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Ein alter Mann auf einer Bank in Hannover: Einsamkeit kann jeden treffen. In der Politik findet das Thema bisher kaum Beachtung. Quelle: © epd-bild / Jens Schulze

Einsamkeit geht die Politik sehr wohl etwas an!

Laut einer Studie leben Millionen Menschen in Deutschland weitgehend isoliert. Kann das den Staat kalt lassen? Nein, denn er hat das Phänomen durch seine Politik verstärkt, kommentiert Christian Burmeister.

Es ist eine „versteckte Epidemie“: 9,5 Prozent der Bundesbürger geben nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft an, sich einsam zu fühlen. Das sind mehrere Millionen Menschen. Die Politik reagiert bisher nicht ausreichend auf das Problem.

Zyniker könnten fragen: Was geht es den Staat an, wenn Menschen einsam sind? Ist nicht jeder selbst dafür verantwortlich, soziale Beziehungen zu pflegen? Warum richten wir nicht gleich ein „Glücksministerium“ ein? Solche Fragen verkennen aber die Mit-Verantwortung der Politik für die heutige Situation.

Klar: Jeder einzelne muss sich anstrengen, soziale Kontakte aufzubauen und zu halten. Nicht jeder tut das. Manche können es nicht, weil sie Krankheit oder Armut hindert. Aber es sind auch politische Entwicklungen, die die Vereinsamung begünstigen: Seit der Agenda 2010 ist der flexible Arbeitnehmer ein Ideal, der ohne Rücksicht auf soziale Bindungen quer durch die Republik zieht. Dazu gibt es viele Jobs, die ein Privatleben kaum noch zulassen. Bund und Kommunen haben Grundstücke verhökert, ohne auf sozial ausgeglichene und begegnungsfreundliche Bebauung zu drängen. Die Öffentlichen Verkehrsbetriebe haben ihr Angebot vor allem im ländlichen Raum oft ausgedünnt. All das macht es für Menschen schwieriger, Kontakt zu knüpfen und zu pflegen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Es geht auch um das „Sich-Nicht-Wahrgenommen-Fühlen“ vieler Bürger

Laut Studien kann Einsamkeit dramatische gesundheitliche Folgen haben. Ähnlich wie Drogenkonsum. Warum beschäftigt die Bundesregierung also einen Drogen-Beauftragten, aber keinen Einsamkeits-Beauftragten, oder gar einen Minister, wie es ihn in Großbritannien seit 2018 gibt?

Dieser könnte wohl keine Wunder bewirken – aber er könnte mithelfen, damit sich das Millionenheer der Einsamen ein wenig mehr wahr- und mitgenommen fühlt. Wer das für überflüssig hält, sollte bedenken, dass es nicht zuletzt dieses „Sich-Nicht-Wahrgenommen-Fühlen“ durch die Politik ist, das den Rechtspopulismus bei vielen Bürgern populär gemacht hat.

Von Christian Burmeister/RND

Ein alter Mann auf einer Bank in Hannover: Einsamkeit kann jeden treffen. In der Politik findet das Thema bisher kaum Beachtung.