Aktuell
Home | Nachrichten | Politik | „Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen“
Doris Akrap ist mit Deniz Yücel seit Kindertagen befreundet.

„Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen“

Die Journalistin Doris Akrap bringt gemeinsam mit ihrem Freund Deniz Yücel ein Buch mit Texten des „Welt“-Korrespondenten heraus. Es geht längst nicht nur um die Türkei

Doris Akrap zählt zum engsten Freundeskreis von Deniz Yücel. Akrap wurde in Kroatien geboren und wuchs in Flörsheim am Main auf, der Geburtsstadt Yücels. Gemeinsam haben sie in Rüsselsheim Abitur gemacht, beide sind Journalisten geworden. Die 43-jährige Akrap, Initiatorin von #FreeDeniz, arbeitet für die „taz“. Seit 2012 trat sie mit Yücel und anderen Kollegen im Rahmen der „antirassistischen Leseshow“ Hate Poetry auf. Im Interview erzählt sie von der Entstehung ihres gemeinsamen Buches.

Wie geht es Deniz Yücel?

Das weiß ich leider nicht. Wir können einander nicht sprechen, dürfen uns auch keine Briefe schreiben. Neben seiner Ehefrau und seiner Familie dürfen Deniz nur seine Anwälte besuchen. Ihren Schilderungen zufolge geht es ihm aber den Umständen entsprechend gut.

Heute erscheint „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“, ein von Ihnen herausgegebenes Buch mit meist älteren Texten von Deniz Yücel. War das seine Idee oder Ihre?

Das war Deniz‘ Idee. Nach seiner Verhaftung haben wir vom Freundeskreis #FreeDeniz Lesungen in vielen deutschen Städten organisiert. Die Karten waren oft schnell ausverkauft, Menschen standen draußen Schlange. Deniz erfuhr von seinen Anwälten vom großen Zuspruch und ließ mir dann mitteilen: Wenn doch so viele Leute seine alten Texte hören wollen, könne man aus ihnen ja ein Buch machen. Dann könnten auch jene, die keine Karten für Lesungen erhalten, die Texte zu Hause nachlesen.

Wie war die Arbeit an dem Buch?

Sehr schwierig. Direkten Kontakt hatten Deniz und ich nicht, alles lief über die Anwälte. Über sie haben wir diskutiert, welche Texte reinkommen sollen und welche nicht. Unsere Nachrichten kamen immer mit zwei, drei Tagen Verzögerung beim anderen an. Ansonsten aber war es die typische redaktionelle Arbeit: Im Mittelpunkt stand die Auswahl der Texte. Wir haben uns gegen ein Türkei-Buch entschieden. Die meisten Texte sind vor Deniz‘ Verhaftung entstanden. Viele davon haben nichts mit der Türkei zu tun.

Es geht um den Verfassungsschutz, Pegida, Fußball …

… FDP, DKP, Mathe für Ausländer. Das Buch soll zeigen: Deniz hat nicht nur in der Türkei, wo das Unrecht ja offensichtlich ist, ganz genau hingeschaut, sondern eben auch in Deutschland.

Welche Texte liegen Ihnen besonders am Herzen?

„Elf Söhne“ ist einer meiner Lieblingstexte. Ein Text, den Deniz unter dem Pseudonym Bayram Karamollaoglu veröffentlicht hat, in dem er in türkisch-deutschem Dialekt sehr witzig, sehr pointiert und sehr einfühlsam die Sicht eines türkischen Einwanderers auf die deutsche Gesellschaft einnimmt. Oder auch die intensive Reportage „Der Krieg in den Städten“ über die sich zunehmend radikalisierende kurdische Jugend im Südosten der Türkei. Und der allertollste Text ist ein bisher unveröffentlichter: „Die Nummer mit dem Sittich“. Deniz erzählt von den zwei Tagen, die er nach seiner Inhaftierung im Istanbuler Gefängnis Metris verbracht hat, in Gesellschaft des PKK-Anhängers Cengiz. Ein netter Mensch mit einem zu laut zwitschernden Wellensittich. Der Sittich hat aber hinter Gittern einen hohen Tauschwert. Deniz vergleicht die Situation des Sittichs mit seiner eigenen: Anhand der Proteste aus Deutschland habe die türkische Regierung gesehen, wie wertvoll er für sie sei. Eine Geisel, die gegen anderes ausgetauscht werden soll.

Haben Sie manchmal die Sorge, die breite Unterstützung aus Deutschland könnte Deniz schaden?

Natürlich diskutieren wir über jede Aktion und jeden Aufruf. Und natürlich ist es schwierig, in Deniz‘ Namen zu sprechen. Trotzdem haben wir uns immer für Solidarität mit Deniz entschieden. Weil wir uns von einem autokratischen Regime nicht zum Schweigen bringen lassen wollen. Schon gar nicht als Journalisten. Und genau das ist ja das Ziel der türkischen Regierung, wie auch die Verhaftung vieler anderer Journalisten in der Türkei zeigt. Nein, nicht die Öffentlichkeit trägt Schuld an Deniz‘ Situation. Wir müssen immer wieder an seinen Fall erinnern. Das ist unsere bürgerliche Pflicht.

Herbert Grönemeyer, Anne Will, Hanna Schygulla und viele weitere namhafte Künstler und Journalisten tragen heute Abend in Berlin Deniz Yücels Texte vor. Weiß er das?

Ja, ich habe es ihn über seine Anwälte wissen lassen.

Haben Sie schon eine Rückmeldung?

Noch nicht. Das dauert ja immer ein paar Tage.

Von Marina Kormbaki

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.