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Gratis-Essen für Beamte: Ein Staatsdiener nimmt das Angebot von Starkoch Jose Andrés dankbar an.

Ziviler Ungehorsam? Trotz „Nahrungs-Notstand“ nicht in Sicht

Der einmonatige Shutdown in den USA befördert die private Hilfsbereitschaft – Staatsdiener sind plötzlich auf Spenden angewiesen. Aber eine breite Protestbewegung ist nicht in Sicht.

Am vergangenen Mittwoch, dem ersten Tag, kamen 4400. Tags darauf waren es 5558. Am Freitag wurden 6488 gezählt. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Jeden Mittag windet sich eine endlose Schlange um die benachbarten Gebäude. Die Menschen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind und eine Suppe, ein Sandwich und eine Gemüse-Bowl als kostenloses Mittagessen erhalten.

Die Bilder könnten aus einem Krisengebiet nach einer Naturkatastrophe stammen. Doch die Szene spielt am Navy Memorial im Herzen von Washington, keine 15 Minuten Fußmarsch vom Weißen Haus entfernt. Dort hat der Starkoch José Andrés eine kostenlose Suppenküche für Beamte eröffnet. Wegen des Haushaltsstreits erhalten rund 800.000 Staatsdiener seit inzwischen einem Monat kein Gehalt, das sonst alle zwei Wochen ausgezahlt wird.

Weil Kreditraten, Mieten und Krankenversicherung trotzdem fällig werden, wird immer öfter das Geld auch für das Essen knapp. „Wir haben einen nationalen Nahrungs-Notstand“, sagt Andrés in bewusster Anspielung auf den vermeintlichen Notstand, den Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko festgestellt haben will.

Die Amerikaner reagieren mit Selbsthilfe

Der Shutdown hat längst alle Negativ-Rekorde geschlagen. Angesichts der verhärteten Fronten zwischen Trump und dem Kongress könnte das noch lange so weitergehen. Die Amerikaner reagieren auf die bizarre Notlage auf typisch amerikanische Weise – mit Selbsthilfe. Überall gibt es Rabatte oder Sonderkonditionen für zwangsbeurlaubte Staatsdiener, überall wird gesammelt, um die Bedürftigen unter den Freigestellten zu unterstützen.

Die bislang originellste Idee hatte der Late-Night-Talker Stephen Colbert, der in seiner Sendung eine Shutdown-Tasse vorstellte. „Sprich mich nicht an, bevor ich mein Gehalt habe“, steht auf dem Becher, der für 14,99 Dollar über das Internet vertrieben wird und heiß begehrt ist. Der Erlös soll komplett an die World Central Kitchen von Andrés überwiesen werden.

Vor ein paar Tagen schon hat ein Privatmann aus Seattle bei der Online-Plattform Gofundme eine Sammelaktion für die Suppenküche gestartet. Mehr als 60.000 Dollar sind bislang zusammengekommen. Am Wochenende nun fühlte sich der Chef von Gofundme, Rob Solomon, zu einem ungewöhnlichen Schritt bemüßigt. „Wir können uns hilflos angesichts der wachsenden Tragödie fühlen, oder wir können handeln“, erklärte er. Zusammen mit dem Bestseller-Autor Deepak Chobra spendete er 20.000 Dollar und startete selbst eine Sammelaktion zugunsten privater Hilfsorganisationen für notleidende Beamte. Am ersten Tag schickten mehr als 1000 Menschen rund 93.000 Dollar.

Es fehlt der mächtige Protest gegen den Shutdown

Bei einer Aktion in der Schlafstadt Camp Springs vor den Toren Washingtons wurden nach US-Medienberichten innerhalb einer Stunde 600 kostenlose Nahrungsmittelspenden verteilt. In der Gegend wohnen besonders viele Staatsdiener mit niedrigen und mittleren Einkommen. Bislang war keiner der 430 Schüler der Allenwood Elementary School auf die Kostenbefreiung beim Mittagessen angewiesen. Inzwischen können 41 Schüler die Mahlzeit nicht mehr bezahlen. Für solche Fälle hat die Schulverwaltung des Kreises in den letzten Tagen 30.000 Dollar gesammelt.

Mindestens so bemerkenswert wie die allgemeine Hilfsbereitschaft ist freilich das Fehlen eines mächtigen Protestes gegen den Shutdown. In der vergangenen Woche gab es eine kleinere Gewerkschafts-Demonstration, und beim Flughafen-Sicherheitspersonal ist der Krankenstand auf Rekordniveau geklettert. Doch sonst herrscht weitestgehend Ruhe.

Graswurzelbewegung gegen Trump hat nur wenig Einfluss

„In Europa würden die Leute auf die Straßen strömen“, schreibt David Leonhardt, ein Kolumnist der „New York Times“, am Montag und regt einen landesweiten eintägigen Streik der Staatsbediensteten an. So etwas wäre illegal, räumt Leonhardt ein.

Doch die moderne Arbeiterbewegung habe mit zivilem Ungehorsam begonnen. Davon ist in den USA nichts zu spüren. Leonhardt zieht daher ein deprimierendes Fazit: Die Graswurzelbewegung gegen Trump habe zwar die Mehrheiten im Kongress verändert. Aber um das Ausfransen der Demokratie und eine destruktive Regierung wirkungsvoll zu bekämpfen, sei der Widerstand in Amerika immer noch „zu klein und zu schwach“.

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Von Karl Doemens/RND