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Der Grafiker Klaus Staeck. Quelle: Roland Weihrauch/dpa

„Schorlemmer weiß, wie zerbrechlich die Demokratie ist“

Der Grafiker Klaus Staeck kennt Friedrich Schorlemmer seit knapp 30 Jahren. Anlässlich des 75. Geburtstages des Pfarrers aus Wittenberg an diesem Donnerstag spricht er im RND-Interview über Freundschaft in Zeiten der Deutschen Einheit.

Auf die Frage nach einem Interview zu Friedrich Schorlemmers 75. Geburtstag ist Klaus Staeck sofort bereit. Denn Schorlemmer und der Grafiker aus Heidelberg, der als Präsident der Berliner Akademie der Künste amtierte, kennen sich seit langem und sind befreundet. Als Schorlemmer 2015 Ehrenbürger von Wittenberg wurde, hielt Staeck – der in Bitterfeld aufwuchs, dort Abitur machte und 1956 gen Westen floh – die Laudatio.

Herr Staeck, Friedrich Schorlemmer wird 75 Jahre alt. Was fällt Ihnen dazu ein?

Dass allein die Zahl bei uns „alten Kämpfern“ wenig aussagt. Immer wenn ich auf dem Weg nach Berlin bin und der Zug in Wittenberg hält, dann versuche ich, Friedrich Schorlemmer anzurufen. Und wenn ich ihn erreiche, dann ist die Stimme jedes Mal klar und fest – und, wie es sich für einen Christenmenschen gehört, optimistisch.

Wie oft sehen Sie sich?

Wir sehen uns viel zu selten. Denn wir sind beide noch relativ aktiv und viel unterwegs. Das ist auch nötig. Denn für uns beide gilt: „Nichts ist erledigt.“ Wenn politisch etwas zu tun ist, dann jetzt.

Sie meinen den Rechtsruck.

Ja, natürlich. Die Weltlage ist ja so, dass ich manchmal in Versuchung komme, mir gar keine Nachrichten mehr anzuhören. Früher haben wir bei Gelegenheiten wie diesen immer gesagt: „Das Bett brennt schon an drei Enden.“

Fangen wir von vorne an. Wann haben Sie sich kennen gelernt?

Sehr bald nach dem Mauerfall. Um das genau zu sagen, müsste ich nachschauen. Es gab dann Zeiten, in denen wir jeden Abend telefoniert haben. Wir haben das immer Mitternachtsgespräche genannt. Entweder rief er mich an oder ich ihn. Dabei haben wir die neuesten Entwicklungen kritisch begleitet. Im Oktober 2015 habe ich schließlich die Laudatio zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Wittenberg an ihn gehalten. Da habe ich gesagt: „Er hat unsere Freundschaft immer als ganz persönliches Geschenk der wieder errungenen deutschen Einheit verstanden.“ Der Satz bleibt gültig. Damals hatten wir die Hoffnung, dass ein demokratisches und verlässliches Deutschland entsteht. Inzwischen kann man daran wieder Zweifel haben.

Tägliche Telefonate

Wie haben Sie Schorlemmer in diesen ersten Jahren erlebt?

Ich erinnere mich, dass er zunächst Fraktionsvorsitzender der SPD im Wittenberger Stadtparlament war. Es war nicht selbstverständlich, dass sich jemand wie er aktiv einbringt und nicht nur von außen Zensuren verteilt. Wir haben beide immer die Verpflichtung gesehen, uns als Bürger einzumischen – so tatkräftig es irgendwie geht. Und wir haben beide die Politik nicht als etwas empfunden, bei dem man sich die Hände schmutzig macht.

Haben Sie sich damals eigentlich als Ost- und als Westdeutscher wahrgenommen? Oder spielte das bei Ihnen, der Sie ja in Bitterfeld aufgewachsen sind, gar keine Rolle?

Wir sind in vielerlei Hinsicht Verwandte – auch wegen meiner Brüder, die noch in Bitterfeld lebten. Jedenfalls waren wir uns nicht fremd und haben die schnelle Vereinigung kritisch betrachtet, weil wir eine möglichst gleichberechtigte Vereinigung wollten. Abgesehen davon hat Schorlemmer in den 1980er-Jahren im Wittenberger Lutherhof ja nicht nur tatsächlich ein Schwert zu einer Pflugschar um schmieden lassen. Er hat seinerzeit und auch später stets für den Umweltschutz gekämpft. Die „Bewahrung der Schöpfung“ – darum geht’s doch. Wir sind Einmischer, in fremde und damit auch eigene Angelegenheiten.

Was ist Schorlemmers Hauptverdienst?

Dass er als Theologe die Kirche als etwas unbedingt Nahbares vermitteln kann. Er ist nicht der abgehobene Prediger, der nur auf der Kanzel zur Hochform aufläuft. Er kümmert sich um die alltäglichen Dinge und weiß, wie zerbrechlich die Demokratie ist.

Wir sprechen jetzt über Stärken. Hat Schorlemmer auch Schwächen?

Wir beide werden von anderen vielleicht als zu aktiv wahrgenommen – zumal wir auch von anderen etwas erwarten. Wir sind keine Dulder, wenn es um die Beseitigung von Missständen geht. Wir sind in gewisser Weise Anstifter. Und Anstifter, die die behagliche Ruhe stören wollen, sind nicht durchweg beliebt.

Einige hielten Schorlemmer zumal in den bewegten 1990er-Jahren auch für eitel, weil er keiner Auseinandersetzung auswich, sondern sie regelrecht suchte.

Nicht wenige verwechseln eine besondere Aktivität immer gleich mit Eitelkeit. Ich habe ihn nie so empfunden. Schorlemmer hat eine klare Haltung und vertritt sie mit einer Überzeugung, die andere vielleicht ein bisschen übertrieben finden. Man darf Selbstbewusstsein trotzdem nicht mit Eitelkeit verwechseln.

Nun haben viele einst linke und liberale Intellektuelle in Ost wie West die Seiten gewechselt und stehen jetzt rechts.

Da gehören wir nicht dazu. Ich habe immer einen Maßstab, nach dem ich Menschen beurteile: Verlässlichkeit. Das gilt ebenfalls für uns beide. Auch in schwierigen Situationen kann man sich auf uns verlassen. Das bedeutet manchmal, dass man nicht mit dem Zeitgeist einhergeht. Insofern sind wir Störer der alltäglichen Verhältnisse.

Wie viel gehört dazu, bei seiner Haltung zu bleiben, wenn es viele andere nicht tun?

Leicht ist das auf keinen Fall. Es erfordert schon viel Energie.

„Es geht weiter“

Sie sagen, Schorlemmer mische sich weiter ein. Mir fällt aber auf, dass er sich heute anders als früher gelegentlich auch mal raushält.

Das ist doch normal. Die aufgeregten Nachwende-Zeiten sind vorüber. Und vieles, was wir erhofft und erwartet haben, ist nicht in Erfüllung gegangen. Aber wir sind weiterhin bei denen, die die Demokratie verteidigen. Wie gesagt: Da kann man sich auf uns verlassen.

Dass die öffentlichen Auseinandersetzungen jetzt von anderen und vor allem jüngeren geführt werden – ist das ein schmerzlicher Prozess für öffentliche Menschen wie Schorlemmer und Sie?

Die Kräfte des Menschen sind begrenzt, gar keine Frage. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass er müde wird, sondern dass er zornig bleibt. Und Zorn kann eine Kraftquelle sein.

Wer ist Friedrich Schorlemmer, wenn man sich das Politische wegdenkt?

Dann bleibt er immer noch der überzeugte Christenmensch. Letztlich kann man beides nicht trennen.

Sie sind 81 und damit sechs Jahre älter als Schorlemmer. Was raten Sie ihm anlässlich seines Geburtstages?

Ich wünsche ihm alles Gute, und das heißt in unserem Alter vor allem: Gesundheit. Und ich rate ihm, keine Sorge vor dem Stillstand zu haben. Auch nach dem 75. Geburtstag gilt: Es geht weiter.

Von Markus Decker/RND

Der Grafiker Klaus Staeck.