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Der griechische Außenminister Nikos Kotzias.

Athen fürchtet „heißen Zwischenfall“ mit der Türkei

Das Verhältnis zwischen den Nato-Partnern Griechenland und Türkei verschlechtert sich rapide. Noch immer halten die Türken zwei griechische Soldaten fest. Im Athener Außenamt fürchtet man nach einer Reihe von Provokationen einen ersten „heißen Zwischenfall“.

Seit drei Wochen sitzen sie im Hochsicherheitsgefängnis der westtürkischen Stadt Edirne: der griechische Feldwebel Dimitris Kouklatzis und Oberleutnant Angelos Mitretodis. Die beiden wurden am 1. März von türkischen Soldaten festgenommen, als sie bei einer Grenzpatrouille auf türkisches Staatsgebiet gerieten – versehentlich, wie sie versichern.

Der Fall belastet nicht nur die Beziehungen zwischen den Nato-Partnern Griechenland und Türkei. Er überschattet auch das für kommenden Montag geplante Treffen führender EU-Politiker mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan im bulgarischen Varna. In die Bemühungen um die Freilassung der beiden Soldaten hat sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeschaltet.

An der griechisch-türkischen Grenze kommt es immer mal wieder zu versehentlichen Grenzverletzungen. Solche Zwischenfälle legte man bisher stets unbürokratisch vor Ort bei. Aber mit Kouklatzis und Mitretodis hat die Türkei offenbar andere Pläne. Nach türkischen Medienberichten prüft die Staatsanwaltschaft in Edirne eine Anklage wegen Spionage.

Erdogan könnte die Soldaten als Unterpfand nutzen

Der griechische Premier Alexis Tsipras spielte die Festnahme anfangs als „normalen Zwischenfall“ herunter. Verteidigungsminister Panos Kammenos vermutet hingegen, der türkische Staatschef Erdogan halte die beiden Soldaten als „Geiseln“ fest. Gegen wen sie ausgetauscht werden könnten, liegt auf der Hand: Während des Putschversuchs vom Juli 2016 flohen acht türkische Offiziere mit einem Hubschrauber nach Griechenland, wo sie Asyl beantragten.

Erdogan verlangt ihre Auslieferung. Vergangenen Freitag wies ein griechisches Berufungsgericht zum dritten Mal den türkischen Auslieferungsantrag zurück. Den acht Männern drohe in der Türkei „Folter, Misshandlung und Erniedrigung“, begründete Richterin Ioanna Klapa das Urteil.

Selbst wenn Tsipras einen Austausch erwägen sollte: Ihm sind durch die Gerichtsurteile die Hände gebunden. Athen sucht diplomatischen Beistand der EU. „Unsere Partner zeigen Solidarität und Unterstützung“, stellte der griechische Außenminister Nikos Kotzias am Montag nach dem Außenministertreffen in Brüssel fest. Kanzlerin Angela Merkel habe sich vergangene Woche in einem Telefonat mit Erdogan für die Freilassung der beiden Soldaten eingesetzt, berichtete Kotzias.

Noch setzt Athen auf den Dialog

Am Dienstag berieten in Athen Tsipras und Verteidigungsminister Kammenos über den Fall. In Athen hofft man, dass die Türkei noch vor dem Spitzentreffen mit der EU am nächsten Montag oder kurz danach die beiden Grenzsoldaten freilässt. Schließlich gehört Griechenland zu den wenigen EU-Staaten, die sich noch für einen Beitritt der Türkei stark machen.

Doch die Türkei tritt zunehmend aggressiv auf. Im Februar rammte die türkische Küstenwache in der Ägäis ein griechisches Patrouillenboot – offenbar in der Absicht, es zu versenken. Außenminister Kotzias warnte jetzt vor einem Parlamentsausschuss in Athen, er fürchte einen „heißen Zwischenfall“.

Von Gerd Höhler/RND