Mittwoch , 19. September 2018
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„Jedenfalls sollte die Politik sich um Lösungen bemühen, bei denen eine Organspende eine Spende bleibt.“Es

Organspende muss Spende bleiben

Mit seinem Vorstoß für eine Widerspruchslösung bei der Organspende setzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einen völlig Systemwechsel. Schnellverfahren im Parlament, verbieten sich, meint Rasmus Buchsteiner.

Sollen Ärzte bei jedem, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat, Spenderorgane entnehmen können? Diese sogenannte Widerspruchslösung wäre ein völliger Systemwechsel bei der Organspende. Streng genommen dürfte man die Spende unter diesen Umständen schon gar nicht mehr Spende nennen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geht an dieser Stelle rasant in die Kurve. Es ist noch keine Woche her, da war aus dem Gesundheitsressort zu hören, nicht mangelnde Spendenbereitschaft sei die Ursache für die zu niedrige Zahl der Transplantationen. Es liege vor allem an den Strukturen in den Kliniken und an der Vergütung.

Eigentlich wollte Spahn genau da ran: mit einem Gesetzentwurf, der die Abläufe bei der Organspende verbessert. Umso überraschender ist, dass der CDU-Politiker jetzt mit dem Ruf nach einer „doppelten Widerspruchslösung“ vorprescht: Grünes Licht soll es geben, wenn kein Nein des Spenders registriert ist und auch die Angehörigen keine Widerworte haben. Bisher wurde eine solche Lage als Unklarheit gedeutet, die letztlich keine Organentnahme zuließ. Die Umdeutung dieser Unklarheit in ein Ja zur Transplantation wäre ein großer Schritt. Er sollte nur gegangen werden, wenn zuvor alle anderen Möglichkeiten, die Zahl der Transplantationen zu erhöhen, ausgereizt sind. So weit aber sind wir in Deutschland noch nicht.

Auch wenn die Widerspruchslösung in vielen anderen Ländern längst Realität ist: Es gibt jede Menge Einwände gegen sie. Kritiker argumentieren, dass der Staat erstens auch die freie Entscheidung eines freien Bürgers achten sollte, sich nicht festzulegen. Und dass es zweitens auch noch eine Würde des Menschen nach dem schon eingetretenen Hirntod gebe. Vielleicht ließe sich ein Anreiz schaffen, indem man jene, die sich ihrerseits in jungen Jahren zur Organspende bereit erklärt haben, bevorzugt, wenn sie ihrerseits eines Tages eine Transplantation brauchen.

Jedenfalls sollte die Politik sich um Lösungen bemühen, bei denen eine Organspende eine Spende bleibt. So wird man am ehesten dem Grundgesetz gerecht, dessen erste Artikel von der Menschenwürde und der Freiheit des Einzelnen handeln. Auch in Verfahrensfragen und im Stil der Debatte sollte der Bundestag vorsichtig sein: Schnellverfahren im Parlament verbieten sich. Wie soll man umgehen mit Menschen, deren Hirn aufgehört hat zu funktionieren, deren übriger Organismus aber theoretisch noch lange weiterleben könnte? In dieser Debatte spürt jeder einzelne Abgeordnete, wie allein er plötzlich ist mit sich, seinen ethischen Auffassungen, mit seinem Gewissen. Darf das Parlament dann so tun, als gebe es für die gesamte Gesellschaft eine im Grunde ganz einfache Lösung?

Von Rasmus Buchsteiner/RND