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Peter Ruhenstroth-Bauer: Seit 2015 sind die öffentliche Diskussion und die Medienberichterstattung emotionaler und weniger faktenorientiert.

„Grenzen und Zäune werden uns nicht weiterbringen“

Der Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe, Peter Ruhenstroth-Bauer, sieht die Willkommenskultur in Deutschland keineswegs am Ende. In Bezug auf die Flüchtlingspolitik beobachtet er in Europa jedoch zwei Lager. Diese hätten völlig unterschiedlich empfundenen Realitäten, sagt er im Interview.

Herr Ruhenstroth-Bauer, die Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge nimmt laut dem jetzt veröffentlichten Migrationsbericht deutlich ab. Ist das aus Ihrer Sicht ein gutes Zeichen? Und was bedeutet es für die Flüchtlinge, die es nicht zu uns schaffen?

Die Zahlen zeigen mir vor allem, dass die Auswirkungen der Flüchtlingsbewegungen ihren Schwerpunkt nicht in Deutschland haben, sondern in Bangladesch, Uganda, Pakistan oder im Libanon. 85 Prozent der Flüchtlinge leben in diesen sogenannten Entwicklungsländern. Wir müssen diese Länder und vor allem die Flüchtlinge unterstützen. Und die Zahlen zeigen, dass Flucht, Vertreibung und Integration weiterhin wichtige Themen sind, die wir nur gemeinsam anpacken können.

Von der deutschen Willkommenskultur scheint nicht mehr viel übrig. Oder täuscht dieser Eindruck?

Aus meiner Sicht täuscht dieser Eindruck. Seit 2015 sind die öffentliche Diskussion und die Medienberichterstattung emotionaler und weniger faktenorientiert. Und trotzdem ist das Engagement für Flüchtlinge bei uns weiterhin sehr hoch. Als UNO-Flüchtlingshilfe unterstützten wir rund 80 Projekte für Geflüchtete in Deutschland. Alle Projekte sind nur möglich, weil es viele Menschen gibt, die sich immer noch sehr engagieren und das Feld nicht den Hetzern überlassen wollen.

In ganz Europa machen die Regierungen die Schotten dicht. Ist das angesichts der innenpolitischen Aufwallungen, die das Flüchtlingsthema überall auslöst, nicht auch verständlich?

Grenzen und Zäune werden uns nicht weiterbringen. Die einen sehen nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen. Andere verbinden mit Zuwanderung hauptsächlich Risiken. Das Ergebnis ist eine gespaltene Gesellschaft mit zwei völlig unterschiedlich empfundenen Realitäten. Wir müssen Brücken bauen zwischen gefühlter Wirklichkeit und den Fakten. Über 2200 Tote im Mittelmeer sprechen für sich.

Die Bundeswehr setzt jetzt auch ihre Beteiligung an der Seenotrettungsmission Sophia aus – nicht zuletzt, weil Italien keine Flüchtlinge mehr aufnimmt. Können Sie das nachvollziehen?

Es ist nicht die Rolle der UNO-Flüchtlingshilfe, diese Entscheidung der Bundesregierung zu bewerten. Aber sicher ist: Europa darf dem täglichen Sterben im Mittelmeer nicht tatenlos zusehen.

Was bedeutet der überall wachsende Nationalismus für Ihre Arbeit?

Die weltweiten Krisen sind komplex, politische Lösungen kaum in Sicht. Nationalismus ist für diese Herausforderung die falsche Antwort, es geht nur über internationale Zusammenarbeit.

Und was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Ich würde das gern erweitern auf die ganze Zivilgesellschaft: Jeder von uns kann etwas tun, sei es mit einer Spende, sei es mit ehrenamtlichen Engagement: Wir brauchen eine starke Stimme für Geflüchtete und gegen Fremdenfeindlichkeit!

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Von Markus Decker/RND