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Theresa May ist daran gescheitert, dass aus einer irrationalen Entscheidung keine rationale Politik erwachsen kann.

Brexit-Votum: Kontrollverlust in London

Nach ihrer Niederlage im britischen Unterhaus taumelt Premierministerin Theresa May. Großbritannien steuert in eine ungewisse Zukunft – und die EU kann nichts anderes tun, als dieses Psychodrama mit einer Mischung aus Entsetzen und Überdruss noch eine ganze Weile zu ertragen, kommentiert Marina Kormbaki.

Lasst uns die Kontrolle zurückerlangen – „take back control“: Diesen Leitspruch der Brexit-Befürworter übernahm Theresa May, als sie sich nach dem Austrittsvotum der Briten daran machte, ihr Land aus der EU zu führen. Zweieinhalb Jahre sind seitdem vergangen, und nach dem Dienstagabend steht fest: May hat keinerlei Kontrolle über den Brexit. Die entwürdigend hohe Zahl von 432 Gegenstimmen für den von der Premierministerin mit der EU ausgehandelten Deal ist Ausdruck einer krassen Machterosion. May taumelt.

Großbritannien irrlichtert in eine ungewisse Zukunft. Und die EU kann nichts anderes tun, als dieses Psychodrama mit einer Mischung aus Entsetzen und Überdruss noch eine ganze Weile zu ertragen.

Man kann Theresa May wahrlich nicht mangelnden Einsatz vorwerfen. Die Premierministerin hat in Brüssel couragiert verhandelt und zu Hause in der ihr eigenen, mantraartigen Art für den Brexit-Deal geworben. Ganz bestimmt ist das kein perfekter Deal – weder aus Londoner noch aus EU-Sicht. Das Abkommen hätte beiden Seiten allerdings Zeit verschafft, um die künftige Beziehung zwischen dem Königreich und der EU ordentlich zu regeln. Doch um den Vertragstext schien es den Abgeordneten längst nicht mehr zu gehen. Jedenfalls argumentierten sowohl Tories als auch Labour-Abgeordnete auffallend selten unter Verweis auf darin festgehaltene Vereinbarungen. Zweifel daran, dass alle verantwortlichen Politiker den Text gelesen haben, sind durchaus angebracht.

Großbritannien gibt jämmerliches Bild ab

Ob, wann und wie Großbritannien aus der EU austritt, ist nach der deutlichen Ablehnung des EU-Austrittsvertrages so unklar wie zuvor. Einmal mehr haben es die britischen Abgeordneten in der zeitweise tumultartigen Debatte am Dienstagabend unterlassen zu benennen, was sie wollen und wofür sie eigentlich sind. Hauptsache: dagegen.

Doch die Zerrbilder vom ach so böswilligen Moloch namens EU können schon lange nicht mehr von der beklemmenden Ideenlosigkeit der britischen Politik ablenken. Das einst so stolze Weltreich gibt inzwischen ein jämmerliches Bild ab.

Die jetzige Krise Großbritanniens liegt in der weiten Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit begründet: Eine Mehrheit der Briten traf im Sommer 2016 – von Lug und Trug verleitet – eine Entscheidung, mit deren Folgen nun niemand leben mag. Der Brexit lässt, so viel steht inzwischen fest, eben nicht die alten, vermeintlich goldenen Zeiten wiederauferstehen. Er tut weh – und zwar vor allem jenen Armen, die sich von ihm ein besseres Leben erhofften. May ist daran gescheitert, dass aus einer irrationalen Entscheidung nun einmal keine rationale Politik erwachsen kann.

Statt sich jetzt hinter Scheindebatten über Misstrauensvoten, Fristverlängerungen oder ein zweites Referendum zu verstecken, müssen jene britische Volksvertreter, die über Anstand und Verantwortungsgefühl verfügen, ihren Bürgern die Wahrheit sagen: Der glorreiche Brexit ist eine Illusion.

Von Marina Kormbaki/RND