Aktuell
Home | Nachrichten | Politik | „Da muss sich an den Hochschulen dringend etwas ändern“
Ein Semester im Ausland studieren? Diesen Aufwand sparen sich leider sehr oft auch angehende Fremdsprachenlehrer.

„Da muss sich an den Hochschulen dringend etwas ändern“

Sie sollen Jugendlichen später Englisch, Französisch oder Spanisch beibringen, waren aber oft selbst nicht einmal ein paar Monate lang in diesen Ländern: Jeder dritte angehende Lehrer der genannten Fächer absolviert kein Auslandssemester. Die Präsidenten des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, Margret Wintermantel, erklärt, was jetzt getan werden muss.

Frau Wintermantel, jeder dritte junge Englisch-, Französisch- und Spanischlehrer hat während des Studiums kein Auslandssemester oder -praktikum gemacht. Woran liegt das?

Wir brauchen vor allem mehr Partnerschaften mit ausländischen Universitäten. Viele Hochschulen tun sich immer noch schwer, den Lehramtsstudierenden entsprechende Angebote zu machen. Hinzu kommt: Die Auslandsaufenthalte sind im Curriculum meist nicht vorgesehen, die Studienprogramme lassen den Studenten auch praktisch kaum Raum dafür. Schlimmer noch: Wenn sie ins Ausland gehen, haben sie hinterher oft Schwierigkeiten, sich ihre Studienleistungen anerkennen zu lassen. Da muss sich an den Hochschulen dringend etwas ändern.

Ist ein Fremdsprachenlehrer ohne Auslandserfahrung ein schlechterer Lehrer?

Gerade für Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer ist es problematisch, wenn sie nie in dem Land gelebt haben, dessen Sprache sie unterrichten. Wie glaubwürdig können sie im Klassenraum für ihre Schüler sein, wenn sie den Alltag in dem anderen Land nur aus der Literatur kennen? Es ist für den Unterricht extrem wichtig, Erfahrungen auch mit verschiedenen Sprachvarietäten gemacht zu haben. Wer Englisch, Französisch oder Spanisch unterrichtet, sollte wissen, wie ein Taxifahrer, aber auch wie ein Lehrer oder eine Universitätsprofessorin im jeweiligen Land spricht.

Welche praktischen Probleme gibt es, wenn die Lehrer nicht auch im Ausland studiert haben?

Es fehlt ihnen an authentischen Eindrücken vom Land. Wie bewegt man sich im Alltag, welche Situationen gibt es, in denen sprachlich adäquat gehandelt werden sollte? Ich wünsche mir von den angehenden Lehrern: Lernt die Sprache so, dass ihr sie auch in verschiedensten Zusammenhängen vermitteln könnt!

Ist die Hürde, im Studium ins Ausland zu gehen, für Lehramtsstudenten aus Nicht-Akademikerfamilien besonders hoch?

Das ist ein schwieriges Thema. Für Studierende aus Akademikerfamilien ist es eher selbstverständlich, für einen Studienaufenthalt ins Ausland zu gehen. Einfach, weil die Eltern sagen: Mach das mal, das ist gut für dein weiteres Leben. Wer aber aus anderen Verhältnissen kommt und vielleicht auch nicht so viel Geld zur Verfügung hat, das zeigt die Statistik, zögert offenbar eher, ins Ausland zu gehen. Die Mobilität bei Lehramtsstudenten ist generell nicht groß genug, besonders auch bei einer Gruppe, die in dieser Diskussion zu selten vorkommt.

Welche Gruppe meinen Sie?

Es geht um die Grundschullehrerinnen und -lehrer, die wenig Neigung haben, außerhalb Deutschlands zu studieren. Daran muss sich dringend etwas ändern, nicht zuletzt, weil sie vielfach in Klassen unterrichten, in denen Schüler mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen sitzen. Mit internationaler Erfahrung entwickeln sie eine höhere Sensibilität für den Unterricht mit einer vielfältigen Schülerschaft.

Was kann die Politik tun, um den Weg ins Ausland leichter zu machen?

Wir brauchen Modellprojekte, in denen sich Hochschulen in der Lehramtsausbildung aktiv um Kooperationen mit Hochschulen im Ausland bemühen. Gerade auch Auslandspraktika sollten dazugehören. Hierfür braucht es gezielte Beratung der Institutionen und der Lehramtsstudierenden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hat gerade ein umfassendes Programm entwickelt und dem Bundesbildungsministerium zur Entscheidung vorgelegt.

Was halten Sie von einer Pflichtlösung, also davon, bei angehenden Lehrern in Fremdsprachenfächern einen längeren Auslandsaufenthalt zur Voraussetzung zu machen?

Eine solche Pflicht ist nicht nötig. Politik und Hochschulen müssen den Weg ins Ausland einfacher und attraktiver machen. Dann werden die Studierenden ihn auch gehen.

Wie überzeugen Sie einen angehenden Fremdsprachenlehrer, der unsicher ist, ob er sich den Stress mit dem Auslandssemester wirklich antut?

Ich möchte ihm sagen, dass ein Auslandssemester grundlegend für seine Kompetenz als Lehrer ist. Und natürlich, dass es auch einen Riesenspaß macht und ein Gewinn nicht nur für die weitere berufliche Tätigkeit ist.

Bleibt Großbritannien auch nach dem Brexit ein wichtiges Land für Auslandssemester deutscher Studenten? Und: Wie wirkt sich die Regentschaft von US-Präsident Donald Trump auf den Wunsch deutscher Studenten aus, in den USA eine Hochschule zu besuchen?

Wir müssen alles dafür tun, dass die Türen der britischen Hochschulen für deutsche Studenten offen bleiben – natürlich ohne dass das Studium dort für sie zu teuer wird. Alles andere wäre ein herber Rückschlag. Was das Studium in den USA betrifft: Das Interesse der deutschen Studierenden an einem Studium dort hat in der Tat abgenommen – was ich bedauerlich finde. Die USA sind ein spannendes, vielfältiges Land – mit zahlreichen herausragenden Universitäten.

Von Tobias Peter/RND