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„Ich bin von einem einzigen Gefühl erfüllt - von dem Gefühl der Dankbarkeit“: Angela Merkel auf dem CDU-Bundesparteitag.

Als Angela Merkel plötzlich wie Helmut Kohl klingt

In ihrer Abschiedsrede verzichtet die scheidende CDU-Vorsitzende auf Selbstlob. Und doch streicht Angela Merkel ihre Erfolge auf subtile Weise heraus. Eine Sorge treibt die Kanzlerin jedoch um.

Angela Merkel hat auf dem CDU-Bundesparteitag in Hamburg ihre letzte Rede im Amt der Parteichefin gehalten – es war buchstäblich eine historische Rede. Denn Merkel hat einen weiten geschichtlichen Bogen gespannt: vom Anfang ihrer Zeit als Parteichefin im Jahr 2000 bis heute, zum Ende dieser Ära. Als blätterte sie in einem Familienalbum, hob Merkel einzelne Momente hervor. Doch der Kanzlerin ging es dabei nicht in erster Linie darum, die Fülle ihrer Erfolge und Errungenschaften herauszustreichen. Selbstlob entsprach nie ihrem Stil. Etwas anderes lag Merkel mehr am Herzen: die Lage, in der sich die Union heute befindet, einigermaßen objektiv einzuordnen.

Seit den großen Stimmenverlusten der CDU bei der Bundestagswahl 2017 und bei den Landtagswahlen in diesem Jahr ist oft zu hören, die Partei durchlebe eine große Krise. Doch Merkel widerspricht diesem Eindruck auf subtile Weise. Ja, die Zeiten heute seien fordernd, sagt sie. Damals aber, als sie mitten in der CDU-Spendenaffäre die Führung der Partei übernahm, habe diese „politisch, moralisch und finanziell vor dem Aus“ gestanden. Soll heißen: Die Partei hat ganz andere, tiefere Krisen durchlitten. Es ist Merkels Konter auf die Anwürfe, erst sie und ihre Flüchtlingspolitik hätten die CDU in die Misere geführt.

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Merkel ist mit sich im Reinen

Merkel widerspricht zudem den Eindruck, sie und ihre Partei hätten sich über die Jahre voneinander entfremdet. Ja, so die Kanzlerin, man habe einander viel zugemutet. Merkel kommt auf die Aussetzung der Wehrpflicht zu sprechen. „Der Schritt war richtig, auch wenn er manchem schwer gefallen ist“, sagt sie. Da fällt, wie um die These von der Entfremdung zu belegen, der Applaus im Saal spärlich aus. Merkel merkt das wohl. Sie sagt: „Das Klatschen ist schmaler als die Mehrheit damals war, als es entschieden wurde.“ Es ist ihr Appell, die Dinge im Rückblick nicht zu verdrehen.

Die scheidende CDU-Chefin ist zweifellos mit sich im Reinen. Ein Hadern mit ihren Entscheidungen, gar Selbstkritik lässt sie in ihrer Rede nicht anklingen. Als Beweis dafür, dass ihr Kurs der richtige gewesen sei, führt sie die Erfolge anderer an: „Ich sage nur: Saarland. Über 40 Prozent.“ Das Lager der Vorsitz-Kandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer im Saal jubelt. „Ich sage nur Schleswig-Holstein: Die Staatskanzlei zurückerobert mit Daniel Günther.“ Die Nordlichter jubeln. „Und ich sage nur: Nordrhein-Westfalen“, dort habe die CDU mit Armin Laschet Rot-Grün abgelöst, so Merkel. Jubel, was sonst. Dass Kramp-Karrenbauer, Günther und Laschet wie Merkel selbst dem liberalen Lager der Partei angehören, muss sie an dieser Stelle nicht extra erwähnen. Jeder im Saal weiß das.

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Die Kanzlerin mahnt die CDU zur Menschlichkeit

Mit Blick auf die Zukunft ihrer Partei treibt Merkel offenbar die Sorge vor einem Rechtsruck um. Eindringlich wie selten ermahnt sie zum Ende ihrer Rede die Delegierten zur Einhaltung grundlegender Werte, zu Menschlichkeit. „Wir Christdemokraten grenzen uns ab, aber niemals aus. Wir streiten, aber niemals hetzen wir oder machen andere nieder“, sagt sie. Offenbar empfindet es die scheidende Vorsitzende als Notwendigkeit, ihre Partei an das C in deren Namen zu erinnern. „Wir machen keine Unterschiede bei der Würde der Menschen. Wir spielen niemanden gegen den anderen aus“, mahnt sie. Und gibt noch einen Tipp für ihre Nachfolger: „Wir verlieren uns nicht in Selbstbespiegelung – Christdemokraten dienen den Menschen dieses Landes.“ Ihre reiche internationale Erfahrung hat die Kanzlerin gelehrt, wie verheerend große Egos an der Spitze von Staaten sein können. Ein solches Schicksal würde sie ihrem Land gern ersparen.

Ganz am Ende ihrer Rede erinnert Merkel, absichtlich oder nicht, an ihren politischen Ziehvater, an Helmut Kohl. Zum Ende seiner Amtszeit hatte dieser stets von der Dankbarkeit gesprochen, mit der er auf sein Werk zurückgeblickt habe. „Ich bin von einem einzigen Gefühl erfüllt – von dem Gefühl der Dankbarkeit“, sagt nun auch Merkel. Der fast zehnminütige Applaus im Saal lässt darauf schließen, dass ihre Partei ähnlich empfindet.

 

Von Marina Kormbaki/RND