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Sieht sich mit schweren Vorwürfen rund um die Dammbruch-Katastrophe in Brasilien konfrontiert: der TÜV SÜD.

Dammbruch-Katastrophe in Brasilien: TÜV überprüft sich selbst

Eine Schlammlawine, ausgelöst durch einen Dammbruch, riss in Brasilien im Januar mehr als 160 Menschen in den Tod. Der TÜV Süd erteilte dem Bauwerk zuvor notwendige Zertifikate – und kündigt jetzt Kontrollen am eigenen System an.

Das Münchner Unternehmen TÜV Süd hat nach dem verheerenden Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien eine Kontrolle im eigenen Haus angekündigt. Zusammen mit externen Experten werde man die „internen Prozesse“ und „mögliche Ursachen für den Dammbruch“ untersuchen, teilte das Unternehmen mit.

Bei der Katastrophe an der Mine Córrego do Feijão in der Nähe der Ortschaft Brumadinho war ein Damm in einem Rückhaltebecken gebrochen. Eine Schlammlawine hatte Teile der Anlage und benachbarte Siedlungen unter sich begraben und dabei mindestens 169 Menschen getötet, 141 weitere werden noch immer vermisst.

Der TÜV Süd hatte im Auftrag des Minenbetreibers Vale den Damm im vergangenen Jahr zuvor zweimal untersucht und dabei wohl die notwendigen Zertifikate ausgestellt.

TÜV-Mitarbeiter soll Bedenken geäußert haben

Allerdings soll zumindest ein Prüfer der brasilianischen Tochter von TÜV Süd schon frühzeitig Bedenken über die Sicherheit und Stabilität des Damms angemeldet haben. Das berichtet die brasiliansiche Zeitung „O Globo“ unter Berufung auf die Vernehmungsprotokolle.

Demnach habe sich der Ingenieur unter Druck gesetzt gefühlt, das Zertifikat zu unterschreiben. Offenbar befürchtete der Mann, TÜV Süd könnte Vale als Kunden verlieren, wenn das Unternehmen kein Sicherheitszertifikat ausstellte.

In seiner Mitteilung schreibt TÜV Süd, es sei „inakzeptabel, wenn Erklärungen entgegen besseren Wissens unterschrieben worden wären.“ Ein solches Verhalten würde gegen alle Regeln des Unternehmens sowie sein Selbstverständnis verstoßen.

Zudem äußerte das Unternehmen Zweifel an dem bestehenden brasilianischen Prüfsystem. Es bestünde eine „erhöhte Unsicherheit“ darüber, diese eine eine „zuverlässige Aussage über die Stabilität von Dämmen liefern“ könne. Bis auf Weiteres will der TÜV deswegen keine weiteren Berichte für Vale ausstellen.

Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen Vale und TÜV

Der TÜV regiert damit auch auf schwere Vorwürfe der Staatsanwaltschaft des Bundesstaats Minas Gerais. „Wir haben Beweise gefunden, die sehr überzeugend belegen, dass es sich nicht um einen Unfall handelte“, sagte Ermittler William Garcia Pinto Coelho.

„Die Mitarbeiter von Vale und TÜV Süd hatten Zugang zu Informationen, die den kritischen Zustand des Damms belegen. Sie haben das Risiko eines Bruchs und damit den Tod von Hunderten von Menschen in Kauf genommen.“

Am Montag vernahm die Staatsanwaltschaft mehrere festgenommene Mitarbeiter des Bergbaukonzerns Vale. Bereits in den vergangenen Wochen waren Mitarbeiter festgenommen worden – darunter waren auch zwei TÜV-Prüfer, die mittlerweile aber wieder auf freiem Fuß sind.

Vale-Chef Fabio Schvartsman sprach derweil weiterhin von einem Unfall. „Vale ist ein brasilianisches Juwel, das nicht für einen Unfall verurteilt werden sollte“, sagte er zuletzt bei einer Anhörung im Kongress. Der Bergbaukonzern zahlte bereits Geld an die Familien der Opfer und versprach, die Ermittler bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Von RND/Ansgar Nehls mit dpa