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Prof. Dr. Sir Anton Muscatelli.

„Es ist die Unsicherheit, die zu Verunsicherung führt“

Inwiefern ist der nahende Brexit im Campusleben spürbar?
Prof. Dr. Sir Anton Muscatelli: Es ist schon komisch: In gewisser Hinsicht beeinflusst er das Campusleben gar nicht. Natürlich stellt der Brexit einen Einschnitt für unsere Beziehungen nach Europa dar, und einige meiner Kollegen und Studenten aus EU-Ländern machen sich große Sorgen – es ist die derzeitige Unsicherheit, die Sorgen bereitet. Aber ins Alltagsleben wirken die sich nicht aus, denn der Brexit ist ja noch nicht eingetreten.
Unsere größten Fragen sind indes: Werden wir in Zukunft noch attraktiv für Studenten und Lehrende vom Kontinent sein? An der Universität Glasgow sind 21 Prozent der Wissenschaftler aus EU-Ländern außerhalb Großbritanniens, und als eine der führenden Universitäten weltweit sehen wir es als unsere Aufgabe, weiterhin talentierte Studenten und Forscher anzuziehen.

Können Sie bereits den Wegzug von Wissenschaftlern beobachten?
Das ist schwer einzuschätzen. Als Vorsitzender der „Russell Group“, einem Verbund von Britischen Universitäten, habe ich beobachtet, dass es im vergangenen Jahr neun Prozent weniger Bewerbungen für Promotionsstudiengänge gab als im Vorjahr. Das ist kein besonders gutes Signal. Allerdings können wir keine wirklichen Abwanderungs-Bewegungen feststellen, ich glaube, zwei oder drei haben die Universität Glasgow verlassen und sind in ihre europäischen Heimatländer zurückgezogen, das muss aber nicht unbedingt am Brexit liegen, denn Leute kommen und gehen die ganze Zeit.
Aber ich unterschätze nicht das Risiko, das der Brexit dahingehend birgt – es wird viel von der Migrationspolitik des Vereinigten Königreiches nach dem Brexit abhängen. Ich hoffe, dass wir die Freizügigkeit in EU-Länder beibehalten können.

Empfinden denn die Wissenschaftler aus dem EU-Ausland an Ihrer Uni Sorge um ihre Zukunft in Glasgow?
Ich denke schon. Diejenigen, die fünf Jahre oder länger in der EU leben, sind entspannter als die, die erst seit Kurzem hier leben: Sie haben den sogenannten „Settled Status“ und damit unbegrenztes Aufenthaltsrecht. Die anderen fürchten den „harten Brexit“ – auch wenn die Politik ihre Rechte aufrechterhalten will. Auch die Sorge, dass diejenigen, die vor dem Brexit einwanderten mehr Rechte haben als die, die danach kamen, treibt die Leute um.
Und wieder ist es die Unsicherheit, die zu Verunsicherung führt. Das ist schädlich, für den akademischen Betrieb aber auch für die Wirtschaft.

Was sagen Sie zu den Leuten, die sich solche Sorgen machen?
Ich sage ihnen: Unsere Universität entwickelte sich in einer europäischen Tradition. Schon wenige Jahre nach unserer Gründung im 15. Jahrhundert hatten wir zahlreiche europäische Studenten – auch wenn dies völlig andere Zeiten waren. Und was auch immer die Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien bringen werden: Wir geben weiterhin unser bestes, attraktiv für ausländische Studenten zu bleiben und einen sicheren Rahmen für sie und unsere Wissenschaftler zu bieten.

Enorme Summen an Drittmitteln kommen von der EU, fürchten Sie finanzielle Einbußen?
Zurzeit kommen etwa 12 Prozent unserer Forschungsförderung von der EU. Das sind etwa 23 Millionen Pfund pro Jahr, also eine wichtige Geldquelle für uns. Wir erwarten, dass das Vereinigte Königreich weiterhin in internationale Förderprogramme einzahlt und auch davon profitieren kann. Auch die Schweiz, Israel und Norwegen und andere Nicht-EU-Länder sind in Programmen wie „Horizon 2020“ dabei. Wir würden das gerne ähnlich handhaben – wir zahlen weiterhin ein, als ein Land, und verbleiben im europäischen Forschungsraum.

Wie wird es mit der Vernetzung Ihrer Universität innerhalb Europas in einer Zeit nach dem Brexit weitergehen?
Es herrscht noch große Unsicherheit, denn wir wissen nicht, was nach dem Brexit passieren wird – wenn er passiert. Für den Fall, dass der Brexit eintritt, werden selbstverständlich Gespräche über Netzwerke zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich stattfinden. Aber wir wissen nicht, wie diese Gespräche laufen werden.
Das ist auch der Grund, weswegen wir hier mit der Leuphana zusammenarbeiten, um hier das „European Centre for Advanced Studies“ (ECAS) zu gründen: Wir wollen die Zusammenarbeit gewährleisten, ganz egal was passiert – und müssen dafür Strukturen aufbauen.

Sind Sie gerade auf Tour durch Europa, um weitere solche Kollaborationen zu etablieren?
Bis jetzt ist das ECAS die einzige Zentrum dieser Art, das wir in Europa gegründet haben. Allerdings haben wir in Europa noch weitere Netzwerke.

Ist die britische Demokratie mit ihrem sehr auf Konfrontation aus seienden „The winner takes it all“-Prinzip an ihre Grenzen gestoßen?
Unsere politischen Strukturen funktionieren nicht besonders gut in Situationen wie diesen. Beim Brexit geht es darum, uns aus sehr komplexen internationalen Verträgen wieder herauszuflechten. Es hätte niemals eine Volksabstimmung zu solch einem komplizierten Thema geben dürfen, ohne dabei zu wissen, was der Austritt aus der EU wirklich bedeutet. Ich glaube, es ist aber kein spezifisches Problem des Vereinigten Königreiches. Wenn irgendein anderes Land denselben Schritt gewählt hätte, wäre wohl das gleiche passiert.
Die Strukturen der EU sind in den vergangenen 40 Jahren nach und nach entstanden, sich da mithilfe eines Referendums wieder herauszulösen, ist sehr schwierig – es gibt keine einfache Antwort auf die Brexit-Frage, und die Politik hat versagt, Lösungen dafür zu erarbeiten.

Was wären denn Ihre Lösungsvorschläge?
Eine Lösung wäre eine weichere Form des Brexits: Wir verbleiben im Binnenmarkt, im Wirtschaftsraum, in der Zollunion und behalten die Freizügigkeit bei – so, wie es schon in anderen EU-Ländern läuft. Allerdings würden wir damit viele unserer Mitspracherechte in der EU aufgeben. Vieles, was sich die Brexit-Befürtworter gewünscht haben, entspricht einfach nicht der Realität in der Wirtschaft. Ich glaube, viele haben zwar für den Brexit gestimmt, aber ganz gewiss nicht dafür, arm zu werden. Und Politiker haben eigentlich den Auftrag, Schaden vom Volk abzuwenden.
Insofern lautet meine zweite Lösung: In der EU zu bleiben und den Brexit rückgängig zu machen. Ich persönlich finde, dass wir niemals für den Brexit hätten stimmen sollen.

Ist für Schotten das Thema Abspaltung von GB wieder auf der Tagesordnung gelandet?
Es wird auf jeden Fall immer häufiger diskutiert, und ich denke, je chaotischer der Brexit-Deal sein wird, desto lauter werden die Stimmen der Abspaltungs-Befürworter. 62 Prozent der Schotten haben beim Referendum 2016 gegen den Brexit gestimmt, mittlerweile dürften das deutlich mehr sein. Aber es ist nach wie vor ein umstrittenes Thema, mit Fürsprechern auf beiden Seiten.

Glauben Sie, das Vereinigte Königreich bräuchte jetzt eine starke Führungspersönlichkeit, einen zweiten Churchill?
Das Referendum fiel in eine Zeit, in der wir eine schwache Regierung ohne Mehrheit im Parlament hatten. Allerdings haben wir das Problem, dass auch die Opposition keine klare Linie fährt: Die großen Parteien sind in der Brexit-Frage auch parteiintern zerstritten. Es geht weniger um eine starke Führungspersönlichkeit, sondern um eine stabile Regierung.

Von Robin Williamson

Zur Person

Prof. Dr. Sir Anton Muscatelli ist seit 2009 Rektor und Vize-Kanzler der Universität Glasgow. Der gebürtige Italiener ist Wirtschaftswissenschaftler und forscht unter anderem zu internationalen Finanzmärkten und Finanzpolitik. Foto: t&w