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Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD)

Vom Shooting-Star zum politischen Sorgenkind

Die Dissertation von über Europapolitik soll in Teilen Plagiate enthalten. Der Verdacht gegen die Politikerin kratzt an ihrem bislang untadeligen Ruf. Sie weiß: Ihre Lage ist ernst.

Seit dem Start ihrer politischen Karriere vor 17 Jahren ist Franziska Giffey vor allem für eines bekannt: Offensive. Mut, Ideen und Durchsetzungsvermögen haben die aus Brandenburg stammende Sozialdemokratin vor fast einem Jahr ins Amt der Bundesfamilienministerin getragen. Sie ist der Shooting-Star der SPD, der 40-Jährigen wird noch viel zugetraut innerhalb, aber auch außerhalb ihrer Partei.

Die von Plagiatsjägern der Plattform „VroniPlag Wiki“ erhobenen Vorwürfe gegen ihre Dissertation an der FU Berlin zum Thema „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ machen aus dem bisherigen Shooting-Star Dr. rer. pol. Giffey plötzlich ein politisches Sorgenkind.

Bislang ist es nur ein Verdacht, dass es die Ministerin vor neun Jahren beim Schreiben ihrer Doktorarbeit nicht so genau nahm mit Quellenverweisen und Übernahmen aus anderen Texten. Und neu ist er auch nicht. Giffey bat die Universität dennoch um Überprüfung – dies war allerdings schon ein defensiver Akt.

Schwarmintelligenz prüft akademische Arbeiten

Die Ministerin weiß: Sie ist in höchster Not. Die Plattform ist keine Ansammlung von Spinnern. Sie ist seit 2011 das Hobby von Wissenschaftlern aus ganz Deutschland, die detektivisch die Spreu vom Weizen bei akademischen Arbeiten trennen wollen. Gut 200 wurden seitdem von der Schwarmintelligenz nach Verdacht geprüft, in mehr als 70 Fällen wurde den Geprüften später der Titel durch die Universität entzogen. Eine hohe Trefferquote. Und die Freie Universität gilt hier als besonders streng.

Prominente Vorgänger gibt es. Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) verlor im Februar 2011 wegen nachgewiesener Plagiate seine Doktorwürde und gab einen Monat später seine politischen Ämter auf. Auch FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin musste 2011 ihren Doktortitel aufgeben und zog sich aus der Politik zurück. Als Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) 2013 Täuschungen nachgewiesen wurden, verlor sie ihren Doktortitel und trat als Ministerin zurück. Sie arbeitete bis Juni 2018 als deutsche Botschafterin am Vatikan.

Lage von Giffey ist ernst

Giffeys Lage ist ernst. Was im Moment unter dem Kürzel „Dcl“ im Wiki dokumentiert ist: Auf 49 von 205 Seiten wurden Fundstellen als Plagiatsverdächtig gekennzeichnet, auf vier Seiten sollen mehr als 50 Prozent Plagiatstext stehen. Brisant sei, sagte der bei VroniPlag mitarbeitende Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann dem „Tagesspiegel“, dass Giffey Sekundärquellen verwendet, aber Primärquellen angegeben hätte. Das wäre die „gefährlichste Art des Plagiats“, weil am Ende nicht mehr erkennbar sei, wer Empfänger eines möglichen Widerspruchs ist.

FDP erwartet bei aberkanntem Titel sofortigen Rücktritt von Giffey

Die Ministerin muss nun abwarten. Sie hätte ihre Arbeit nach „bestem Wissen und Gewissen“ verfasst. Bis zur Klärung der Vorwürfe durch die FU Berlin werde sie sich nicht weiter äußern. In der Politik ist es noch ruhig, allein die Opposition bringt sich in Stellung. „Sollte die Freie Universität Berlin Franziska Giffey den Doktortitel aberkennen, erwarte ich ihren sofortigen Rücktritt aus dem Bundeskabinett“, sagte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Thomas Sattelberger, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wer sich mit wissenschaftlichen Weihen schmückt, dabei aber die guten Sitten seriöser Forschung übergeht, ist an der Spitze eines Bundesministeriums fehl am Platz.“

Von Thoralf Cleven/RND