kritik an dem Lied: „Der Liedtext des WDR-Kinderchors gehört in die unterste Schublade. Wer willentlich und wissentlich die Großmutter als ‚Umweltsau‘ beschimpft, hat nicht lange genug nachgedacht und beweist wenig Respekt vor der älteren Generation. Satire hin oder her – der WDR hat ein Eigentor geschossen.“

„Geschmacklos“ nennt die „Volksstimme“ in Magdeburg den Liedtext: „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau! So lautet der Text eines vom WDR-Kinderchor einstudierten Lieds. Der Liedtext ist geschmacklos. Er beleidigt ältere Menschen. Und er stimmt auch einfach nicht. Das sieht auch der Intendant des Westdeutschen Rundfunks so und hat sich für das Satire-Video aus seinem Hause samt Liedtext entschuldigt und das Video gelöscht – sicherlich auch, weil es in den sozialen Netzwerken regelrecht tobte. Vor allem vom rechten Rand aus. Diejenigen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohnehin gern als Lügenpresse und Staatsfunk diskreditieren, haben das Lied zum Anlass genommen, die Empörungsmaschine noch weiter anzuheizen. Es sind die gleichen Menschen, die darüber lamentieren, dass man in Deutschland nicht mehr seine Meinung sagen dürfe und nun wegen des Liedes nach Konsequenzen brüllen. Das Lied ist völlig daneben, ja! Das Ausmaß der Debatte ist es aber auch.“

„War das wirklich nötig?“, fragt „Zeit Online“ in ihrem Meinungsbeitrag: „Entweder bedarf es einer gewissen taktischen Verblödungsbereitschaft, um dieses Lied als Angriff auf die Familie zu sehen. Oder es ist tatsächlich so, dass einer durch Klima- und Boomerdebatten aufgeheizten, überempfindlichen Social-Media-Öffentlichkeit noch das letzte Abstraktionsvermögen abhanden gekommen ist. Allerdings wäre das schwer zu glauben. Wenn Mitglieder des Bundestags angesichts des Liedchens nun ‚Respekt vor den Älteren‘ einfordern, als hieße Respekt, auf Kritik zu verzichten, ist das ebenso drollig wie die aufgebrachten Twitter-Nutzer, die inzwischen lediglich rhetorische Frage stellen, was Satire dürfe.“

Die „Westdeutsche Zeitung“ greift in ihrem Kommentar die gesellschaftliche Debatte um das Lied auf: „Fragen muss man aber auch, ob es nicht endlich eine Nummer kleiner geht. Eine kritische Reaktion auf Falsches muss nicht richtig sein. Und sie ist es hier nicht, weil sie kein Maß hat. Man darf das Lied doof finden, dessen Widerhall aber auch. Deutschland ist emotional in diesen Tagen des ausgehenden Jahres ein Hühnerstall. Aufgeregt. Gackernd. Eng. Jeder wartet, bis sich wer regt. Dann fliegen die Federn. Und am Ende ist nie etwas gewonnen. Das ist die Grundstruktur fast jeder gesellschaftlichen Streitigkeit, in der Ausgleich nicht mehr vorkommt – auch nicht von Politikern, die absehbar liefern und wahlweise gegen den Rundfunk anschreien oder dem ‚Mob‘ über den Mund fahren. Dazu kommt die breite Verrohung von Sprache und Tat durch die Möglichkeit, alles und von jedem ungefiltert in den Resonanzraum Internet geben zu können. Wie wir damit künftig umgehen wollen, ist die interessantere Frage. Wir brauchen dringend eine neue Klimadebatte. Es geht um das geistige Klima.“

Der „Münchner Merkur“ schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Je stärker unsere Debatten in Schnappatmung geführt werden, je ungenauer sich viele Menschen informieren, die mal schnell im Internet irgendwas gelesen zu haben glauben – desto wichtiger wäre der Informationsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Sie müssten ihm seriös, neutral und gründlich nachkommen. Der WDR hingegen hat nicht nur seine Kernzielgruppe verunglimpft, sondern wieder mal der ganzen Branche geschadet.“

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ spannt den Bogen zu einer gesellschaftlichen Debatte – die über den Klimawandel: „Die Aufregung über Oma, die vermeintliche Umweltsau, wäre aber nicht halb so groß, steckte in ihr nicht doch ein reales Thema. Die Auseinandersetzung darüber, was angesichts der Erderwärmung zu tun sei, wird ja tatsächlich auch als Generationenkonflikt ausgetragen. Wobei der Konflikt weniger die Großeltern betrifft, die das Geschenkpapier bügelten und wiederverwendeten und im Sommer an Nordsee oder Adria campten. Der Graben verläuft zwischen Babyboomer-Eltern und ‚Fridays for Future‘-Kindern. Er gipfelt im tausendfach gezischten ‚How dare you‘ überm Weihnachtsbraten und im Streit übers nächste Urlaubsziel. Er geht um Lebensleistungen und darum, diese infrage zu stellen, darum, was gutes und richtiges Leben ausmacht – und oft auch nur um die Deutungshoheit am Küchentisch.