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Die Große Koalition prüft derzeit eine Masern-Impfpflicht für Kinder.

Experten warnen: Masern-Impfpflicht könnte kontraproduktiv sein

In der Debatte über eine verpflichtende Masern-Impfung für Kinder haben sich die Grünen gegen solche Zwangsmaßnahmen ausgesprochen. Auch Experten warnen, dass eine Impfpflicht kontraproduktiv sein könne.

Die Grünen lehnen angesichts der neuen Masernfälle eine Impfpflicht für Kinder ab. Statt auf Zwang und Sanktionen müsse man das Vertrauen in eine gute Beratung stärken und auf herrschende Verunsicherungen eingehen, sagte die Grünen-Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Dazu brauchen wir eine Aufwertung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und bessere personelle Ausstattung.“

Schulz-Asche betonte, Impfen sei zwar ein „Akt gesellschaftlicher Solidarität“: „Je mehr Menschen geimpft sind, desto größer ist der Schutz für die Bevölkerung, auch gerade für diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können“, sagte sie dem RND. Experten wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hätten jedoch gewarnt, dass die Einführung einer Impfpflicht zur Eindämmung von Masern-Ausbrüchen sogar kontraproduktiv sein könne. Wieler hatte argumentiert, Zwangsmaßnahmen könnten das Vertrauen in die Vorteile von Impfungen untergraben.

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Angesichts aktueller Häufungen von Masern-Fällen in mehreren Regionen Deutschlands hatte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach erklärt, er bespreche derzeit mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Impfpflicht für Kinder und sei „zuversichtlich, dass wir demnächst einen entsprechenden Vorschlag vorlegen können“. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums hatte der Deutschen Presse-Agentur bestätigt, man sei besorgt über die steigende Zahl der Masern-Infektionen in Deutschland, die zu viele Menschen „auf die leichte Schulter“ nähmen.

Jugendmediziner fordern Pflicht-Impfung

Jüngst hatte unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) wegen der Häufungen von Krankheitsfällen – etwa in Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen – eine Impfpflicht gefordert. Masernerkrankungen seien extrem ansteckend und potenziell tödlich, erklärte die Medizingesellschaft. Infolge einer Masernerkrankung könne es teils erst Jahre später zu einer Gehirnentzündung kommen, für die es keine Behandlung gebe und an der betroffene Patienten sterben.

Auch FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte dem RND, die Freidemokraten wollten eine Impfpflicht für Kinder bis 14 Jahre. Spahn müsse den Zugang zu Impfungen erleichtern. Sie könnten etwa in Schulen und Kitas angeboten werden. Der heutige Gesundheitsminister hatte sich in der vorigen Legislatur, damals noch als gesundheitspolitischer Sprecher von CDU/CSU, für eine Impfpflicht ausgesprochen.

Masern sollten schon ausgerottet sein

Internationale Organisationen warnen derzeit ebenfalls massiv vor einer alarmierenden Zunahme von Masernfällen: Weltweit hätten im vergangenen Jahr 98 Länder ein stärkeres Auftreten der Virusinfektion registriert als im Vorjahr, heißt es in einem aktuellen Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Dadurch würden in der Vergangenheit erzielte Fortschritte gegen diese oft todbringende Krankheit zunichte gemacht.

Eigentlich sollten die Masern bis 2015 ausgerottet sein, dazu hatte sich die Bundesregierung 2011 vor der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet. Danach dürfte es in ganz Deutschland pro Jahr nicht mehr als 80 Fälle geben.

Von RND/Steven Geyer