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Zuckersüß: „Wer kann, der kann“-Moderatorin Angelina Kirsch mit Konditor-Weltmeister Bernd Siefert (rechts) und Gastjuror Zauberkünstler Marc Weide. Quelle: Netflix

Netflix-Backshow „Wer kann, der kann“ mit Angelina Kirsch: Au Backe!

Nach dem großen Erfolg in den USA bringt Netflix „Wer kann, der kann“ nach Deutschland. Doch die Backshow mit Angelina Kirsch enttäuscht.

Backen ist Liebe? Von wegen. Backen, so wirkt es zumindest öfter am Bildschirm, ist Krieg! Wer je die amerikanische Kochshow „Nailed It!“ auf Netflix gesehen hat, erlebte dort schließlich nicht die liebevolle Zubereitung von Omas Kuchenrezept, sondern einen Kampf auf Zeit, Zucker und Mehl möglichst derart miserabel mit Butter und Salz zu verrühren, dass die Resultate optisch wie geschmacklich nur Brechreiz erregen.

Kein Wunder – übersetzt steht „Nailed It!“ dafür, irgendetwas voll in den Sand zu setzen. Oder wie es Angelina Kirsch, die Moderatorin der deutschen Ausgabe „Wer kann, der kann“ nennt: Hobbybäckern dabei zuzusehen, wie sie sich „an Meisterwerke der Backkunst trauen – und dabei meistens scheitern“. Sei ja auch spannender, fügt sie zur Begrüßung giggelnd hinzu. Schon klar.

Potenzielles Versagen ist Programm

Spannendes Scheitern als Chance zum Spaß anderer: Dieses Terrain beackert das Fernsehen im Grunde, seit darin Spielshows laufen. Richtig perfektioniert wurde es dann aber erst durch die Privatkonkurrenz der Achtziger, was am Realitysoap-Pranger von heute zur voyeuristischen Höchstform aufläuft. Davon ist eines der ersten non-fiktionalen Formate des Videodienstes aus hiesiger Produktion zwar weit entfernt; die Kandidaten wissen schließlich genau, dass ihr potenzielles Versagen Programm ist. Verglichen mit „The Great British Bake Off“, bei dem ganz gewöhnliche Menschen seit 2010 außergewöhnliches Gebäck kreieren, ist „Wer kann, der kann“ aber dennoch – tja, was eigentlich?

Nennen wir es wohlwollend drolligen Blödsinn, wenn in einer Folge die hippe Elfi aus Lüdenscheid, ein lustiger Bodo mit Hut und der alleinerziehende Single Alex unter dem strengen Blick einer Jury aus Lilly (Becker) und Bernd (Bäcker) erst ihre lustigen Cake-Pops am Stiel und dann mehrstöckige Tortentürme so lange in Tierfett ertränken, bis die am wenigsten missratene Kreation 5000 Euro Preisgeld plus Pokal einstreicht. Kritischer formuliert allerdings gipfelt diese Lebensmittelverschwendung in sechsmal 35 Minuten Stumpfsinn für Klimawandelleugner und Konsumfetischisten.

Kirsch saß kurz in der Jury von „Curvy Supermodel“

Wobei das Schlimmste dieser furchtbaren Sendung noch nicht mal der – fraglos exakt durchgescriptete – Pseudowettstreit ist. Wenn die angebliche Liebeshandlung Backen Furcht und Schrecken verbreitet, kann das abgesehen vom billigen Fremdschameffekt versagender Laien im Unterhaltungsfach nämlich nur drei Gründe haben: Der Kuchen kommt entweder von einem Wolf im Rotkäppchen-Kostüm an die Haustür. Der Kuchen wurde von Asterix’ ägyptischem Gegenspieler Pyradonis vergiftet. Oder der Kuchen entsteht auf Geheiß von Kirsch, die auf RTL II kurz in der Jury von „Curvy Supermodel“ saß und nun ihrerseits die Juroren des Wettbackversagens auf Netflix zum Reden bringt.

Wie Kirsch mit irre aufgerissenen Augen und schriller Stimme wechselnd große Teigkatastrophen kommentiert, wie sie zwischendurch inhaltsleeren Small Talk mit wechselnden Gastjuroren („und was macht die Liebe bei dir, Lilly?“) betreibt, wie all dies ersichtlich keinerlei tieferen Sinn hat, als dem anhaltenden Fernsehkochboom noch ein paar Facetten mehr abzutrotzen – da sehnt man sich fast ein wenig nach der überdrehten Hektik von Sat.1 zurück.

Bei „Wer kann, der kann“ herrscht Jubel, Trubel, Spaß und Spott

Dort nämlich wird der sensationell erfolgreiche BBC-„Bake Off“ seit 2013 unterm Titel „Das große Backen“ adaptiert, was – drei Jahre später (natürlich) auch mit Promis – zwar ebenfalls nicht die hohe Schule gediegenen Entertainments ist, dem ehrwürdigen Konditoreihandwerk jedoch wenigstens ein bisschen Respekt zollt.

Bei „Wer kann, der kann“ allerdings herrscht Jubel, Trubel, Spaß und Spott wie beim Original „Nailed It!“, das im Frühjahr 2018 loslegte und schon im Jahr darauf einen mexikanischen, einen französischen und einen spanischen Ableger erhielt. Aber wenn die Kandidaten Maggy, Jan und Frauke unterm Gelächter des Youtubers Keno Veith alias „Deutschlands härtester Ostfriese“ Oktoberfest-Torten stümpern, als hätten sie fünf Maß Bier intus, geht es am Ende nur um eines: nichts. Dann doch lieber selber backen.

Von Jan Freitag/RND