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Eurovision Song Contest: Ben Dolic tritt für Deutschland an

Der Sänger Ben Dolic vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest in Rotterdam. Zwei Jurys entschieden sich für den 22-jährigen Ex-“The Voice”-Finalisten und seine temporeiche Popnummer “Violent Thing”. Das Publikum durfte nicht mitentscheiden. Trotzdem gibt es nach vielen Misserfolgen Grund zur Hoffnung.

Hamburg. Ein 22-Jähriger mit androgyner Stimme und smartem Checkerblick soll die deutsche Dauerschmach beim Eurovision Song Contest beenden: Der Sänger Ben Dolic tritt beim ESC-Finale im Mai im niederländischen Rotterdam für Deutschland an. Mit einer clubtauglichen Uptempo-Popnummer namens “Violent Thing” im Stil von Justin Timberlake oder Taylor Swift will er der ESC-gebeutelten Nation eine erneute Blamage ersparen.

Zwei Jurys statt eines Vorentscheids

Der beim ESC federführende NDR verzichtete erstmals seit elf Jahren auf einen Live-Vorentscheid in der ARD. Stattdessen wählten zwei Jurys aus 100 deutschen ESC-Zuschauern und 20 Musikexperten aus ganz Europa Ben Dolic und seinen Song aus 607 Künstlern und 598 Liedern aus. Den deutschen ESC-Beitrag präsentierte der Sender in einer 45-minütigen Sendung im Schwestersender ARD One.

Ben wer? Ein völliger Newcomer ist der am 4. Mai 1997 in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana geborene Wahl-Berliner nicht. 2015 zog er mit seiner Familie in die Schweiz, lernte Deutsch und nahm 2016 mit der Gruppe “D Base” am slowenischen ESC-Vorentscheid teil. “Ich finde, wir haben für den ESC einen perfekten Song”, sagte er am Donnerstag. “Und ich werde alles für Deutschland geben. Für mich wird ein Traum wahr.”

Bei “The Voice of Germany” landete er 2018 auf dem zweiten Platz. “Er ist ein Ausnahmetalent”, sagt Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungschef und ESC-Beauftragter. “Mit seiner glasklaren und gefühlvollen Stimme hat er beide Jurys überzeugt.”

Deutschland beim ESC – eine Chronik des Elends

Das deutsche Abschneiden beim ESC war zuletzt wieder eine Chronik des Elends – mit einem Ausreißer nach oben: Platz vier für Michael Schulte 2018. Im Vorjahr landete das Duo S!sters mit Carlotta Truman und Laura Kästel beim ESC im israelischen Tel Aviv auf dem 25. – und damit vorletzten – Platz. Die letzten Direktkandidaten, die ohne Vorentscheid ins Rennen gingen, waren im Jahr vor Lena Meyer-Landruts Triumph 2009 Alex Swings Oscar Sings! Mit “Miss Kiss Kiss Bang”. Das Ergebnis war verheerend: Platz 20 von 26.

Warum verzichtete der NDR auf einen Vorentscheid? Erster Grund: Zuletzt sahen nur noch 2,99 Millionen Menschen zu. Zweiter Grund: Von den 163.000 Anrufern im Vorentscheid 2019 riefen nur 27.000 auch im großen ESC-Finale an. Daraus schließt der Sender: Es sind zwei getrennte Veranstaltungen – das lohnt den Aufwand nicht. Die ARD habe “viele der Menschen, die beim ESC abstimmen, mit dem Vorentscheid nicht erreicht”, sagte Schreiber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Mit dem Juryverfahren hofft er nun, den europäischen Musikgeschmack präziser zu treffen. Die 100 Mitglieder der Eurovision-Jury, ausgewählt aus 15.000 Bewerbern per Facebook, mussten zunächst ihre ESC-Treffsicherheit beweisen, ebenso die 20 Musikexperten, allesamt Mitglieder nationaler ESC-Jurys.

 

Ein Hauch von Justin Timberlake

Ben Dolic‘ Titel “Violent Thing” stammt aus der Feder des österreichisch-bulgarischen Komponisten und Produzenten Boris Milanov. Er schrieb unter anderem für Jennifer Lopez, Kylie Minogue, Lady Gaga und Miley Cyrus. Drei seiner Kompositionen erreichten beim ESC in den letzten vier Jahren die Top Vier. Ben Dolic‘ Bühnenauftritt soll der US-Choreograf Marty Kudelka entwickeln – er inszenierte unter anderem drei Welttourneen sowie die Super-Bowl-Halbzeitshow 2018 von Justin Timberlake. Wie kam die Songauswahl zustande? Der NDR lud Künstler und Komponisten ein, sich zu bewerben. Die Juroren reduzierten die Auswahl auf zehn Künstler mit 17 Songs, die im November 2019 in einem Kölner Tonstudio 20 Videos drehten, die den beiden Jurys vorgespielt wurden. Bereits seit dem 12. Dezember steht Dolic als Sieger fest.

“Wir wollen einen Act, der in Europa bestehen kann”, sagt Schreiber. “Unser Ziel sind die Top Ten.” All das wirkt wie der Versuch, mit internationaler Expertise und Statistik auf Nummer sicher zu gehen. Tatsächlich ist der deutsche Song eine zeitgenössische, unlangweilige Popnummer, die sich von der Durchschnittsware der Vorjahre abhebt. Doch beim ESC geht es darum, den Zeitgeist zu treffen und authentisch zu wirken. Formelkunst und Geschmacksmuster-Arithmetik allein sind noch keine Erfolgsgaranten.

Die ARD stellt den deutschen ESC-Kandidaten Ben Dolic und seinen Titel “Violent Thing” heute Abend um 21.30 Uhr in der Sendung “Eurovision Song Contest 2020 – Unser Lied für Rotterdam” im ARD-Schwestersender One vor. Das Finale des Eurovision Song Contests findet am Sonnabend, 16. Mai, in Rotterdam statt. Zum ersten Mal kommentieren Peter Urban und Michael Schulte gemeinsam. Das Erste, One und eurovision.de übertragen das Finale live ab 21 Uhr. Die Halbfinale werden am 12. und 14. Mai live jeweils ab 21 Uhr auf One und eurovision.de gesendet.

Von Imre Grimm/RND